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Im Bürgermeisterhause herrschten Verwirrung und Schrecken. Zum zehnten Male erzählte Peter den Neugierigen, die in die Sterbestube hereindrangen, wie er noch vor Mitternacht mit seinem Vater gesprochen und dann in die Kammer nebenan schlafen gegangen sei und wie ein paar Stunden später ein Röcheln ihn geweckt habe... Wie er aufgesprungen, zum Vater gestürzt, ihn schon in den letzten Zügen gefunden und den Knecht nach dem Priester und die Magd nach dem Doktor geschickt... Und wie beide zu spät gekommen... Und wie der Doktor, da er nach der Hand des Toten griff, die zur Faust geballte fast gewaltsam hatte öffnen müssen, um ihr ein halb geleertes Fläschchen entnehmen zu können, welches die Finger, im Todeskampf erstarrt, noch festhielten.

Die Zuhörer drückten ihre Teilnahme durch Seufzen und Klagen aus; Peter fuhr fort: »Der Pfarrer schaut. ›Was ist das?‹ fragt er, und der Doktor schaut auch, und wie er schon ist, sagt nichts - ›Herrgott im Himmel‹, ruft der Pfarrer: ›Ist ihm sein Leiden zuviel geworden? Ist er in Todsünde gestorben?‹ - ›Er ist an einer Verblutung gestorben‹, sagt der Doktor, und das Fläschchen führt er an die Nase: ›Und das ist Kamillengeist!‹ sagt er.«

»Wer's glaubt«, fiel ein altes Weib dem Peter in die Rede, und er schluchzte auf.

»Wer's glaubt, das hab ich auch gesagt! Gift hat mein Vater bekommen, ich hab am Abend einen Kerl aus dem Garten schleichen sehen, und ich glaub, ich kenn ihn, sag ich, reiß die Magd her und geb ihr eine und sag: ›Wer war gestern am Abend im Zimmer bei meinem Vater?‹ - ›Der Pavel‹, platscht sie heraus und fällt auf die Knie, ›Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll... Schlagt mich tot, aber so wahr Gott lebt, Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll, ich sag, wie's ist, und weiter weiß ich nichts.‹«

Bei dieser Stelle seiner Erzählung brach Peter regelmäßig in ein rasendes Weinen aus. Er warf sich über die Leiche seines Vaters, und der rohe, harte Bursche wimmerte wie ein Kind. »Schon lange ist mir meine Mutter gestorben, und jetzt hab ich auch keinen Vater mehr. Eine Waise bin ich und ganz verlassen!«

Im Publikum, das mit Spannung den Ausbrüchen seines aufrichtigen Schmerzes lauschte, erhoben sich anklagende Stimmen gegen Pavel. Der schlechte Bub hat die Hand im Spiel bei dem Unglück mit dem Bürgermeister. Dem schlechten Buben, der vermutlich lieber auf der faulen Haut liegt als arbeitet, ist der Dienst beim Hirten zu schwer gewesen, er hat fort gewollt, aber nicht dürfen ohne Erlaubnis des Bürgermeisters, und weil der unerbittlich geblieben ist und die Erlaubnis nicht gegeben hat, sooft der Bub sie auch von ihm verlangt, so hat der schlechte Bub sich jetzt gerächt und den Bürgermeister aus der Welt geschafft.

Die Legende war bald fertig, verbreitete sich rasch im Dorfe, fand Glauben und stachelte die Leute auf zur Entfaltung einer ungewohnten Energie. Die ihres Oberhauptes beraubte Ortsbehörde entsandte einen Boten nach dem Bezirksamt, um für alle Fällen den Gendarm zu holen, während einige Heißsporne nach der Schule liefen, um - auch für alle Fälle - den Giftmischer durchzuprügeln. Indessen fanden sie das Haus versperrt. Der Lehrer hatte, gleich nachdem das für Pavel so bedrohliche Gerücht zu ihm gedrungen, ein Verhör mit dem Burschen angestellt, ihn dann in die Schulstube eingeschlossen und sich zum Doktor begeben. Bei demselben waren bereits der Herr Pfarrer, der Peter, Anton der Schmied und einige Bauern versammelt.

