Als unser Held seinen Namen nennen und im Liede feiern hörte, mußte er das Haupt im Gewande verbergen, damit man die Träne nicht gewahr würde, die sich ihm aus den Augen stahl. Sooft der Sänger schwieg, enthüllte er sein Gesicht und griff zum Becher. Wenn aber das Lied von neuem begann, verhüllte er sein Haupt wieder. Keiner bemerkte es als der ihm zunächst sitzende König, der ihn tief aufseufzen hörte. Er hieß daher dem Gesang ein Ende machen und befahl, den Fremdling auch durch Kampfspiele zu ehren. »Unser Gast«, sprach er, »soll auch den Seinigen zu Hause melden können, wie wir Phäaken es im Faustkampf, Ringen, Sprung und Wettlauf allen Sterblichen zuvortun.« So wurde das Mahl aufgehoben, und die Phäaken folgten dem Rufe ihres Königs. Eilend begab sich alles auf den Markt. Dort erhoben sich eine Menge edler Jünglinge, darunter auch drei Söhne des Alkinoos selbst, Laodamas, Halios und Klytoneos. Diese drei maßen sich zuerst miteinander im Wettlauf, auf einer Sandbahn, die sich vor ihnen weithin erstreckte. Auf ihr flogen sie nach einem gegebenen Zeichen stürmend dahin und durchstäubten das Gefilde; Klytoneos war es, der den andern es bald zuvortat und das Ziel als Sieger erreichte. Dann wurde der Ringkampf versucht; in diesem siegte der junge Held Euryalos; darauf kamen die Springer: hier zeigte sich der Phäake Amphialos als den Überlegenen; im Scheibenschwingen gewann es Elatreus, endlich im Faustkampfe Laodamas, der Königssohn.

Dieser erhob sich jetzt in der Versammlung der Jünglinge und sprach: »Freunde, wir sollten doch auch erforschen, ob der Fremdling etwas von unsern Kämpfen versteht. Gestalt, Schenkel und Füße versprechen nichts Schlechtes, seine Arme sind nervicht, sein Nacken ist voll Kraft, sein Wuchs ist mächtig. Und scheint er gleich von Gram und Elend gebrochen, so mangelt es ihm doch nicht an Jugendstärke!« »Du hast recht«, sprach jetzt Euryalos; »darum gehe hin, o Fürst, und fordre ihn selbst zum Wettstreite auf!« Laodamas tat dieses mit freundlichen, höflichen Worten.

Doch Odysseus erwiderte: »Verlanget ihr das von mir, mich zu kränken, ihr Jünglinge? Die Trübsal nagt an mir, und keine Lust zum Wettkampfe bewegt mein Herz! Ich habe genug gestrebt und geduldet, und jetzt verlangt mich nach nichts anderem als nach der Heimkehr in mein Vaterland!« Laodamas antwortete ihm unwillig: »Fürwahr, Fremdling, du gebärdest dich nicht wie ein Mann, der sich aufs Kämpfen versteht; du magst wohl ein Schiffshauptmann und zugleich Kaufherr sein, so ein Warenmäkler; als ein Held erscheinst du nicht.« Odysseus runzelte bei diesem Worte die Stirne und sprach: »Das ist keine feine Rede, mein Freund, und du erscheinst als ein recht trotziger Knabe. Verleihen doch die Götter nicht einem und demselben Manne die Gaben der Schönheit und Anmut und das Geschenk der Beredsamkeit und der Weisheit; mancher ist von unansehnlicher Gestalt, aber seinen Worten ist ein Reiz verliehen, daß alle, die sie hören, davon entzückt werden; und auch ein solcher ragt in der Volksversammlung hervor, und man ehrt ihn wie einen Unsterblichen. Dagegen sieht oft einer aus wie ein Gott, und an seinen Worten ist wenig Witz. Dennoch bin ich kein Neuling im Wettkampfe, und als ich meiner Jugend und meinen Armen noch vertrauen konnte, nahm ich es mit den Tüchtigsten auf. Jetzt haben mich Schlachten und Stürme freilich heruntergebracht. Doch du hast mich herausgefordert, und ich will's auch so versuchen!«

