Habrecht saß am Tische mitten im Zimmer, beim Schein einer kleinen hell brennenden Lampe, und las. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch und die Wangen auf die geballten Fäuste gestützt, und diese sonst so fahlen Wangen waren gerötet, und die sonst immer so matt und müde blickenden Augen glühten in seltsam schmerzlicher Begeisterung. Wie aus einer höheren, traurig schönen Welt ins irdische Elend zurückgezerrt, sah er, halb zürnend, halb erschrocken, zu dem ungestümen Eindringling hinüber und verbarg dabei mit einer unwillkürlichen Bewegung beider Hände die Blätter des aufgeschlagen vor ihm liegenden Buches.

»Herr Lehrer!« keuchte Pavel atemlos, »Herr Lehrer, heben Sie mir mein Geld auf!« Er hielt ihm sein Beutelchen hin und berichtete in hastigen, abgebrochenen Sätzen, wie er zu dem Reichtum gekommen war und in welchen Verdacht er sich bei den Leuten gesetzt hatte, die nun da unten Spektakel machten.

»Hat dich wieder der Teufel geritten?« fuhr Habrecht ihn an, lief zum Fenster, öffnete es, schrie hinab, so laut er konnte, und befahl der brüllenden Meute, sich zurückzuziehen. Er nehme den Buben in Gewahrsam, er stehe gut für ihn, er werde ihn morgen schon selbst dem Bürgermeister vorführen. Half alles nichts, er mußte seine Warte verlassen und sich hinunter zu den Stürmern begeben, um sie wenigstens daran zu hindern, ihm die Tür einzurennen. Und derweil der Alte auf der Straße parlamentierte, stand Pavel in der Stube, mit brennendem Kopf, die Hände, die seinen durch ihn selbst gefährdeten Schatz festhielten, an die Brust gepreßt. Ich will's nicht wieder tun, ich will so etwas nicht mehr sagen, dachte er.

Eine ihm endlos dünkende Zeit verstrich, der Lärm nahm allmählich ab, es ward still. Arnost und seine Begleiter traten den Rückzug an, doch hörte man noch lange ihre erregten Stimmen. Der Lehrer betrat die Stube, er war sehr erhitzt, und eine unerhörte Verwirrung herrschte in seinen dünnen, nach allen Richtungen flatternden Haaren.

»Jetzt sind sie fort«, sagte Pavel, und Habrecht brummte: »Wenn sie nur nicht wiederkommen.«

»Sie sollen sich unterstehen!« rief der Junge mit einem bedeutsamen Blick auf den Krug, der im Winkel neben dem Bette stand. »Wenn sie wiederkommen, schütte ich ihnen Wasser auf den Kopf.«

»Das wirst du bleiben lassen, denk erst daran, dein Geld zu verstecken. Schau her!« Der Lehrer rückte den Tisch gegen die Wand und hob ein Stück der Diele, auf welcher derselbe gestanden, in die Höhe. Es zeigte sich ein kleiner hohler Raum, in den der Lehrer das Buch, mit dem Pavel ihn beschäftigt gefunden, und das Geld legte und den er sorgsam verdeckte.

Der Junge hatte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zugesehen, und nachdem alles in Ordnung gebracht war und der Tisch wieder auf dem alten Fleck stand, fragte er: »Was ist's denn mit dem Buch? Ist's ein Hexenbuch?«

Habrecht geriet in Zorn: »Wie töricht redest du und wie frech; weiß nicht, was mich am meisten verdrießt, willst auch mich zum Feinde haben, hast noch nicht Feinde genug? Manchmal«, fuhr er, immer mehr in Hitze geratend, fort, »habe ich mich gewundert, daß sie alle gegen dich sind, ich hätte mich nicht wundern sollen, es kann nicht anders sein, es ist deine eigene Schuld. Wen magst denn du? Vor wem hast denn du Achtung?... Nicht einmal vor mir!... Ein Hexenbuch!«

Er wiederholte das Wort mit einem neuen Ausbruch der Entrüstung und rang die anklagend erhobenen Hände.