Der Pfarrer saß in dem großen schwarzen Lehnstuhl in einer Ecke des Fensters; in der andern, die Hände auf dem Rücken, hielt sich der Doktor. Den beiden Honoratioren gegenüber standen, einen regelmäßigen Halbkreis bildend, die Bauern.

»Ach, da kommt ja der Herr Lehrer«, sprach der Pfarrer mit seiner leisen, etwas heiseren Stimme.

»Sie werden wohl bereits wissen, um was es sich handelt«, bemerkte der Doktor, um dessen bläuliche Lippen ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte.

Peter rief: »Der Pavel hat meinen Vater vergiftet!«

»Weiß man noch nicht«, murmelte Anton.

»Und muß ins Kriminal«, fuhr Peter fort, und Anton wiederholte: »Weiß man noch nicht«, worauf Peter den Trumpf setzte: »Ich steh nicht ab, er muß ins Kriminal.«

»Vorläufig«, sagte Habrecht, »habe ich ihn in die Schulstube eingesperrt.«

Der Pfarrer stutzte. »So glauben auch Sie?...« Er hielt fast erschrocken inne, wie jemand, der sich verschnappt hat und dem das sehr unangenehm ist.

Habrecht bemerkte es und hielt sich schadenfroh an das bedeutungsvollste Wort in dem übereilt ausgesprochenen Satze.

»Auch?« wiederholte er nachdrücklich, »nämlich wie Euer Hochwürden?«

Eine leichte Röte erschien auf den eingefallenen Wangen des Priesters.

»Ich dachte an die vox populi«, sagte er.

»Ja so! die entstellte vox Dei.«

Nun öffnete sich die Tür, ein großer, vom Alter schon gebeugter Mann mit graugelbem Haar und ziegelrotem Gesicht, der Viertelbauer Barosch, trat ein. Er ging auf den Pfarrer zu, küßte ihm die Hand und meldete, der Gendarm komme schon.

»Was soll der Gendarm?« fuhr Habrecht ihn an, und Barosch richtete seine starren, immer erstaunten, immer um Verzeihung bittenden Branntweintrinkeraugen demütig auf den Lehrer und antwortete: »Den Buben aufs Bezirksgericht führen.«

»Was soll der Bub auf dem Bezirksgericht?«

»Gestehen.«

»Was denn?«

»Daß er dem Bürgermeister etwas gebracht hat.«

»Das gesteht er ja ohnehin.«

»So?« sprach der Pfarrer, »das hat er Ihnen gestanden?»

»Er würde es auch Ihnen gestehen.«

»Da wäre ich doch begierig, Herr Lehrer. Da möchte ich Sie doch bitten, lassen Sie ihn rufen, haben Sie die Güte.«

»Ich geh um ihn!« schrie Peter und wollte schon davoneilen; Anton hielt ihn fest: »Nicht du, du bist wie ein Narr. Ich geh, Herr Lehrer.«

Aber Habrecht dankte auch ihm für das Anerbieten, verließ die Stube und kehrte nach einer Weile, von seinem Schützling begleitet, zurück.

Peter konnte nur mit größter Mühe verhindert werden, über den letzteren herzufallen, drohte ihm und rief, so laut die atemraubende Wut, die ihn beim Anblick Pavels ergriffen hatte, es erlaubte: »Schaut ihn an, den Hund! Sieht man ihm nicht an, was für ein Hund der Hund ist?«

Und wirklich konnte der Zustand, in dem der Junge vor die höchsten Instanzen seines Dorfes trat, ein günstiges Vorurteil für ihn nicht erwecken. Der Kopf schien ihm zu brennen, eine scheue und finstere Qual sprach aus dem glühenden Antlitz und entsetzlicher, unstillbarer Haß aus den Blicken, die er hinter halbgeschlossenen Lidern hervor auf seinen Hauptankläger, auf Peter, warf.