So sprach Odysseus und erhub sich vom Sitz, ohne den Mantel abzulegen. Er ergriff eine Scheibe, größer, dicker und schwerer als die, nach welchen die Phäakenjünglinge zu langen pflegten, und warf sie kräftig, daß der Stein laut hinsauste; unter seinem Schwunge bückten sich die umstehenden Phäaken, und er flog weit über das Ziel hinaus. Schnell machte Athene, in einen Phäaken verwandelt, das Zeichen, wo der Stein gefallen war, und sprach: »Dein Zeichen soll auch ein Blinder erkennen, Mann, so weit liegt es von allen andern ab! In diesem Kampfe bist du sicher, nie besiegt zu werden!« Odysseus freute sich, daß er einen so guten Freund im Volke gefunden habe, und sprach mit leichterem Herzen: »Nun, ihr Jünglinge, schleudert mir dorthin nach, wie ihr es vermöget! Und ihr, die ihr mich so schwer beleidigt habt, kommt her und versuchst euch mit mir in welchem Kampfe ihr wollet; ich werde keinem ausweichen! Mit jedem will ich kämpfen, nur nicht mit Laodamas, denn wer stritte auch gerne mit dem, der ihn bewirtet? Besonders gut verstehe ich's, den Bogen zu spannen, und wenn viele Genossen mit mir in die Wette schössen, ich wäre doch der erste, der meinen Mann mit dem Pfeil träfe. Nur einen kenne ich, den Griechen Philoktet; der hat es mir oft zuvorgetan vor Troja, sooft wir uns dort im Schusse übten! Auch mit dem Wurfspieße treffe ich nicht weniger sicher und schieße so weit wie ein anderer mit dem Pfeile. Nur im Wettlaufe, da möchte vielleicht einer es mir zuvortun, selbst unter euch; denn das stürmische Meer hat mir viel Kraft genommen, zumal da ich tagelang ohne Nahrung auf meinem Fahrzeuge saß.«

