Das Gäßchen, dem er zueilte, wurde von der Rückwand einiger Scheuern und vom Zaun des Bürgermeistergartens gebildet. An der Ecke des letzteren angelangt, blieb Virgil stehen. Hinter dem Zaun regte sich's... Ein Geflüster drang an des Alten Ohr, ein zärtliches Liebesgeflüster, ein Seufzen, Kosen, Küssen, ein Abschiednehmen für eine Nacht, als wär's für die Ewigkeit... Es sind die zwei, dachte Virgil, es ist der Racker, der da küßt und herzt - der Racker, für den ich hingehen und töten muß... Muß ich?... War gestern bei der Beicht, und geh aufs Monat wieder... Und das könnt ich nicht beichten, und dafür gibt's keine Absolution, dafür gibt's nur die Hölle. - Am vorigen Sonntag hat der Pfarrer von ihr gesprochen und ihre Qualen ausführlich geschildert.
Der Hirt eilt immer noch vorwärts, seine Zähne schlagen zusammen, es pfeift laut in seiner Brust. Heulen und Zähneklappern, das ist schon die Hölle, er trägt sie schon in sich... Außer ihm ist sie aber auch, die Dunkelheit ist Hölle... Und was wandert da vor ihm her, was für ein breiter, schwarzer Strich, noch schwärzer als die Finsternis? - Ei, der Pavel! blitzt es durch das chaotische Durcheinander seiner Vorstellungen. Ruf ihn - so ruf ihn doch, ermahnt er sich selbst... Wozu? Nun, um ihm das Gift... er dachte es nicht mehr aus. Ihm war, als ob sein Kopf wüchse und groß würde wie ein Zehneimerfaß und als ob seine Füße so schwach und dünn würden wie Weidenruten; und diese schwachen Füße sollen den ungeheuren Kopf tragen und die Hölle, die er in der Brust hat? Das geht nicht, das nimmermehr... Was aber geschieht jetzt? Heiliges Erbarmen!... Der schwarze Strich verändert die Form, und es ist nicht Pavel, es ist der leibhaftige Teufel, hinter dem Virgil einhergeht, der Teufel, der sich nicht einmal nach ihm umsieht, so sicher ist er: Der folgt mir gewiß. Dem Hirten schwindelt, und er bricht zusammen. »Nein!« würgt er hervor, »nein, ich tu's nicht! Herrgott im Himmel, gebenedeite Dreifaltigkeit, verzeih mir meine Sünden!« Und vor dem Namen des Höchsten und Heiligsten verrinnt der Spuk, und es ist Pavel, der sich jetzt über den Alten beugt und fragt: »Was wollt denn Ihr da?«
»Ich, ich?« schluchzt Virgil und klammert sich mit beiden Händen an ihm fest. »Ich - nichts. Gift hab ich bringen sollen, aber ich tu's nicht...«
Er erhob sich, den Arm Pavels immer festhaltend, zertrat das Fläschchen und stampfte die Scherben in die Erde.
»Schau mir zu«, rief er, »bleib da und schau mir zu.«
»Laßt mich auch, Ihr seid einmal wieder betrunken«, sprach der Junge, machte sich los von Virgils krampfhaftem Umklammern und stieg über den Zaun in den Garten.
Am nächsten Morgen erwachte Pavel aus tiefem Schlafe. Die Tür der kleinen Kammer, die ihm der Lehrer als Wohnstube angewiesen hatte, war aufgerissen worden; im Dämmerschein des grauenden Herbsttages stand der Schulmeister da und rief: »Steh auf! beeil dich - du mußt die Sterbeglocke läuten.«
»Für wen denn?« fragte Pavel und regte die schlummerschweren Glieder.
»Für den Bürgermeister.«
Der Junge sprang empor wie angeschossen.
»Er ist tot, ich gehe hin, besorg du das Läuten«, sprach Habrecht und eilte hinweg.
Pavels erste Empfindung war Schrecken und Staunen. Der Bürgermeister, dem er gestern das Mittel gebracht hat, das ihn gesund machen sollte, nicht genesen? gestorben - nicht genesen?... Das Mittel hat nicht geholfen! Gott hat's nicht gewollt, darum vielleicht nicht, weil er's wohlmeint mit Pavel, dieser gute Gott. Er hat vielleicht den Bürgermeister sterben lassen, damit der Pavel nicht zwingen könne, noch länger bei Virgil zu bleiben.