Habrecht legte die Hand auf seine Schulter und schob ihn vor sich hin in die Fensterecke, zwischen den Pfarrer und den Doktor hinein.

Der Pfarrer betrachtete den Jungen schweigend, räusperte sich und fragte ruhig und geschäftsmäßig: »Ist es wahr, daß du dich gestern abend in das Haus des Bürgermeisters geschlichen und ihm etwas gebracht hast?«

Pavel nickte, und durch den Kreis der Bauern lief ein Geflüster triumphierender Entrüstung.

»Was war das, was du ihm gebracht hast?«

»Es war eine gute Medizin.«

»Wie bist du zu der guten Medizin gekommen?« fiel nun Habrecht ein.

Pavel schwieg, und der Lehrer fuhr fort: »Hat dich nicht vielleicht jemand zum Bürgermeister geschickt mit dieser guten Medizin?«

Der Junge erschrak und versetzte rasch: »Nein, ich habe sie von mir selbst gebracht.«

»Woher weißt du denn auf einmal etwas von guten Medizinen?« mischte der Doktor sich ins Verhör, und Pavel erwiderte: »Ein Hirt weiß immer was.«

»Er lügt«, erklärte der Lehrer; »er will oder darf die Wahrheit nicht sagen.«

»Und das halten Sie für die Wahrheit?« fragte der Pfarrer, dessen Gelassenheit vorteilhaft abstach von der nervösen Unruhe Habrechts. Dieser sprach: »Für die Wahrheit halte ich, daß der Junge zum kranken Bürgermeister geschickt worden ist, und zwar durch die Kurpfuscherin, die Frau des Hirten.«

Pavel schrie auf: »Sie hat mich nicht geschickt! Ich bin von selbst gegangen«, und Peter wiederholte zornig: »Von selbst, er gibt's zu, aber der Herr Lehrer nicht. Der Herr Lehrer will unschuldige Leut hineinbringen... das verzeih Gott dem Herrn Lehrer. Der Bub hat mit den Leuten, die der Herr Lehrer hineinbringen will, schon lang nichts mehr zu tun, der Bub ist schon lang beständig beim Herrn Schullehrer in der Schul.«

»Mich wundert nur«, entgegnete ihm der Doktor, »daß dein Vater das Mittel, das der Bub ihm von sich aus gebracht hat, so ohne weiteres genommen haben soll; außer - er hätt's extra beim Buben bestellt, was mir auch nicht recht einleuchten will.«

»Sag ganz genau, wie es zugegangen ist«, wandte der Pfarrer sich an Pavel. »Du hast dich also gestern in die Stube des Bürgermeisters geschlichen?«

»Ja.«

»Und was hast du gesagt?«

»Guten Abend, Herr Bürgermeister.«

»Und was hat er gesagt?«

»Nichts.«

»Und was hat er getan?«

»Mir gewinkt, ich soll ihm das Mittel geben.«

»So hat er also gewußt, daß du ein Mittel bringen wirst?«

Pavel antwortete nicht; er hatte den Kopf vorgestreckt und lauschte einem Geräusch von Schritten und Stimmen, die sich der Tür näherten. Abermals wurde sie geöffnet, der Gendarm Kohautek, auch der heiße Gendarm genannt, erschien, gefolgt von den Räten.

Die Schwüle, die bereits im Zimmer herrschte, nahm plötzlich so sehr zu, als hätte man einen geheizten Ofen hereingestellt; und alle diese Hitze schien von dem vor Berufseifer glühenden Kohautek auszugehen. Aber nur aus den Augen loderten die inneren Flammen, und wie warm ihm immer war, verrieten allein die kleinen Schweißtropfen, die auf seiner Nase perlten. Sein Gesicht war von schöner klarer Olivenfarbe und rötete sich nie.


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