Nachdem sich das Untier seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht, warf er sich der Länge nach in der Höhle zu Boden, und nun besann ich mich, ob ich nicht auf ihn losgehen und ihm das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber in die Seite stoßen sollte. Aber schnell bedachte ich mich eines Bessern. Denn was hätte uns das geholfen? Wer hätte uns den unermeßlichen Stein von der Höhle gewälzt? Wir hätten zuletzt alle des jämmerlichsten Todes sterben müssen. Deswegen ließen wir ihn schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als dieser erschienen und der Zyklop aufgestanden war, zündete er wieder ein Feuer an und fing an zu melken. Als er alles beendigt, packte er wieder zwei meiner Begleiter und verzehrte sie zu unserem Entsetzen, wie das erstemal, zum Frühstück. Dann trieb er die feiste Herde aus der Höhle, nachdem er den Fels abgehoben, ging selbst mit hinaus und pflanzte den Stein wieder davor, wie man den Deckel auf den Köcher setzt. Wir hörten ihn mit gellendem Pfeifen seine Herde in die Berge treiben; wir aber blieben in der Todesangst zurück, und jeder erwartete, daß das nächstemal die Reihe, gefressen zu werden, an ihn kommen werde. Ich selbst bewegte fortwährend Entwürfe der Rache in meinem Herzen, wie ich es angreifen sollte, dem Ungeheuer zu vergelten. Endlich kam mir ein Gedanke, der nicht übel war. Drinnen im Stalle lag die mächtige Keule des Zyklopen aus grünem Olivenholz; er hatte sie sich abgehauen, um sie zu tragen, wenn sie dürre geworden wäre; uns erschien sie an Länge und Dicke dem Mast eines großen Schiffes gleich. Von dieser Keule hieb ich mir einen Pfahl von der Dicke, wie ein Arm ihn umspannen kann, reichte denselben den Freunden und hieß sie ihn glatt schaben, dann schärfte ich ihn oben ganz spitz und brannte ihn in der Flamme hart. Diesen Pfahl verbarg ich mit aller Sorgfalt im Miste, dessen es haufenweise in der Höhle gab. Dann losten meine Genossen, wer es wagen sollte, den Brandpfahl dem Ungeheuer mit mir ins Auge zu drehen, wenn es im Schlummer läge. Das Los traf gerade die vier tapfersten der Freunde, die ich mir selbst ausgewählt hätte, und der fünfte war ich.
Am Abend kam der gräßliche Hirte mit seiner Herde heim. Diesmal ließ er nichts im Vorhof, sondern trieb alles miteinander in die Höhle; vielleicht argwöhnte er etwas oder schickte es auch, wie ihr bald hören werdet, ein Gott zu unsern Gunsten so. Übrigens fügte er, wie bisher, den Stein wieder in die Öffnung, tat alles wie sonst und fraß auch zwei aus unserer Mitte. Inzwischen hatte ich eine hölzerne Kanne mit dem dunkeln Wein aus meinem Schlauche gefüllt, näherte mich dem Ungeheuer und sprach: Da nimm, Zyklop, und trink! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein vortrefflich. Du sollst auch erfahren, was für ein köstliches Getränk wir auf unserem Schiffe führten. Ich brachte ihn mit, um ihn dir zu spenden, wenn du Erbarmen mit uns trügest und uns heim ließest. Aber du bist ja ein ganz entsetzlicher Wütrich; wie mag dich künftig ein anderer Mensch besuchen? Nein, du bist nicht billig mit uns verfahren!
Der Zyklop nahm die Kanne, ohne ein Wort zu verlieren, und leerte sie mit durstigen Zügen; man sah ihm das Entzücken an, in welches ihn die Süßigkeit und Kraft des Trankes versetzte. Als er fertig war, sprach er zum ersten Male freundlich: Fremdling, gib mir noch eins zu trinken; und sage mir auch, wie du heißest, damit ich dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk erfreuen kann. Denn auch wir haben Wein hierzulande, wir Zyklopen. Damit du aber auch erfahrest, wen du vor dir hast, so wisse: Polyphemos ist mein Name. So sprach der Zyklop, und gerne gab ich ihm von neuem zu trinken. Ja, dreimal schenkte ich ihm die Kanne voll, und dreimal leerte er sie in der Dummheit. Als ihm der Wein die Besinnung zu umnebeln anfing, sprach ich schlauerweise: Meinen Namen willst du wissen, Zyklop? Ich habe einen seltsamen Namen. Ich heiße der Niemand; alle Welt nennt mich Niemand, Mutter, Vater hießen mich so, und bei allen meinen Freunden bin ich so geheißen. Darauf antwortete der Zyklop: Nun sollst du auch dein Gastgeschenk erhalten: den Niemand, den verzehre ich zuletzt nach allen seinen Schiffsgenossen. Bist du mit der Gabe zufrieden, Niemand?
