Johann Gottlieb Fichte

Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung


Veröffentlicht in: "Philosophisches Journal einer Gesellschaft Teutscher Gelehrter", Erstes Heft, Jena und Leipzig 1798


Der Verfasser dieses Aufsatzes erkannte es schon längst für seine Pflicht, die Resultate seines Philosophierens über den oben angezeigten Gegenstand, welche er bisher in seinem Hörsaale vortrug, 1) auch dem größern philosophischen Publikum zur Prüfung und gemeinschaftlichen Beratung vorzulegen. Er wollte dies mit derjenigen Bestimmtheit und Genauigkeit tun, zu welcher die Heiligkeit der Materie für so viele ehrwürdige Gemüter jeden Schriftsteller verbindet; indessen war seine Zeit durch andere Arbeiten ausgefüllt, und die Ausführung eines Entschlusses verzog sich von einer Zeit zur andern.

Indem er gegenwärtig, als Mitherausgeber dieses Journals, den folgenden Aufsatz eines trefflichen philosophischen Schriftstellers mit vor das Publikum zu bringen hat, findet er von der einen Seite eine Erleichterung; da dieser Aufsatz in vielen Rücksichten mit seiner eignen Überzeugung übereinkommt, er auf ihn sich berufen und dem Verf. desselben es überlassen kann, auch mit in seinem Namen zu reden; von einer andern Seite aber eine dringende Aufforderung, sich zu erklären, indem derselbe Aufsatz in manchen andern Rücksichten seiner Überzeugung nicht sowohl entgegen ist, als nur dieselbe nicht erreicht; und es ihm doch wichtig scheint, daß die Denkart über diese Materie, welche aus seiner Ansicht der Philosophie hervorgeht, gleich anfangs vollständig vor das Publikum gebracht werde. Er muß sich jedoch vor jetzo begnügen, nur den Grundriß seiner Gedankenfolge anzugeben, und behält sich die weitere Ausführung auf eine andere Zeit vor.

Was den Gesichtspunkt bisher fast allgemein verrückt hat und vielleicht noch lange fortfahren wird, ihn zu verrücken, ist dies, daß man den sogenannten moralischen oder irgendeinen philosophischen Beweis einer göttlichen Weltregierung für einen eigentlichen Beweis gehalten; daß man anzunehmen geschienen, durch jene Demonstrationen solle der Glaube an Gott erst in die Menschheit hineingebracht und ihr andemonstriert werden. Arme Philosophie! Wenn es nicht schon im Menschen ist, so möchte ich wenigstens nur das wissen, woher denn deine Repräsentanten, die doch wohl auch nur Menschen sind, selbst nehmen, was sie durch die Kraft ihrer Beweise uns geben wollen; oder, wenn diese Repräsentanten in der Tat Wesen von einer höhern Natur sind, wie sie darauf rechnen können, Eingang bei uns andern zu finden, und uns verständlich zu werden, ohne etwas ihrem Glauben Analoges in uns vorauszusetzen? - So ist es nicht. Die Philosophie kann nur Fakta erklären, keineswegs selbst welche hervorbringen; außer, daß sie sich selbst als Tatsache hervorbringt. Sowenig es dem Philosophen einfallen wird, die Menschen zu bereden, daß sie doch hinführo die Objekte ordentlich als Materie im Raume und die Veränderungen derselben ordentlich als in der Zeit aufeinanderfolgend denken möchten; sowenig lasse er sich einfallen, sie dazu bereden zu wollen, daß sie doch an eine göttliche Weltregierung glauben. Beides geschieht wohl ohne sein Zutun; er setzt es als Tatsache voraus; und er ist lediglich dazu da, diese Tatsachen als solche aus dem notwendigen Verfahren jedes vernünftigen Wesens abzuleiten. Also - wir wollen unser Räsonnement keinesweges für eine Überführung des Ungläubigen, sondern für eine Ableitung der Überzeugung des Gläubigen gehalten wissen. Wir haben nichts zu tun, als die Kausalfrage zu beantworten: wie kommt der Mensch zu jenem Glauben?

