Orestes und die Eumeniden

Orestes hatte, als er die Rachepflicht für den Vater an der Mutter und ihrem Buhlen übte, nach dem Willen der Götter selbst gehandelt, und ein Orakel des Apollo hatte ihm befohlen, zu tun, was er getan. Aber die Frömmigkeit gegen den Vater hatte ihn zum Mörder an der Mutter gemacht. Nach der Tat erwachte die Kindesliebe in seiner Brust, und der durch eine andere Naturpflicht gebotene Frevel gegen die Natur, den er im gräßlichen Zwiespalte der Pflichten begangen hatte, ließ ihn den Rächerinnen solcher Frevel, den Erinnyen oder Rachegöttinnen, anheimfallen, welche die Griechen aus Furcht auch die Eumeniden, das heißt ›die Gnädigen‹ oder ›die uns gnädig sein mögen‹, benannten. Töchter der Nacht und schwarz wie diese, von entsetzlicher Gestalt, übermenschlich groß mit blutigen Augen, Schlangen in den Haaren, Fackeln in der einen Hand, in der andern aus Schlangen geflochtene Geißeln, verfolgten sie den Muttermörder auf jedem Schritt und Tritt und sandten ihm ins Herz die nagenden Gewissensbisse und die quälendste Reue.

Sogleich nach der Tat jagten ihn die Eumeniden fort vom Schauplatze derselben, und als ein wahnsinniger Flüchtling verließ er die wiedergefundenen Schwestern, das Vaterhaus Mykene und sein Vaterland. In dieser Not blieb ihm sein treuer Freund Pylades, den er in einem Augenblicke der Besinnung mit seiner Schwester Elektra verlobt hatte, redlich zur Seite, kehrte nicht in seine Heimat Phokis und zu seinem Vater Strophios zurück, sondern teilte alle Wanderungen in der Irre mit seinem wahnsinnig gewordenen Freunde. Außer dieser treuen Seele hatte Orestes keinen menschlichen Beschützer in seinem Elend. Aber der Gott, der ihm die Rache befohlen hatte, Apollo, war bald sichtbar, bald unsichtbar an seiner Seite und wehrte die ungestüm nachdringenden Erinnyen wenigstens vom Leibe des Verfolgten ab. Auch sein Geist wurde ruhiger, wenn der Gott in der Nähe weilte.

So waren die Flüchtlinge auf ihren langen Irrfahrten endlich ins Gebiet von Delphi gekommen, und Orestes hatte im Tempel des Apollo selbst, dessen Zutritt den Erinnyen verwehrt war, eine Freistätte für den Augenblick gefunden. Der Gott stand mitleidig zu seiner Seite, wie er, auf dem Estrich des Heiligtums ausgestreckt, von Müdigkeit und Gewissensangst abgemattet, gestützt auf seinen Freund Pylades, ausruhte, und sprach ihm Hoffnung und Mut mit den Worten ein: »Unglücklicher Sohn, sei getrost. Ich werde dich nicht verraten; mag ich nahe oder ferne sein, so bin ich dein Wächter, und nie werde ich deinen Feindinnen feige weichen! Du siehst auch, wie dort draußen die grauenvollen alten Mägde, deren Umgang Götter, Menschen und selbst Tiere scheuen, die sonst tief drunten in den Finsternissen des Tartaros wohnen, vom bleiernen Schlafe durch mich gebändigt, meinem Tempel ferne liegen. Dennoch verlaß dich nicht auf ihren Schlummer; er wird nicht lange dauern, denn mir ist immer nur kurze Macht über die greisen Göttinnen vom Schicksale verliehen. Deswegen mußt du bald wieder auf die Flucht; doch sollst du nicht länger ohne Ziel umherirren. Richte vielmehr deine Schritte nach Athen, der ehrwürdigen alten Stadt meiner Schwester Pallas Athene; dort will ich dir für ein gerechtes Gericht sorgen, vor welchem du deine Stimme erheben und deine gute Sache verteidigen kannst. Keine Furcht soll dich darum bekümmern; ich selbst scheide jetzt von dir, aber mein Bruder Hermes wird dich bewachen und sorgen, daß mein Schützling nicht verletzt werde.«