Diese letzten Worte lallte der Zyklop nur noch, lehnte sich rückwärts und taumelte bald ganz zu Boden. Mit gekrümmtem feistem Nacken dehnte er sich schnarchend im Rausch, ja Wein und Menschenfleisch brach er in der Trunkenheit aus seinem Schlunde heraus. Jetzt steckte ich schnell den Pfahl in die glimmende Asche, bis er Feuer fing, und als er schon Funken sprühte, zog ich ihn heraus, und mit den vier Freunden, die das Los getroffen hatte, stießen wir ihm die Spitze tief ins Auge hinab, und ich, in die Höhe gerichtet, drehte den Pfahl, wie ein Zimmermann einen Schiffsbalken durchbohrt. Wimpern und Augenbrauen vermengte die Glut bis auf die Wurzeln, daß es prasselte und sein erlöschendes Auge zischte wie heißes Eisen im Wasser. Grauenvoll heulte der Verletzte auf, so laut, daß die Höhle von dem Gebrüll widerhallte; und wir, vor Angst bebend, flüchteten in den äußersten Winkel der Grotte.
Polyphem riß sich indessen den Pfahl aus der Augenhöhle, von dem das Blut triefend herunterrann; er schleuderte ihn weit von sich und tobte wie ein Unsinniger. Dann erhub er ein neues Zetergeschrei und rief seine Stammesbrüder, die Zyklopen, herbei, die im Gebirge umher wohnten. Diese kamen von allen Seiten heran, umstellten die Höhle und wollten wissen, was ihrem Bruder geschehen sei. Er aber brüllte aus der Höhle heraus: Niemand, Niemand bringt mich um, ihr Freunde! Niemand tut es mit Arglist! Als die Zyklopen das hörten, sprachen sie: Nun, wenn niemand dir etwas zuleide tut, wenn dich keine Seele angreift, was schreiest du denn so? Du bist wohl krank; aber gegen Krankheit haben wir Zyklopen keine Mittel! So schrien sie und eilten wieder davon. Mir aber lachte das Herz im Leibe.
Der blinde Zyklop tappte indessen in seiner Höhle umher, immer noch vor Schmerzen winselnd. Er nahm den Felsstein vom Eingange, setzte sich dann unter die Pforte und tastete mit den Händen herum, um einen jeden von uns zu fangen, der Lust hätte, mit den Schafen zu entwischen; denn er hielt mich für so einfältig, daß ich es auf diese Weise angreifen würde. Ich aber kam inzwischen an tausenderlei Planen herum, bis ich den rechten ausfindig machte. Es standen nämlich gemästete Widder mit dem dichtesten Vliese um uns her, gar groß und stattlich. Die verband ich ganz geheim mit den Ruten des Weidengeflechtes, auf welchem der Zyklop schlief, je drei und drei; und der mittlere trug unter seinem Bauche immer einen von uns Männern, der sich an seiner Wolle festhielt, indessen die beiden andern Widder rechts und links, die heimliche Last beschirmend, einhertrollten. Ich selber wählte den stattlichsten Bock, der hoch über alle andern hervorragte. Ihn faßte ich am Rücken, wälzte mich unter seinen Bauch und hielt die Hände fest in den gekräuselten Wollenflocken gedreht. So unter den Widdern hängend, erwarteten wir mit unterdrückten Seufzern den Morgen. Er kam; und die männliche Herde sprang zuerst hüpfend aus der Höhle auf die Weide. Nur die Weibchen blökten noch mit strotzenden Eutern in den Ställen. Ihr geplagter Herr betastete jedem Widder, der hinausging, sorgfältig den Rücken, ob kein Flüchtling darauf sitze; an den Bauch und meine List dachte er in seiner Dummheit nicht. Nun wandelte auch mein Bock langsam zur Felsenpforte, schwer beladen mit Wolle, noch schwerer mit mir, der ich unter allerlei Gedanken mich dahintragen ließ. Auch ihn streichelte Polyphemos und sprach: Gutes Widderchen, was trabst du so langsam hinter der übrigen Herde aus der Höhle heraus? Du leidest ja sonst nicht, daß andere Schafe dir vorangehen; du bist sonst immer der erste bei den Wiesenblumen und am Bach und abends der allererste wieder im Stalle. Betrübt dich das ausgebrannte Auge deines Herrn? Ja, hättest du Gedanken und Sprache wie ich, gewiß, du sagtest mir, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt: dann sollte mir sein Gehirn von der Höhlenwand spritzen und mein Herz wieder froh werden vom Leide, das der Niemand über mich gebracht!
