Wie verdrießlich ist mirs oft, mit anzuhören, wie man die Zehn Gebote in der Kinderlehre wiederholen läßt.

Das vierte ist noch ein ganz hübsches, vernünftiges, gebietendes Gebot.

'Du sollst Vater und Mutter ehren'. Wenn sich das die Kinder recht in den Sinn schreiben, so haben sie den ganzen Tag daran auszuüben.

Nun aber das fünfte, was soll man dazu sagen?

'Du sollst nicht töten'.

Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust hätte, den andern totzuschlagen!

Man haßt einen, man erzürnt sich, man übereilt sich, und in Gefolg von dem und manchem andern kann es wohl kommen, daß man gelegentlich einen totschlägt.

Aber ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und Totschlag zu verbieten?

Wenn es hieße: 'sorge für des andern Leben, entferne, was ihm schädlich sein kann, rette ihn mit deiner eigenen Gefahr; wenn du ihn beschädigst, denke, daß du dich selbst beschädigst': das sind Gebote, wie sie unter gebildeten, vernünftigen Völkern statthaben und die man bei der Katechismuslehre nur kümmerlich in dem 'was ist das?' nachschleppt.

Und nun gar das sechste, das finde ich ganz abscheulich!

Was?

Die Neugierde vorahnender Kinder auf gefährliche Mysterien reizen, ihre Einbildungskraft zu wunderlichen Bildern und Vorstellungen aufregen, die gerade das, was man entfernen will, mit Gewalt heranbringen!

Weit besser wäre es, daß dergleichen von einem heimlichen Gericht willkürlich bestraft würde, als daß man vor Kirch und Gemeinde davon plappern läßt«.

In dem Augenblick trat Ottilie herein.

»Du sollst nicht ehebrechen«, fuhr Mittler fort.

»Wie grob, wie unanständig!

Klänge es nicht ganz anders, wenn es hieße: 'du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbildung; wo du Gatten siehst, die sich lieben, sollst du dich darüber freuen und teil daran nehmen wie an dem Glück eines heitern Tages.

Sollte sich irgend in ihrem Verhältnis etwas trüben, so sollst du suchen, es aufzuklären; du sollst suchen, sie zu begütigen, sie zu besänftigen, ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen, und mit schöner Uneigennützigkeit das Wohl der andern fördern, indem du ihnen fühlbar machst, was für ein Glück aus jeder Pflicht und besonders aus dieser entspringt, welche Mann und Weib unauflöslich verbindet?« Charlotte saß wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um so ängstlicher, als sie überzeugt war, daß Mittler nicht wußte, was und wo ers sagte, und ehe sie ihn noch unterbrechen konnte, sah sie schon Ottilien, deren Gestalt sich verwandelt hatte, aus dem Zimmer gehen.

»Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot«, sagte Charlotte mit erzwungenem Lächeln.

»Alle die übrigen«, versetzte Mittler, »wenn ich nur das rette, worauf die andern beruhen«.

Mit entsetzlichem Schrei hereinstürzend rief Nanny: »sie stirbt!

Das Fräulein stirbt!

Kommen Sie!

Kommen Sie!« Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zurückgekommen war, lag der morgende Schmuck auf mehreren Stühlen völlig ausgebreitet, und das Mädchen, das betrachtend und bewundernd daran hin und her ging, rief jubelnd aus: »sehen Sie nur, liebstes Fräulein, das ist ein Brautschmuck, ganz Ihrer wert!« Ottilie vernahm diese Worte und sank auf den Sofa.

Nanny sieht ihre Herrin erblassen, erstarren; sie läuft zu Charlotten; man kommt.

Der ärztliche Hausfreund eilt herbei; es scheint ihm nur eine Erschöpfung.

Er läßt etwas Kraftbrühe bringen; Ottilie weist sie mit Abscheu weg, ja sie fällt fast in Zuckungen, als man die Tasse dem Munde nähert.

Er fragt mit Ernst und Hast, wie es ihm der Umstand eingab, was Ottilie heute genossen habe.

Das Mädchen stockt; er wiederholt seine Frage; das Mädchen bekennt, Ottilie habe nichts genossen.

Nanny scheint ihm ängstlicher als billig.

Er reißt sie in ein Nebenzimmer, Charlotte folgt, das Mädchen wirft sich auf die Kniee, sie gesteht, daß Ottilie schon lange so gut wie nichts genieße.

Auf Andringen Ottiliens habe sie die Speisen an ihrer Statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender Gebärden ihrer Gebieterin, und auch, setzte sie unschuldig hinzu, weil es ihr gar so gut geschmeckt.

Der Major und Mittler kamen heran; sie fanden Charlotten tätig in Gesellschaft des Arztes.

Das bleiche himmlische Kind saß, sich selbst bewußt, wie es schien, in der Ecke des Sofas.

Man bittet sie, sich niederzulegen; sie verweigerts, winkt aber, daß man das Köfferchen herbeibringe.

Sie setzt ihre Füße darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung.

Sie scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebärden drücken den Umstehenden die zarteste Anhänglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit, Abbitte und das herzlichste Lebewohl.

Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er stürzt in das Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, faßt ihre Hand und überschwemmt sie mit stummen Tränen.

So bleibt er lange.

Endlich ruft er aus: »soll ich deine Stimme nicht wieder hören?

Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben zurückkehren?

Gut, gut!

Ich folge dir hinüber; da werden wir mit andern Sprachen reden!« Sie drückt ihm kräftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an, und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen Bewegung der Lippen: »versprich mir zu leben!« ruft sie aus, mit holder, zärtlicher Anstrengung; doch gleich sinkt sie zurück.

»Ich versprech es!« rief er ihr entgegen, doch rief er es ihr nur nach; sie war schon abgeschieden.

Nach einer tränenvollen Nacht fiel die Sorge, die geliebten Reste zu bestatten, Charlotten anheim.