Als die Jünglinge dieses vernahmen, verstummten sie alle, nur der König nahm das Wort und sagte: »Wohl hast du uns deine Tüchtigkeit enthüllt, o Fremdling, und hinfort soll dich kein Mensch mehr wegen deiner Stärke tadeln. Wenn du nun daheim bei Gattin und Kindern sitzest, so denk auch an unsre Mannhaftigkeit zurück. Als Faustkämpfer und Ringer zeichnen wir uns freilich nicht aus, aber im Wettlaufe siegen wir, und auf die Schiffahrt verstehen wir uns auch. Schmaus, Saitenspiel, Reigentanz - darin sind wir auch Meister; den schönsten Schmuck, das lindeste Bad, das weichste Lager - die findet man bei uns! Auf denn, ihr Tänzer, ihr Schiffslenker, ihr Läufer, ihr Sänger, zeigt euch vor dem Fremdlinge, daß er zu Hause etwas von euch zu erzählen hat! Und bringet auch die Harfe des Demodokos her!« Sogleich machte sich ein Herold auf und schaffte die Harfe herbei. Neun auserwählte Kampfordner ebneten den Raum für den Tanz und umzirkten die Schaubühne. Ein Spielmann stellte sich mit der Harfe in der Mitte, und der Tanz der blühendsten Jünglinge begann; im schönsten Takte, im raschesten Schwunge hoben sie ihre Füße. Odysseus selbst mußte staunen; er hatte noch nie so behenden und anmutigen Tanz gesehen. Dazu sang der Sänger ein liebliches Lied von den heitersten Geschichten aus dem Leben der Götter. Nachdem der Reigentanz lange genug gedauert, hieß der König seinen Sohn Laodamas und den geschmeidigen Halios den Einzeltanz miteinander aufführen; denn mit ihnen wagte es niemand, sich zu messen. Diese nahmen einen zierlichen Ball zur Hand, und der eine schwang ihn, indem er sich rücklings dazu beugte, hoch in die Luft empor; der andere, in die Höhe springend, fing ihn, ehe er wieder mit den Füßen auf den Boden trat, schwebend in der Luft auf. Dann tanzten sie in leichten, wechselnden Schwenkungen umeinander her, und andere Jünglinge, die im Kreise umherstanden, klatschten mit den Händen dazu. Odysseus wandte sich bewundernd zu dem Könige und sprach: »In der Tat, Alkinoos, du kannst dich der geschicktesten Tänzer auf dem ganzen Erdboden rühmen. In dieser Kunst habt ihr euresgleichen nicht!« Alkinoos tat sich auf dieses Urteil nicht wenig zugute. »Höret ihr's«, rief er seinen Phäaken zu, »wie der Fremdling über uns urteilt? Er ist doch ein sehr verständiger Mann, und er verdient es wohl, daß wir ihm auch ein ansehnliches Gastgeschenk reichen. Wohlan! zwölf der Fürsten des Landes, und ich selbst der dreizehnte, sollen ihm jeder einen Mantel und einen Leibrock herbeibringen und zudem ein Pfund des köstlichsten Goldes. Das wollen wir ihm zu einer großen Gabe vereint schenken, damit er mit fröhlichem Herzen von uns scheide. Und außerdem soll Euryalos es versuchen, mit freundlichen Worten ihn ganz mit uns auszusöhnen.« Alle Phäaken riefen ihm Beifall zu. Ein Herold ging, die Geschenke zu sammeln. Euryalos nahm sein Schwert mit silbernem Heft und elfenbeinerner Scheide, übergab es dem Gaste und sprach dazu: »Väterchen, haben wir ein kränkendes Wort gegen dich fallen lassen, so sollen es die Winde verwehen! Dir aber mögen die Götter fröhliche Heimfahrt verleihen! Heil und Freude dir! »«Auch dir!« antwortete Odysseus; »möge dich deine Gabe nie reuen!« Mit diesem Wort hängte er sich das schmucke Schwert um die Schulter. Es war um Sonnenuntergang, als die Geschenke ankamen und alle vor der Königin niedergelegt wurden. Sie hieß Alkinoos auch noch eine zierliche Lade für die Gewande herbeischaffen; darein wurden die Gaben gelegt und für Odysseus in den Palast getragen. Dort fügte der König, der sich mit der ganzen Gesellschaft in seine Wohnung begeben hatte, noch andere Gaben an köstlichen Gewanden hinzu und außerdem ein herrliches goldenes Gefäß. Dem Gaste wurde ein Bad bereitet; indessen zeigte ihm die Königin selbst alle die köstlichen Geschenke in der offenen Lade und sprach dazu: »Betrachte dir den Deckel selbst genau und verschließe die Lade, daß dich ja keiner, wenn du etwa schläfst, während der Heimfahrt beraube und die schöne Kiste davontrage!« Odysseus schlug den Deckel sorgfältig ein und verschloß die Lade mit einem vielfach verschlungenen Knoten; dann erquickte er sich im warmen Bade und wollte nun wieder in die Gesellschaft der zu Schmaus und Trunk niedergesessenen Männer zurückkehren. Da fand er vor dem Türpfosten des Saales beim Eingang in denselben die holdselige Jungfrau Nausikaa stehen, welche er seit seinem Einzuge in die Stadt nicht mehr erblickt hatte und welche seither züchtiglich und ferne von den Männerfesten im Frauengemache verschlossen gelebt; nun aber wollte sie zum Abschiede den edlen Gast auch noch einmal begrüßen. Nachdem sie einen langen bewundernden Blick auf die edle Heldengestalt des Mannes geworfen, sprach sie endlich, indem sie den Hineintretenden sanft aufhielt: »Heil dir und Segen, edler Gast! Gedenke meiner auch im Lande deiner Väter, da du mir ja doch dein Leben verdankest!« Gerührt antwortete ihr Odysseus: »Du edle Nausikaa, wenn mich Zeus den Tag meiner Heimkunft erleben läßt, so werde ich dich, meine Retterin, täglich wie eine Gottheit anflehen!« Mit diesen Worten betrat er den Saal wieder und setzte sich an der Seite des Königes nieder. Hier waren die Diener eben damit beschäftigt, das Fleisch zu zerlegen und den Wein aus den großen Mischkrügen in die Becher einzuschenken. Auch der blinde Sänger Demodokos wurde wieder eingeführt und nahm seinen alten Platz an der Mittelsäule des Saales ein. Da winkte Odysseus dem Herold, schnitt vom Rücken des vor ihm liegenden gebratenen Schweines das beste Stück ab, streckte es ihm auf einer Platte hin und sagte: »Herold, reich dem Sänger dieses Fleisch; obgleich ich selbst in der Verbannung bin, so möchte ich ihm doch gerne etwas Liebes erweisen. Stehen doch die Sänger bei dem ganzen Menschengeschlecht in Achtung, weil die Muse selbst sie den Gesang gelehrt hat und mit ihrer Huld über ihnen waltet.« Dankbar empfing der blinde Sänger die Gabe.