So sprach Apollo. Noch bevor er aber seinen Tempel und den Orestes verließ, war das Schattenbild Klytämnestras im Traum vor die Seelen der schlummernden Rachegöttinnen getreten und hatte ihnen die zornigen Worte zugehaucht: »Ist's auch recht, daß ihr schlafet? Bin ich so ganz von euch verlassen, daß ich ungerächt in der Nacht der Unterwelt umherirren muß? Das Gräßlichste habe ich von meinen nächsten Blutsverwandten erduldet, und kein Gott zürnt darüber, daß ich von den Händen des eigenen Sohnes ermordet gefallen bin? Wie viele Trankopfer, von meiner Hand euch ausgegossen, habt ihr geschlürft, wie viele nächtliche Mahle habe ich euch aufgetischt! Das alles tretet ihr jetzt mit Füßen, und eure Beute lasset ihr entrinnen wie ein Reh, das mitten aus den Netzen davonhüpft! Höret mich, ihr Unterirdischen! Ich bin's, Klytämnestra, die ihr zu rächen geschworen und die sich jetzt in euren Traum einmischt, an euren Schwur euch zu erinnern.«

Die schwarzen Göttinnen konnten des Zauberschlafes nicht so bald loswerden, und erst die lauten Worte des Schattens, die in ihren Traum hineintönten: »Orestes, der Muttermörder, entgeht euch!« rüttelten sie endlich aus dem Schlummer empor. Eine erweckte die andere, wie wilde Tiere sprangen sie vom Lager auf, und ohne Scheu stürmten sie in den Tempel Apollos selbst hinein, und hatten schon die Schwelle überschritten: »Zeussohn«, schrien sie ihm entgegen, »du bist ein Betrüger! Du junger Gott trittst die alten Göttinnen, die Töchter der Nacht, mit Füßen, du wagst es, uns diesen Götterverächter und Mutterfeind vorzuenthalten, du hast ihn uns gestohlen und willst doch ein Gott sein! Ist das auch vor den Göttern recht?« Apollo dagegen trieb die nächtlichen Göttinnen mit scheltenden Worten aus seinem sonnigen Heiligtum: »Fort von dieser Schwelle«, rief er, »ihr Greuelhaften! Ihr gehört in die Höhle des Löwen, wo Blut geschlürft wird, ihr Scherginnen des Schicksals, und nicht in den heiligen und reinen Sitz eines Orakels!« Vergebens beriefen sich die Rachegöttinnen auf ihr Recht und ihr Amt. Der Gott erklärte den Verfolgten für seinen Schützling, weil er in seinem Auftrag als der fromme Sohn seines Vaters Agamemnon gehandelt, und vertrieb die Eumeniden von der Schwelle seines Tempels, daß sie, die Macht des Gottes fürchtend, weit rückwärts flohen.

Dann übergab er den Orestes mit seinem Freunde der Obhut des Hermes, des Gottes, in dessen Schutze die Wanderer stehen, und kehrte in den Olymp zurück. Die beiden Freunde aber schlugen, wie der Gott ihnen befohlen hatte, den Weg nach Athen ein, während die Erinnyen ihnen, aus Scheu vor der goldenen Rute des Götterboten, nur aus der Ferne zu folgen wagten. Allmählich jedoch wurden sie kühner; und als die beiden Freunde glücklich in der Stadt Pallas Athenes angekommen waren, heftete sich ihnen die Schar der Rächerinnen dicht an die Ferse, und kaum hatte Orestes mit seinem Freund den Tempel der Athene betreten, so stürmte auch schon der grauenvolle Chor durch die offenen Pforten desselben herein.

Orestes hatte sich vor der Bildsäule der Göttin niedergeworfen, streckte seine offenen Arme betend nach ihr aus und rief in der heftigsten Aufregung seines Gemütes: »Königin Athene, auf Apollos Befehl komme ich zu dir. Nimm einen Angeklagten gnädig auf, dessen Hände nicht mit unschuldigem Blute befleckt sind, und der doch müde ist von ungerechter Flucht und abgestumpft vom Flehen in fremden Häusern. Über Städte und Einöden komme ich daher, gehorsam dem Orakel deines Bruders, liege hier in deinem Tempel und vor deinem Bilde und erwarte deinen Richterspruch, o Göttin!«