Der entscheidende Punkt, auf den es bei dieser Beantwortung ankommt, ist der, daß jener Glaube durch dieselbe nicht etwa vorgestellt werde als eine willkürliche Annahme, die der Mensch machen könne oder auch nicht, nachdem es ihm beliebe, als ein freier Entschluß, für wahr zu halten, was das Herz wünscht, weil es dasselbe wünscht, als eine Ergänzung oder Ersetzung der zureichenden Überzeugungsgründe durch die Hoffnung. Was in der Vernunft gegründet ist, ist schlechthin notwendig; und was nicht notwendig ist, ist eben darum vernunftwidrig. Das Fürwahrhalten desselben ist Wahn und Traum, so fromm auch etwa geträumt werden möge.

Wo wird nun der Philosoph, der jenen Glauben voraussetzt, den notwendigen Grund desselben, den er zutage fördern soll, aufsuchen? Etwa in einer vermeinten Notwendigkeit, von der Existenz oder der Beschaffenheit der Sinnenwelt auf einen vernünftigen Urheber derselben zu schließen? Keinesweges; denn er weiß zu gut, daß zwar eine verirrte Philosophie, in der Verlegenheit, etwas erklären zu sollen, dessen Dasein sie nicht leugnen kann, dessen wahrer Grund ihr aber verborgen ist, nimmermehr aber der unter der Vormundschaft der Vernunft und unter der Leitung ihres Mechanismus stehende ursprüngliche Verstand eines solchen Schlusses fähig ist. Entweder erblickt man die Sinnenwelt aus dem Standpunkte des gemeinen Bewußtseins, den man auch den der Naturwissenschaft nennen kann, oder vom transzendentalen Gesichtspunkte aus. Im ersten Falle ist die Vernunft genötigt, bei dem Sein der Welt, als einem Absoluten, stehenzubleiben; die Welt ist, schlechthin weil sie ist, und sie ist so, schlechthin weil sie so ist. Auf diesem Standpunkt wird von einem absoluten Sein ausgegangen, und dieses absolute Sein ist eben die Welt; beide Begriffe sind identisch. Die Welt wird ein sich selbst begründendes, in sich selbst vollendetes und eben darum ein organisiertes und organisierendes Ganzes, das den Grund aller in ihm vorkommenden Phänomene in sich selbst und in seinen immanenten Gesetzen enthält. Eine Erklärung der Welt und ihrer Formen aus Zwecken einer Intelligenz ist, inwiefern nur wirklich die Welt und ihre Formen erklärt werden sollen, und wir uns sonach auf dem Gebiete der reinen - ich sage der reinen Naturwissenschaft befinden, totaler Unsinn. Überdies hilft uns der Satz: eine Intelligenz ist Urheber der Sinnenwelt, nicht das geringste und bringt uns um keine Linie weiter; denn er hat nicht die mindeste Verständlichkeit und gibt uns ein paar leere Worte statt einer Antwort auf die Frage, die wir nicht hätten aufwerfen sollen. Die Bestimmungen einer Intelligenz sind doch ohne Zweifel Begriffe; wie nun diese entweder in Materie sich verwandeln mögen, in dem ungeheuern Systeme einer Schöpfung aus Nichts, oder die schon vorhandene Materie modifizieren mögen, in dem nicht viel vernünftigem Systeme der bloßen Bearbeitung einer selbständigen ewigen Materie, darüber ist noch immer das erste verständliche Wort vorzubringen.

Erblickt man die Sinnenwelt vom transzendentalen Gesichtspunkte aus, so verschwinden freilich alle diese Schwierigkeiten; es ist dann keine für sich bestehende Welt: in allem, was wir erblicken, erblicken wir bloß den Widerschein unsrer eignen innern Tätigkeit. Aber was nicht ist, nach dessen Grunde kann nicht gefragt werden; es kann nichts außer ihm angenommen werden, um dasselbe zu erklären.*