Pavels Gesicht hatte sich gerötet und sah förmlich angeschwollen aus, um seinen Mund zitterte es, als ob er in Tränen ausbrechen wollte. Mit vieler Mühe würgte er das Geständnis hervor, daß er entschlossen sei, von heute an ein neues Leben anzufangen, wie er es am Morgen seiner Schwester Milada habe versprechen müssen. Nun entsetzte sich der Lehrer noch mehr und lachte grimmig. Das war das Rechte, das hatte der Junge gut gemacht - vernünftig gewollt, unsinnig gehandelt, weiß beschlossen, schwarz getan. Plötzlich griff er sich an den Kopf und stöhnte im tiefsten Schmerze auf. »Dummer Kerl, armer Teufel, ich kenn das! ich könnt etwas davon erzählen, ich - aber dir noch nicht«, unterbrach er sich und fuhr mit dem Zeigefinger dicht vor Pavels Nase hin und her, als er sah, wie dieser in hoher Spannung aufhorchte. »Das ist keine Geschichte für dich, jetzt noch nicht, später vielleicht einmal, wenn du gescheiter geworden bist - und wunder. Jetzt kriegst du die Wunden erst, aber du spürst sie noch nicht oder oberflächlich, vorübergehend; warte, bis sie sich werden eingefressen haben - dann wirst du an mich denken, dann - im Alter. Dann wirst du wissen: Das ist das Ärgste, im Alter leiden um einer Jugendtorheit willen. Nicht einmal groß, Tausende haben Schlimmeres getan und leben in Frieden mit sich und mit der Welt. Ein Übermut - eine närrische Prahlerei - kaum eine Lüge, und doch just genug, um eine Hölle da drinnen anzufachen.« Er klopfte sich mit der Faust auf die eingedrückte Brust, sank auf den Sessel zurück, warf sich über den Tisch und vergrub den Kopf in die verschränkten Arme. So lag er lange, wie von Fieberfrösten durchrieselt, und Pavel betrachtete ihn mitleidig und wagte nicht, sich zu rühren. Was tat denn der Herr Lehrer?... Schluchzte er? War es der Krampf eines unaufhaltsamen Weinens, was diesen gebrechlichen Körper so erschütterte? Du lieber Gott, worüber kränkte sich der Mann? Worin bestand das Unrecht, was er in seiner Jugend begangen hatte und das ihn im Alter nicht mehr froh werden ließ?... Neugier war sonst Pavels Sache nicht, das Geheimnis des Lehrers aber hätte er gern ergründet. Und geholfen hätte er ihm auch gern, ihm und sich selber mit. In welcher Weise, war ihm bereits eingefallen; es gab ja heute einen solchen Sturm und Sturz von Gedanken in seinem Kopf, daß er sie ordentlich sausen und krachen hörte.

»Herr Lehrer«, begann er, näherte sich ihm und tippte leise mit dem Finger auf seine Schulter. »Herr Lehrer, hören Sie, ich will Ihnen etwas sagen.«

Habrecht richtete sich auf, lächelte trübsinnig und sprach: »Bist noch da, dummer Junge, geh nach Hause. - Geh!« wiederholte er streng, als seine erste Aufforderung ohne Wirkung blieb.

Pavel jedoch stand fest wie ein verkörperter Entschluß, blickte dem Lehrer ruhig in die Augen und beteuerte, nach Hause gehe er nicht, heute müsse er etwas anfangen. Er habe schon im Kloster anfangen wollen, dort sei es aber nichts gewesen, und so bäte er, beim Herrn Lehrer anfangen zu dürfen.

»Was«, fragte der, »was denn anfangen?«

»Das neue Leben«, erwiderte Pavel und wußte erstaunlich gut Bescheid darüber zu geben, wie er sich dasselbe vorstelle. Im Kloster hatte er demütig gebeten, man möge ihn behalten; dem Lehrer versprach er in beinahe tröstlicher Weise, er werde von nun an immer bei ihm bleiben und dafür sorgen, daß ihm ein rechter Nutzen aus dieser Hausgenossenschaft erwachse. Wie oft habe sich der Lehrer über die Nachlässigkeit ärgern müssen, mit welcher die Gemeinde ihrer Pflicht nachkam, das zur Schule gehörende Feld zu bestellen. Jetzt wolle er dieses Feld in seine Obhut nehmen und den Garten ebenfalls; bald werde man sehen, ob das Feld noch schlecht bestellt, ob der Garten noch eine Wildnis seit. Nicht eben breit, aber sehr langsam setzte Pavel auseinander, wie fleißig er sein und zum Entgelt nichts ansprechen wolle als ein Obdach und die Kost. Geld verdienen könnte er im Spätherbst und im Winter in der Fabrik, wo sie bis zu einem Gulden Taglohn zahlen. Habe er deren hundert beisammen, dann ließe sich an den Ankauf von soviel Grund und Boden denken, als man brauche, um ein Haus darauf zu bauen. Seine Schwester werde ihrerseits weitersparen, und sooft als nur möglich wolle er sie besuchen - er wisse, wie gar sehr böse es für ihn gewesen sei, daß er sie so lange nicht habe sehen dürfen. Am Ende verfiel er wieder in seinen tröstlichen Ton und versprach, sich am Abend regelmäßig beim Lehrer einzufinden: »Damit Sie nicht so allein sind, da können Sie lesen in Ihrem -« schon wollte er sagen: Hexenbuch, verschluckte aber glücklich die zwei ersten Silben und sprach nur die letzte aus -, »und ich zähl indessen mein Geld.«