Der Junge flog aus dem Hause und über den Hof, die Treppe zum Glockenturm hinauf und läutete, läutete mit Andacht, mit Inbrunst, mit feierlicher Langsamkeit. Und dabei betete er still und heiß für das Seelenheil des Verstorbenen.
Als er vom Turme herunterkam, traf er den Herrn Pfarrer, der, auf dem Heimweg aus dem Sterbehaus, den verdeckten Kelch in den Händen, eben im Begriff war, in die Kirche zu treten. Pavel sank auf die Knie vor dem heiligen Viatikum, und der Priester ließ im Vorübergehen einen Blick so voll Verdammnis und Verwerfung über ihn hingleiten, daß er erschrocken zusammenfuhr, an die Brust schlug und sich fragte: Ist er bös auf mich, weil er sich vielleicht auch denkt, daß der Bürgermeister meinetwegen hat sterben müssen?
Er ging in die Schule zurück und nach seiner Stube und hatte dieselbe kaum erreicht, als auch schon Vinska hereinstürzte, verstört, ganz außer sich.
Sie hatte die Kleider nur hastig übergeworfen, das Tüchlein fiel ihr vom zerrauften Haar in den Nacken, ihr Gesicht war totenbleich, und mit den Gebärden wilder Verzweiflung warf sie sich vor Pavel hin.
»Erbarm dich!« rief sie, »du bist besser als wir alle. Guter Pavel, weil du so gut bist, erbarm dich unser... Wir waren immer schlecht gegen dich, aber erbarm dich doch, erbarm dich meines alten Vaters, meiner alten Mutter, erbarm dich meiner!«
Sie preßte das Gesicht an seine Knie, die sie umschlungen hatte, und sah flehend zu ihm empor. Er war noch bleicher geworden als sie, eine unheimliche Wonne durchschauerte ihn: »Was willst du?« fragte er.
»Pavel«, antwortete sie und drückte sich fester an ihn, »das Fläschchen, das du gestern gebracht hast, hat der Tote, wie sie ihn gefunden haben, in der Hand gehalten, und die Leute sagen - und der Peter sagt auch, es ist Gift.«
»Gift?« Die nächtliche Szene mit Virgil fiel ihm plötzlich ein; »ja, von Gift hat dein Alter geredet... Otterngezücht! Ihr habt den Bürgermeister vergiften wollen...«
»So wahr Gott lebt«, beteuerte Vinska, »ich hab von nichts gewußt... Und auch so wahr Gott lebt: Es ist nichts Böses geschehen... Glaub mir - der Bürgermeister ist an seiner Krankheit gestorben, nur früher, als der Doktor gemeint hat, und das Mittel, das du gebracht hast, war ein gutes Mittel... Man wird es schon sehen bei Gericht, denn es kommt vors Gericht, der Peter will's!«
Keuchend, in namenloser Aufregung, brachte sie diese Worte hervor, und ihr starrer Blick hielt den seinen fest.
»Wenn's so ist«, entgegnete Pavel, »vor was fürcht'st dich?«
»Vor was? Weißt nicht, wie die Leute sind?... Wenn die Mutter vors Gericht kommt und wird zehnmal losgesprochen, deswegen heißt's doch, losgesprochen ist nicht unschuldig... Die Mutter darf nicht vors Gericht kommen, Pavel - Pavel!«
Sie wiederholte seinen Namen in allen Tonarten des Jammers, ihr zarter Körper schmiegte sich schlangenmäßig an ihm empor, und er, mit widerstrebender Seele, voll Argwohn und Groll, verschlang sie mit den Augen.
»Ich kann nicht helfen«, murmelte er.