* Man müßte denn nach dem Grunde des Ich selbst fragen. Unter den allerdings originellen Fragen, welche an die Wissenschaftslehre ergingen, blieb jedoch diese dem neusten Göttingischen Metaphysiker allein vorbehalten, welcher sie in seiner Rez[ensionj d[er] W[issenschafts] L[ehre] in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen wirklich erhebt.2) Mit was für Leuten man nicht zu tun bekommt, wenn man sich in unserm philosophischen Jahrhunderte mit Philosophieren beschäftigt! Kann denn das Ich sich selbst erklären, sich selbst erklären auch nur wollen, ohne aus sich herauszugehen und aufzuhören, Ich zu sein? Wobei nach einer Erklärung auch nur gefragt werden kann, das ist sicher nicht das reine (absolut freie und selbständige) Ich; denn alle Erklärung macht abhängig Von derselben Art ist, und aus demselben Geiste geht hervor der Vorwurf desselben Rez., die W. L. habe ihren Grundsatz - sprich ihren Grundsatz - nicht - erwiesen. Wenn der Satz, von welchem sie ausgeht, bewiesen werden könnte, so wäre er eben darum nicht Grundsatz; sondern der höchste Satz, aus dem er bewiesen würde, wäre es, und von diesem sonach würde ausgegangen. Aller Beweis setzt etwas schlechthin Unbeweisbares voraus.

Dasjenige, wovon die W. L. ausgeht, läßt sich nicht begreifen noch durch Begriffe mitteilen, sondern nur unmittelbar anschauen: Wer diese Anschauung nicht hat, für den bleibt die W. L. notwendig grundlos und lediglich formal; und mit ihm kann dieses System schlechterdings nichts anfangen. Dieses freimütige Geständnis wird hier nicht zum ersten Male abgelegt; aber es ist nun einmal Sitte, daß, nachdem man eine Erinnerung im allgemeinen vorgebracht, man sie noch jedem neuen einzelnen Gegner insbesondere mitteilen muß, und daß man darüber nicht im mindesten verdrießlich werden soll: und ich will hierdurch mit aller Freundlichkeit dieser meiner Pflicht gegen jenen Gegner mich erledigt haben. Das prvtou yendoz 3) desselben ist dies, daß ihm noch nicht gehörig klargeworden: wenn überhaupt Wahrheit, und insbesondere mittelbare (durch Folgerung vermittelte) Wahrheit sei, es ein unmittelbar Wahres geben müsse. Sobald er dies eingesehen haben wird, suche er nach diesem Unmittelbaren so lange, bis er es findet. Dann erst wird er fähig sein, das System der W. L. zu beurteilen, denn erst dann wird er es verstehen; welches bis jetzt, unerachtet seiner mehrmaligen Versicherungen, der Fall nicht ist; wie dies nun beim kalten Erwägen der obigen Erinnerungen vielleicht ihm selbst wahrscheinlich werden wird.


1) Fichte hatte im Rahmen seiner seit dem Wintersemester 1795/96 regelmäßig gehaltenen Vorlesungen über Logik und Metaphysik anhand von Platners „Philosophischen Aphorismen" - auch „über Gott, über den Ursprung der Religion und der Religiosität in den Menschen" gesprochen. Vorlesungsnachschriften darüber veröffentlichte der ehemalige Student Christian Wilhelm Friedrich Penzenkuffer 1799 anonym in Bayreuth, um damit zugunsten Fichtes in den Streit über die Anklage des Atheismus einzugreifen: „Etwas von dem Herrn Professor Fichte und für ihn. Herausgegeben von einem wahrheitsliebenden Schulmeister."

2) Friedrich Bouterwek schrieb in seiner Rezension: „so bleibt uns doch die Wissenschaftslehre den Beweis schuldig, daß die absolute Selbsttätigkeit des Ich wirklich der Grund alles Wissens ist". Siehe: „Jena bei Mauke: Auswahl vermischter Schriften von Carl Leonhard Reinhold, Professor in Kiel. Erster Teil 1796, Zweiter Teil 1797", in: Göttingische Anzeigen von gelehrte Sachen unter der Aufsicht der königl. Gesellschaft der Wissenschaften, 194. Stück, 7. Dez. 1797.

3) Das erste Falsche, die erste Täuschung


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