Nun erhob auch der Chor der Furien, die hinter ihm herannaheten, seine Stimme und schrie: »Wir sind dir auf der Spur, Verbrecher! Wie der Hund dem verwundeten Rehbock, sind wir deinen Fußstapfen gefolgt, die von Blute triefen! Du sollst kein Asyl finden, Muttermörder! Dein rotes Blut wollen wir dir aus den Gliedern saugen und dann das blasse Schattenbild mit uns hinunter in den Tartaros führen! Nicht Apollos, nicht Athenes Gewalt soll dich von der ewigen Qual befreien! - Mein Wild bist du, mir genährt, für meinen Altar bestimmt! Auf Schwestern, laßt ihn uns mit unsrem Reigen umtanzen und seine beschwichtigte Seele durch unsere Gesänge zu neuem Wahnsinn aufregen!«

Und schon wollten sie ihr furchtbares Lied anstimmen, als plötzlich ein überirdisches Licht den Tempel durchleuchtete, die Bildsäule verschwunden war, und an ihrer Stelle die lebendige Göttin Athene stand, mit ernsten blauen Augen auf die Menge herniederblickend, die ihre Tempelhallen füllte, und den unsterblichen Mund zu der himmlischen Rede erschließend.

»Wer hat sich in mein Heiligtum gedrängt?« sprach die Göttin. »Was für ungewohnte Gäste muß ich in meinem Tempel gewahren? Ein Fremdling hält meinen Altar umfaßt, und Weiber, keinem gezeugten Sterblichen ähnlich, haben sich in drohender Stellung hinter ihm geschart. Redet, wer seid ihr alle und was wollet ihr?«

Orestes, von Furcht und Zittern sprachlos, lag noch immer auf dem Boden, die Erinnyen aber standen unverzagt hinter ihm und nahmen das Wort. »Zeus' Tochter«, sprachen sie, »ohne Umschweif sollst du alles aus unsrem Munde hören. Wir sind die Töchter der schwarzen Nacht, und Erinnyen nennt man uns drunten zu Hause.« »Wohl kenn ich euer Geschlecht«, sprach Athene, »und euer Ruf ist oft schon zu mir gedrungen. Ihr seid die Rächerinnen des Meineids und des Verwandtenmordes: was kann euch in mein reines Tempelhaus fuhren?«

»Dieser Mensch, der hier zu deinen Füßen deinen Altar durch seine Gegenwart besudelt!« sprachen sie. »Er hat seine eigene Mutter erschlagen. Richte du selbst ihn; wir werden dein Urteil ehren, denn wir wissen, du bist eine strenge und gerechte Göttin!«

»Wenn ihr mir denn den Richterspruch übertraget«, antwortete Pallas Athene, »so sprich du zuerst, Fremdling, was kannst du gegen die Aussagen dieser Unterirdischen vorbringen? Nenne mir zunächst dein Vaterland, dein Geschlecht und dein Schicksal, und alsdann reinige dich von dem Frevel, der dir schuld gegeben wird. Solches gestatte ich dir, weil du vor meinem Altare kniend liegst und ihn als demütiger Schützling umfasset hältst! Auf alles jenes aber antworte mir ohne Gefährde!«

Jetzt erst wagte Orestes den Blick vom Boden zu erheben, richtete sich auf, doch so, daß er immer noch vor der Göttin auf den Knien lag, und sprach: »Königin Athene! Vor allen Dingen sei dir die Besorgnis um dein Heiligtum benommen! Ich habe keinen unsühnbaren Mord begangen; ich umfange deinen Altar nicht mit unsauberen Händen! Ich bin gebürtig aus Argos, und du kennst meinen Vater wohl. Es ist Agamemnon der Völkerfürst, der Führer der griechischen Flotte vor Troja, mit dem du selbst Ilios' herrlichste Feste zerstörst hast. Dieser, nach Hause zurückgekehrt, ist keines ehrlichen Todes gestorben, sondern meine Mutter, die mit dem fremden Manne buhlte, hat ihn in ein trügerisches Netz gewickelt und umgebracht; das Bad war der Zeuge seines Mordes. Da bin ich, der ich seitdem in der Verbannung gelebt, nach langer Zeit zurückgekommen ins Vaterland und habe den Vater gerächt, ich leugne es nicht, des geliebten Erzeugers Mord mit Mord an der Mutter gerächt. Und zu dieser Tat hat dein eigener Bruder Apollo mich aufgemuntert, und sein Orakel hat mir mit großer Seelenqual gedroht, wenn ich die Mörder meines Vaters nicht bestrafe. Nun sollst du Schiedsrichterin sein, o Göttin, ob ich mit Recht oder Unrecht gehandelt! Auch ich unterwerfe mich deinem Richterspruch!«


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