So sprach der Zyklop und ließ den Widder auch hinausgehen. Und nun waren wir alle draußen. Sowie wir ein wenig von der Felskluft entfernt waren, machte ich mich zuerst von meinem Bocke los und löste dann auch meine Freunde ab. Wir waren unsrer leider nur noch sieben, umarmten uns mit herzlicher Freude und jammerten um die Verlorenen. Doch winkte ich ihnen, daß keiner laut weinen, sondern daß sie mit den geraubten Widdern sich schnell nach unsern Schiffen mit mir aufmachen sollten. Erst als wir wieder auf unsern Ruderbänken saßen und durch die Wogen dahinschifften, auf einen Heroldsruf vom Ufer entfernt, schrie ich dem am Uferhügel mit seiner Herde bergwärts hinanklimmenden Zyklopen meine Spottrede zu: Nun, Zyklop, du hast doch keines schlechten Mannes Begleiter in deiner Höhle gefressen! Endlich sind dir deine Freveltaten vergolten worden, und die Strafe des Zeus und der Götter hast du empfunden!
Als der Wüterich dieses hörte, wurde sein Grimm noch viel größer. Er riß einen ganzen Felsblock aus dem Gebirge heraus und warf ihn nach unserem Schiffe. Auch hatte er so gut gezielt, daß er das Ende unseres Steuerruders nur um ein weniges verfehlte. Aber von dem niederstürzenden Blocke schwoll die Flut an, und die rückwärtswallende Brandung riß unser Schiff wieder ans Gestade zurück. Mit aller Gewalt mußten wir die Ruder anstrengen, um dem Ungeheuer aufs neue zu entfliehen und vorwärtszukommen. Nun fing ich abermals an zu rufen, obgleich mich die Freunde, die einen zweiten Wurf befürchteten, mit Gewalt abhalten wollten. Höre, Zyklop, schrie ich, wenn dich je einmal ein Menschenkind fragt, wer dir dein Auge geblendet, so sollst du eine bessere Antwort geben, als du sie deinen Zyklopen erteilt hast! Sag ihm nur: der Zerstörer Trojas, Odysseus, hat mich geblendet, der Sohn des Laërtes, der auf der Insel Ithaka wohnt! So rief ich. Heulend schrie der Zyklop herüber: Wehe mir! So hat sich denn die alte Weissagung an mir erfüllt! Denn einst befand sich unter uns ein Wahrsager mit Namen Telemos, des Eurymos Sohn, welcher hier im Lande der Zyklopen alt geworden ist. Dieser hat mir gewahrsagt, daß ich dereinst durch Odysseus das Gesicht verlieren sollte. Da meinte ich dann immer, es sollte ein stattlicher Kerl daherkommen, so groß und stark, wie ich selber bin, und sollte sich mit mir im Kampfe messen. Und nun ist dieser Wicht gekommen, dieser Weichling, hat mich mit Weine berückt und mir im Rausch das Auge geblendet! Aber komm doch wieder, Odysseus! Diesmal will ich dich als Gast bewirten, will dir vom Meeresgott sicheres Geleite erflehen, denn wisse, ich bin der Sohn Poseidons. Auch kann nur er und kein anderer mich heilen! Jetzt aber fing er an, zu seinem Vater Poseidon zu beten, daß er mir die Heimkehr nicht vergönnen solle. Und kehrt er jemals zurück, endete er, so sei es wenigstens so spät, so unglücklich, so verlassen als möglich, auf einem fremden Schiffe, nicht auf dem eigenen; und zu Hause treffe er nichts als Elend an!
So betete er, und ich glaube, der finstere Gott hat ihn gehört. Auch ergriff er einen zweiten, noch viel größeren Felsblock und schleuderte ihn uns nach. Auch diesmal verfehlte er uns nur um ein weniges. Doch widerstanden wir dem Gegenstoße der Flut und ruderten getrost vorwärts. Bald waren wir auch wieder bei der Insel angekommen, wo die übrigen Schiffe geborgen in der Bucht lagen und die Freunde, schon lange traurig am Strande gelagert, uns erwarteten. Sie empfingen uns, als wir anlandeten, mit einem lauten Freudenrufe. Als wir ans Land gestiegen, war unser erstes Geschäft, die Herde des Zyklopen, die wir geraubt hatten, unter unsere Freunde zu verteilen. Den Widder jedoch, unter dessen Bauche ich entflohen war, schenkten mir meine Genossen im voraus von der Beute. Denselben brachte ich sogleich dem Zeus zum Opfer dar und verbrannte ihm die Schenkel des Tieres. Der Gott verschmähte jedoch das Opfer und ließ sich von uns nicht versöhnen. Sein Beschluß war, daß unsere Schiffe alle und außer mir auch alle meine Freunde untergehen sollten.
Doch davon hatten wir keine Ahnung. Wir saßen vielmehr den ganzen Tag, bis die Sonne ins Meer sank, vergnügt beieinander, schmausten und tranken, als wären wir aller Sorgen ledig. Dann legten wir uns am Strande zum Schlummer nieder und schliefen beim Wogenschlage ein. Sobald jedoch der Himmel sich wieder rötete, saßen wir auch schon alle auf unsern Schiffen und ruderten weiter, der Heimat entgegen.«