Charlotte, welche froh war, daß das Gespräch sich wendete, versetzte heiter:» nun!
Wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das Gute stück- und teilweise zu genießen«.
»Gewiß«, versetzte der Graf, »Sie haben beide sehr schöner Zeiten genossen.
Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere, da Sie und Eduard das schönste Paar bei Hof waren; weder von so glänzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr.
Wenn Sie beide zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!« »Da sich so manches verändert hat«, sagte Charlotte, »können wir wohl soviel Schönes mit Bescheidenheit anhören«.
»Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt«, sagte der Graf, »daß er nicht beharrlicher war; denn am Ende hätten seine wunderlichen Eltern wohl nachgegeben; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit«.
»Ich muß mich seiner anehmen«, fiel die Baronesse ein.
»Charlotte war nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal quälte, sodaß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen«.
Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache.
»Und dann muß ich eins«, fuhr sie fort, »zu Charlottens Entschuldigung beifügen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn näher kannte, gewiß liebenswürdiger, als ihr andern gern zugestehen mögt«.
»Liebe Freundin«, versetzte der Graf etwas lebhaft, »bekennen wir nur, daß er Ihnen nicht ganz gleichgültig war, und daß Charlotte von Ihnen mehr zu befürchten hatte als von einer andern.
Ich finde das einen sehr hübschen Zug an den Frauen, daß sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stören oder aufheben lassen«.
»Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr«, versetzte die Baronesse; »wenigstens an Ihnen lieber Graf, habe ich bemerkt, daß niemand mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer, dem Sie früher geneigt waren.
So habe ich gesehen, daß Sie auf die Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben, um etwas auszuwirken, als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hätte«.
»Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen«, versetzte der Graf; »doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schöne Paar auseinandersprengte, ein wahrhaft prädestiniertes Paar, das, einmal zusammengegeben, weder fünf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte«.
»Wir wollen versuchen«, sagte Charlotte, »wieder einzubringen, was wir versäumt haben«.
»Da müssen Sie sich dazuhalten«, sagte der Graf.
»Ihre ersten Heiraten«, fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, »waren doch so eigentlich rechte Heiraten von der verhaßten Art, und leider haben überhaupt die Heiraten - verzeihen Sie mir einen lebhafteren Ausdruck - etwas Tölpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhältnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut.
Alles versteht sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das andere nunmehr seiner Wege gehe«. In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies Gespräch abbrechen wollte, von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr.
Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlaßt sich zu äußern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte Obstreichtum, die bunteste, in Prachtgefäßen schön verteilte Blumenfülle den vorzüglichsten Anteil hatte.
Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach Tische besuchte.
Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher Beschäftigung zurück; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift.
Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; später gesellte sich Charlotte zu ihm.
Als sie oben auf die Höhe gelangt waren und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte der Graf zu Charlotten: »dieser Mann gefällt mir außerordentlich.
Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet.
Ebenso scheint seine Tätigkeit sehr ernst und folgerecht.
Was er hier leistet, würde in einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein«.
Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen.
Sie faßte sich jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit.
Wie überrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: »diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener Zeit.
Ich weiß eine Stelle, an die der Mann vollkommen paßt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste verbinden«.
Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel.
Der Graf bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bändigen, behalten in den außerordentlichsten Fällen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung.
Doch hörte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: »wenn ich von etwas überzeugt bin, geht es bei mir geschwind her.
Ich habe schon meinen Brief im Kopfe zusammengestellt, und mich drängts, ihn zu schreiben.
Sie verschaffen mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann«.
Charlotte war innerlich zerrissen.
Von diesen Vorschlägen sowie von sich selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen.
Der Graf fuhr glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu sprechen, deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel.
Es war Zeit, daß der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete.
Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den sie
verlieren sollte!