Wie sollen wir nun den Tod in den Töpfen verschlingen, um das Zugemüse für die Kinder der Propheten schmackhaft zu machen? Wodurch sollen wir den erbitterten Geist der Schrift versöhnen? »Meynst du, daß ich Ochsenfleisch essen wolle oder Bocksblut trinken?« Weder die dogmatische Gründlichkeit pharisäischer Orthodoxen, noch die dichterische Üppigkeit sadducäischer Freygeister wird die Sendung des Geistes erneuren, der die heiligen Menschen GOttes trieb (eukairwV akairwV) zu reden und zu schreiben. Jener Schooßjünger des Eingebornen, der in des Vaters Schooß ist, hat es uns verkündigt: daß der Geist der Weissagung im Zeugnisse des Einigen Namens lebe, durch den wir allein seelig werden, und die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens ererben können; des Namens, den niemand kennt, als der ihn empfäht, der über alle Namen ist, daß in dem Namen JESU sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind; auch alle Zungen bekennen sollen, daß JESUS CHRISTUS der HERR sey zur Ehre GOttes! des Schöpfers, der da gelobt ist in Ewigkeit! Amen!
Das Zeugnis JESU also ist der Geist der Weissagung1), und das erste Zeichen, womit er die Majestät seiner Knechtsgestalt offenbart, verwandelt die heiligen Bundesbücher in alten guten Wein, der das Urtheil der Speisemeister hintergeht, und den schwachen Magen der Kunstrichter stärkt. Lege libros propheticos non intellecto CHRISTO, sagt der punische2) Kirchenvater, quid tam insipidum & fatuum inuenies? intellige ibi CHRISTUM, non solum sapit, quod legis, sed etiam inebriat. »Aber den freveln und hochfahrenden Geistern hier ein Mal zu stecken, muß Adam zuvor wohl todt seyn, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum siehe dich für, daß du nicht Wein trinkst, wenn du noch ein Säugling bist; eine jegliche Lehre hat ihre Maße, Zeit und Alter3).«
Nachdem GOTT durch Natur und Schrift, durch Geschöpfe und Seher, durch Gründe und Figuren, durch Poeten und Propheten sich erschöpft, und aus dem Othem geredt hatte: so hat er am Abend der Tage zu uns geredt durch Seinen Sohn, gestern und heute! bis die Verheißung seiner Zukunft nicht mehr in Knechtsgestalt auch erfüllt seyn wird
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Du Ehrenkönig, HERR JESU CHRIST! GOTTES VATERS ewiger SOHN Du bist; Der Jungfraun Leib nicht hast verschmäht 4) |
Man würde ein Urtheil der Lästerung fällen, wenn man unsere witzige Sophisten, die den Gesetzgeber der Juden einem Eselskopf, und die Sprüche ihrer Meistersänger dem Taubenmist gleich schätzen, für dumme Teufel schelten wollte; aber doch wird sie der Tag des HERRN ein Sonntag, schwärzer als die Mitternacht, in der unüberwindliche Flotten Stoppeln sind Der verbuhlteste West, ein Herold des jüngsten Ungewitters, so poetisch als es der HERR der Heerschaaren nur denken und ausdrücken kann, wird da den rüstigsten Feldtrompeter überschmettern: Abrahams Freude den höchsten Gipfel erreichen; sein Kelch überlaufen Die allerletzte Thräne! unschätzbar köstlicher als alle Perlen, womit die letzte Königin in Egypten Übermuth treiben wird; diese allerletzte Thräne über Sodoms letzten Brand und des letzten Märtyrers5) Entführung, wird GOTT eigenhändig von den Augen Abrahams, des Vaters der Gläubigen! abwischen
Jener Tag des HERRN, der Christen Muth macht des HERRN Tod zu predigen, wird die dummsten Dorfteufel unter allen Engeln, denen ein höllisches Feuer bereitet ist, offenbar machen. Die Teufel glauben und zittern! aber eure durch die Schalkheit der Vernunft verrückte Sinne zittern nicht Ihr lacht, wenn Adam, der Sünder, am Apfel, und Anakreon, der Weise, am Traubenkern erstickt! Lacht ihr nicht, wenn Gänse das Capitol entsetzen und Raben den Patrioten ernähren, in dessen Geist Israels Artillerie und Reuterey bestand? Ihr wünscht euch heimlich zu eurer Blindheit Glück, wenn GOTT am Kreuz unter die Missethäter gerechnet wird und wenn ein Gräuel zu Genf oder Rom, in der Oper oder Moschee, apotheosirt und koloqvintisirt wird.