Nach dem Mahle wandte sich Odysseus noch einmal an Demodokos: »Ich preise dich vor andern Sterblichen, lieber Sänger«, sprach er zu ihm, »daß dich Apollo oder die Muse so schöne Lieder gelehret hat! Wie lebendig und genau du das Schicksal der griechischen Helden zu schildern verstehst, als hättest du alles mit angesehen und mit angehört! Fahre nun fort und sing uns auch noch die schöne Mär vom hölzernen Rosse und was Odysseus dabei getan hat!« Der Sänger gehorchte freudig, und alles lauschte seinem Gesange. Als der Held so seine Taten preisen hörte, mußte er wieder heimlich weinen, und nur Alkinoos bemerkte es. Er gebot daher dem Sänger Stillschweigen und sprach im Kreise der Phäaken: »Besser ist's, die Harfe ruhet nun; denn wahrlich, ihr Freunde, nicht jedermann zur Lust singt der Sänger jene Märe. Seit wir am Mahle sitzen und das Lied ertönt, hört unser schwermütiger Gast nicht auf, seinem Grame nachzuhängen, und wir streben vergebens, ihn zu erheitern. Und doch muß einem fühlenden Mann ein Gast so lieb sein wie ein Bruder. Nun denn, Fremdling, so sag uns redlich, wer sind deine Eltern, welches ist dein Vaterland? Einen Namen führt doch jeder Mensch, sei er von edler oder von geringer Abkunft. Dein Land müssen wir ohnedem wissen und deine Geburtsstadt, wenn dich meine Phäaken heimbringen sollen. Weiter brauchen sie nichts; sie bedürfen auch der Piloten nicht: haben sie nur den Namen des Orts, so finden sie die Fahrt durch Nacht und Nebel!«

Auf diese freundliche Rede erwiderte der Held ebenso liebreich: »Glaube doch ja nicht, edler König, daß euer Sänger mich nicht ergötze! Vielmehr ist es eine Wonne, einem solchen zuzuhören, wenn er seine göttergleiche Stimme vernehmen läßt; und ich weiß mir nichts Angenehmeres, als wenn ein ganzes Volk bei festlicher Freude horchend am Munde eines Sängers hängt, während die Gäste in langen Reihen sitzen, vor jedem sein Tisch voll Brots und Fleisches steht und der Schenk fleißig mit dem Kruge bei den Bechern kreist! Ihr aber wünschet meine Leiden von mir zu vernehmen, ihr lieben Gastfreunde; da werde ich noch tiefer in Kummer und Gram versinken. Denn wo soll ich anfangen und womit enden? - Doch höret vor allen Dingen mein Geschlecht und mein Vaterland!«


Vorige Seite Titelseite Nächste Seite