»Du kannst! Du brauchst nur zu wollen, du brauchst nur zu sagen... sag es, Pavel, guter, guter Pavel!«
»Was denn? was soll ich sagen?«
»Daß dich niemand geschickt hat«, stammelte sie zagend, »daß du von selbst zu ihm gegangen bist.«
»Von selbst?« brach er aus; »was werde denn ich von selbst zu ihm gehen? was werd denn ich ihm bringen von mir selbst? Ich weiß ja nichts.«
»O Lieber, Allerliebster! ein Hirt weiß immer was. Du hast oft Kräuter gekocht für die kranken Ziegen und Schafe und hast halt gemeint, was für die so gut ist, kann auch für einen kranken Menschen gut sein... Das sag, Pavlicek, wenn sie dich fragen.« Sie küßte ihn, der ihr nicht mehr wehrte, auf seine brennenden Lippen. »Das sag, und dann nur alles, wie es war, wie du dich eingeschlichen hast in seine Stube, und was er gesagt hat, wie er dich gesehen hat.«
»Da hat er ja nichts gesagt.«
»Nichts gesagt?«
»Nichts, aber fürchterlich geglotzt.«
»Und du?«
»Und ich hab ihn gebeten, daß er mich beim Herrn Lehrer lassen soll.«
»Und dann? Weiter, Pavlicek, weiter.«
»Dann hat er mit dem Kopf gemacht: Nein, nein, und noch fürchterlicher nach dem Mittel geglotzt und gewinkt, daß ich ihm davon geben soll.«
»Und du hast ihm davon gegeben?«
»Ja.«
»Und niemand war dabei?«
»Niemand.«
»Und die Magd? Ist die draußen an der Tür gewesen?«
»Die ist draußen an der Tür gewesen.«
»Und was hat sie gesagt?«
»Sie hat gesagt: Gott geb's, daß das Mittel hilft.«
»Und du?«
»Ich hab auch gesagt: Gott geb's.«
»Und wie du in den Garten hinausgekommen bist, war niemand dort?«
»Der Peter«, sprach Pavel mit Bestimmtheit, »er hat mich gehört und mir nachgeschrien.«
»Das ist gut, alles gut, das mußt du alles aussagen«, flüsterte Vinska und umarmte ihn, als ob sie ihn ersticken wollte; »und es wird dir nichts geschehen, sie sind ja gescheit bei Gericht und wissen gleich, ob ein Mittel giftig ist oder nicht. Dir wird nichts geschehen, und uns wird geholfen sein... ich bitte dich also, erbarm, erbarm dich!«
Sie sah ihn an wie ein in Todesangst Ringender den Retter, von dem er sein ganzes Heil erwartet, und ein wonniges Gefühl der Macht schwellte die Brust des verachteten Jungen.
»Was krieg ich, wenn ich's tu?« rief er übermütig und packte sie an beiden Armen. »Wirst du dann den Peter stehen lassen und mich nehmen?«
Wilde Verzweiflung flog über ihre Züge; von Zorn übermannt, vergaß sie alle Klugheit. »Dummer Bub - so war's nicht gemeint!«
Sie schrie es fast und suchte sich von ihm loszumachen.
Er spottete: »Nicht? Warum also gibst mir Küsse und nennst mich Allerliebster?... Soll ich statt euer vor Gericht, damit der Peter dich nehmen kann? Das willst?«
»Das will ich!« sprach sie finster; »das muß ich. Dummer Bub!...« Sie trat einen Schritt zurück und erhob die gerungenen Hände. »Ich muß als Weib ins Bürgermeisterhaus oder in den Brunnen.»
»Du mußt? - mußt? - mußt?...« Er hatte begriffen und stöhnte auf in qualvollem Entsetzen... »Nichtsnutzige!«
Ihre Augen schlossen sich, ein Tränenstrom rann über ihre Wangen. »Ich hab geglaubt, daß du mich liebhast und mir helfen wirst«, sprach sie mit weicher Stimme, »aber du willst nicht.«
Sie schwieg, ihm raubten Grimm und Schmerz den Atem. Eine Weile standen sie wortlos voreinander: er im Begriff, auf sie loszustürzen, um sie zu erwürgen, sie auf das Schlimmste gefaßt und sich darein ergebend.
»Vinska«, begann er endlich, und sie, bei diesem Ton, so trotzig er auch klang, sie faßte wieder Hoffnung.
»Was - guter, guter Pavel?«
»Nichtsnutzige!« wiederholte er mit zusammengebissenen Zähnen.
Sie wollte sich von neuem vor ihm niederwerfen, da hob er sie in seinen Armen auf, trug sie zur Tür und stieß sie hinaus. Noch einmal wandte sie sich vernichtet, zerknirscht: »Was wirst du sagen vor Gericht?«
»Ich werd schon sehen, was ich sagen werd«, antwortete er. »Geh.«
Sie gehorchte.