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Pinge duos angues! pueri, sacer est locus; extra Meiite; discedo |
| PERS. |
Der Geburtstag eines Genies wird, wie gewöhnlich, von einem Märtyrerfest unschuld'ger Kinder begleitet Man erlaube mir, daß ich den Reim und das Metrum mit unschuldigen Kindern vergleichen darf, die über unsere neueste Dichtkunst einer drohenden Lebensgefahr ausgesetzt zu seyn scheinen.
Wenn der Reim zum Geschlechte der Paronomasie6) gehört: so muß das Herkommen desselben mit der Natur der Sprachen und unserer sinnlichen Vorstellungen beynahe gleich alt seyn. Wem das Joch des Reims zu schwer fällt, ist dadurch noch nicht berechtigt, das Talent7) desselben zu verfolgen. Der Hagestolze hätte dieser leichtsinnigen Feder sonst so viel Anlaß zu einer Stachelschrift gegeben, als Platon haben mochte den Schlucken des Aristophanes im Gastmal, oder Scarron seinen eigenen durch ein Sonnet zu verewigen.
Das freye Gebäude, welches sich Klopstock, dieser große Wiederhersteller des lyrischen Gesanges, erlaubet, ist vermuthlich ein Archaismus, welcher die rätzelhafte Mechanick der heiligen Poesie bey den Hebräern glücklich nachahmt, in welcher man nach der scharfsinnigen Beobachtung der gründlichsten Kunstrichter unserer Zeit8) nichts mehr wahrnimmt als »eine künstliche Prose in alle kleine Theile ihrer Perioden aufgelöst, deren jeden man als einen einzelnen Vers eines besondern Sylbenmaaßes ansehen kann; und die Betrachtungen oder Empfindungen der ältesten und heiligsten Dichter scheinen sich von selbst« (vielleicht eben so zufälliger weise wie Epikurs Sonnenstäubchen) »in symmetrische Zeilen geordnet zu haben, die voller Wohlklang sind, ob sie schon kein (vorgemaltes noch Gesetzkräftiges) Sylbenmaas haben.«
Homers monotonisches Metrum sollte uns wenigstens eben so paradox vorkommen, als die Ungebundenheit des deutschen Pindars9). Meine Bewunderung oder Unwissenheit von der Ursache eines durchgängigen Sylbenmaaßes in dem griechischen Dichter ist bey einer Reise durch Curland und Liefland gemäßigt worden. Es giebt in angeführten Gegenden gewisse Striche, wo man das lettische oder undeutsche Volk bey aller ihrer Arbeit singen hört, aber nichts als eine Cadenz von wenig Tönen, die mit einem Metro viel Ähnlichkeit hat. Sollte ein Dichter unter ihnen aufstehen: so wäre es ganz natürlich, daß alle seine Verse nach diesem eingeführten Maasstab ihrer Stimmen zugeschnitten seyn würden. Es würde zu viel Zeit erfordern, diesen kleinen Umstand (ineptis gratum fortasse qui volunt illa calamistris inurere) in sein gehörig Licht zu setzen, mit mehreren Phaenomenen zu vergleichen, den Gründen davon nachzuspüren, und die fruchtbaren Folgen zu entwickeln
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Iam satis terris niuis atque dirae Grandinis misit Pater, & rubente Dextera sacras iaculatus arces |
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Terruit vrbem,
Terruit gentes; graue ne rediret |
| Visere montes. |
HORATIVS.