Habrecht hatte ihn reden lassen und dabei einige Male vor sich hingeseufzt: »Dummer Bub«, aber Pavel konnte dennoch bemerken, daß der Lehrer nicht so abgeneigt war, wie er sich stellte, die Ausführbarkeit des vorgebrachten Planes zuzugeben.

»Alles gut«, sagte er endlich, »oder wenigstens nicht so unvernünftig, wie man's von dir gewohnt ist; aber doch alles nichts, kann alles nicht sein ohne Erlaubnis der Gemeinde.«

Die werde zu haben sein, der Herr Lehrer solle sich nur recht ansetzen! meinte Pavel und verfocht seine Meinung mit solcher Unerschütterlichkeit, wiederholte, wenn eine neue Antwort auf neue Einwände ihm nicht einfiel, mit so störrischem Gleichmut immer wieder die alte, bis der Lehrer sich überwunden gab und ausrief: »So bleib denn in Gottes Namen, wenn du schon nicht wegzubringen bist, Klette!«

Da machte Pavel einen Freudensprung, unter dessen Wucht der Boden zitterte, und jauchzte: »Ich hab's ja gewußt, der Herr Lehrer wird mir helfen.«

Der Lehrer verwies ihm seine Plumpheit, seine Wildheit, und immerfort zankend, aber mit einem ungewohnten Ausdruck tiefinnerster Zufriedenheit in seinem armen, grauen Gesicht, traf er Anstalt zur Bewirtung und Aufnahme des Gastes. Pavel erhielt ein Butterbrot, das ihm so ausgezeichnet schmeckte wie noch nie zuvor und wie auch später niemals wieder ein Butterbrot, und wurde in die ans Zimmer stoßende Kammer gewiesen. Der Lehrer breitete einen Kotzen auf dem Boden aus: »Da streck dich aus und schlaf gleich ein«, befahl er, deckte den Jungen mit einem fadenscheinigen Radmantel zu und ging, die Tür hinter sich schließend. Pavel blieb im Dunkeln zurück und hatte den besten Willen, der letzten Weisung des Lehrers nachzukommen, doch gelang es ihm nicht, denn seine Seele war des Jubels zu voll. So hatte es denn angefangen, das neue Leben! so lag er nicht mehr frierend, zusammengekauert im Flur der Hirtenhütte, in dem der Wind eiskalt und messerscharf durch die klaffenden Türspalten drang; er lag unter einem Mantel aus wirklichem Tuch in einer Kammer, wo die Luft fest eingesperrt war und wo es vortrefflich roch, nach allerhand guten Sachen, nach altehrwürdigen Gewändern, nach Schabenkräutern, nach Stiefeln, nach saurer Milch. Wie wohl befand er sich und wie genoß er im vorhinein die Freude, die Milada haben würde an seinem Glück! Im Gedanken an seine Schwester schloß er die Augen, und als er sie wieder öffnete, schimmerte die schlanke Sichel des jungen Mondes durchs Fenster herein. Er grüßte ihn und sagte zu ihm: »Auch du fängst an, wir fangen beide an.« Dabei überkam ihn trotz all des Neuen, das ihn umgab, trotz all des Neuen, das in ihm gärte und keimte, zum erstenmal nach langer, langer Zeit ein Heimatsgefühl. Plötzlich stieg die Erinnerung an die Nächte vor ihm auf, die er einst mit seinen Eltern unter den Dächern der Ziegelschuppen zugebracht, in der Fremde und doch zu Hause, weil ja das ganze häusliche Elend mitgezogen war. Und nun gab es für ihn wieder ein Zuhause und ein besseres als das frühere; er brauchte den Vater nicht mehr zu fürchten, und die Mutter war fern... Die Mutter freilich wird wiederkommen und dann... Es durchrieselte ihn, er hüllte sich dichter in den Mantel und sprach sein kurzes, kräftiges Gebet, dessen Hauptinhalt lautete: »- Lieber Herrgott, du siehst, daß ich den rechten Weg eingeschlagen habe; jetzt, lieber Herrgott, paß auf, daß ich ihn nicht wieder verlassen muß.«


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