»Erinnerst du dich«, fuhr der Graf fort, »welch Abenteuer ich dir recht freundschaftlich und uneigennützig bestehen helfen, als unsre höchsten Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitläufigen Schlosse zusammenkamen?

Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem, liebevollem Gespräch verstreichen«.

»Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt«, sagte Eduard.

»Wir gelangten glücklich zu meiner Geliebten«.

»Die«, versetzte der Graf, »mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit gedacht und eine sehr häßliche Ehrenwächterin bei sich behalten hatte; da mir denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet, ein höchst unerfreuliches Los zuteil ward«.

»Ich habe mich noch gestern«, versetzte Eduard, »als Sie sich anmelden ließen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern Rückzug.

Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden.

Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wußten, so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten, wie an den übrigen, vorbei gehen zu können.

Aber wie groß war beim Eröffnen der Türe unsere Verwunderung!

Der Weg war mit Matratzen verlegt, auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen.

Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber, im jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen über die ausgestreckten Stiefel weg, ohne daß auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern erwacht wäre«.

»Ich hatte große Lust zu stolpern«, sagte der Graf, »damit es Lärm gegeben hätte; denn welch eine seltsame Auferstehung würden wir gesehen haben!« In diesem Augenblick schlug die Schloßglocke zwölf.

»Es ist hoch Mitternacht«, sagte der Graf lächelnd, »und eben gerechte Zeit.

Ich muß Sie, lieber Baron, um eine Gefälligkeit bitten: führen Sie mich heute, wie ich Sie damals führte; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben, sie noch zu besuchen.

Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist natürlicher, als daß man sich nach einer vertraulichen Stunde sehnt.

Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rückweg will ich schon finden, und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel wegzustolpern haben«.

»Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefälligkeit erzeigen«, versetzte Eduard; »nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf dem Flügel.

Wer weiß, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst für Händel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen«.

»Nur ohne Sorge!« sagte der Graf; »die Baronesse erwartet mich.

Sie ist um diese Zeit gewiß auf ihrem Zimmer und allein«.

»Die Sache ist übringens leicht«, versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen Gang führte.

Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine Türe.

Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetentüre rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich öffnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurückließ.

Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer.

Er hörte reden und horchte.

Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: »ist Ottilie schon zu Bette?« - »Nein«, versetzte jene, »sie sitzt noch unten und schreibt«.

-»So zünde Sie das Nachtlicht an«, sagte Charlotte, »und gehe Sie nur hin: es ist spät.

Die Kerze will ich selbst auslöschen und für mich zu Bette gehen«.

Eduard hörte mit Entzücken, daß Ottilie noch schreibe.

'Sie beschäftigt sich für mich!' dachte er triumphierend.

Durch die Finsternis ganz in sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fühlte ein unüberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein.

Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoß, wo sie wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Türe, eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die Türe aufzudrehen, er fand sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht.

Sie ging in dem größeren Nebenzimmer lebhaft auf und ab.

Sie wiederholte sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte.

Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen.

Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden!

Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, daß auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden.

Sie verwünschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte Zeit, wo sie würden gelindert sein.

Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner, als sie bei ihr selten stattfand.

Sie warf sich auf den Sofa und überließ sich ganz ihrem Schmerz.

Eduard seinerseits konnte von der Türe nicht weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, sodaß Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr.

Der erste Gedanke war, es könne, es müsse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmöglich.

Sie hielt es für Täuschung, aber sie hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete es gehört zu haben.

Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentür.

Sie schalt sich über ihre Furcht.

‘Wie leicht kann die Gräfin etwas bedürfen!’ sagte sie zu sich selbst und rief gefaßt und gesetzt: »ist jemand da?« Eine leise Stimme antwortete: »ich bins«.