Als der älteste Leser dieser Rhapsodie in kabbalistischer Prose seh ich mich vermöge des Rechts der Erstgeburt verpflichtet, meinen jüngern Brüdern, die nach mir kommen werden, noch ein Beyspiel eines barmherzigen Urtheils zu hinterlassen, wie folget:
Es schmeckt alles in dieser ästhetischen Nuß nach Eitelkeit! nach Eitelkeit! Der Rhapsodist10) hat gelesen, beobachtet, gedacht, angenehme Worte gesucht und gefunden, treulich angeführt, gleich einem Kaufmannsschiffe seine Nahrung weit her geholt, und von ferne gebracht. Er hat Satz und Satz zusammengerechnet, wie man die Pfeile11) auf einem Schlachtfelde zählt; und seine Figuren abgezirkelt, wie man die Nägel zu einem Gezelt abmißt. Anstatt Nägel und Pfeile hat er mit den Kleinmeistern und Schulfüchsen seiner Zeit * * * * * * * * und Obelisken und Asterisken12) geschrieben.
Laßt uns jetzt die Hauptsumme seiner neusten Ästhetick, welche die älteste ist, hören:
Fürchtet GOtt und gebt Ihm die Ehre, denn die Zeit Seines Gerichts ist kommen, und betet an Den, der gemacht hat Himmel und Erden und Meer und die Wasserbrunnen!
Ex ambiguo dicta vel argutissima putantur; sed non semper in ioco, sed etiam in grauitate versantur Ingeniosi enim videtur vim verbi in aliud atque ceteri accipiant, posse dicere. Cicero de Orat. lib. 2. The second Edition 1719. 8. Dieses gelehrte Werk (von dem ich leider! nur ein defectes Exemplar besitze) hat zum Verfasser Swift, den Ruhm der Geistlichkeit (Hagedorn),
| (The glory of the Priesthood and the shame!) |
| Essay on Criticism. |
und fängt sich mit einer logischen, physischen und moralischen Definition an. Im logischen
Verstande Punnata dicuntur id ipsum quod sunt aliorum esse dicuntur aut alio quouis modo ad aliud
referuntur. Nach der Naturlehre (des abentheuerlichen und grillenfängerischen Cardans) in
Punning is an Art of harmonious Jinggling upon Words, which passing in at the Ears and falling upon
the Diaphragma, excites a titillary Motion in those Parts, and this being convey'd by the Animal
Spirits into the Muscles of the Face raises the Cockles of the Heart. Nach der Casuistick aber ist
es a Virtue, that most effectually promotes the End of good Fellowship Ein
Exempel von dieser künstlichen Tugend findt man unter andern von gleichem Schlage, in
obangeführter Beantwortung an der punischen Vergleichung zwischen Mahometh, dem Propheten und
Augustin, dem Kirchenvater, die einem amphibologischen Liebhaber der Poesie von halb
enthusiastischer halb scholastischer Einbildungskraft ähnlich sieht, der noch lange nicht
gelehrt genug zu seyn scheint, den Gebrauch der figürlichen Sprache gehörig einzusehen,
geschweige geistliche Erfahrungen prüfen zu können. Der gute Bischof sprach ohne es zu
wissen hebräisch, wie der bürgerliche Edelmann ohne es zu wissen Prose, und wie man noch
heut zu Tage durch gelehrte Fragen und ihre Beantwortung ohne es zu wissen, die Barbarey seiner
Zeiten und die Tücke seines Herzens verrathen kann, zum Preiß der tiefsinnigen Wahrheit:
daß alle Sünder sind und des Ruhms mangeln, der ihnen angedichtet wird, der arabische
Lügenprophet sowohl als der gute afrikanische Hirte und der witzige Kopf, (den ich zuerst
hätte nennen sollen) dem es eingefallen durch so lächerliche Parallelstellen jene zween
Bekenner der Providentz bey den Haaren in Vergleichung zu ziehen, der punischen Vernunftlehre
unserer heutigen Kabbalisten gemäß, denen jedes Feigenblatt einen zureichenden Grund,
und jede Anspielung eine Erfüllung abgiebt.
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Sanft schleichet sich der Reim ins Herz, wenn er sich ungezwungen findet; Er stützt und ziert die Harmonie, und leimt die Rede ins Gedächtnis. |
| Elegien und Briefe. Strasburg, 1760. |