Es war nach dem Segen; der Geistliche saß in seinem Garten auf der Bank unter dem schönen Birnbaum, dessen Früchte sich bereits goldig zu färben begannen, ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes. Pavel stand schon ein Weilchen da, ohne daß er es wagte, den Pfarrer anzusprechen, bevor dieser das kleine, blasse, von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob und nach einigem Zögern sagte: »Dir ist Unrecht geschehen.« Sein Blick glitt an Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne: »Du hast am Tod des Bürgermeisters keine Schuld.«
»Freilich nicht«, entgegnete Pavel, »die Kinder laufen mir aber doch nach und schreien: Giftmischer!... Ich möchte den Herrn Pfarrer bitten, daß er ihnen verbietet, mir nachzurufen: Giftmischer.«
»Meinst du, daß sie es mit meiner Erlaubnis tun?« fragte der Priester gereizten Tones.
»Und die Alten«, fuhr Pavel fort, »sind auch so. Dreimal hab ich kleine Fichten gepflanzt auf meinem Grunde, etwas anderes wächst ja dort nicht. Dreimal haben sie mir alles ausgerissen. Sie sagen: Dein Haus muß frei stehen, man muß in dein Haus von allen Seiten hineinschauen können, man muß wissen, was du treibst in deinem Haus.«
Der Pfarrer räusperte sich: »Hm, hm... Das kommt daher, daß du einen so schlechten Ruf hast. Du mußt trachten, deinen Ruf zu verbessern.«
Pavel murmelte: »Ich hab mein Zeugnis vom Amt.«
»Nutzt alles nichts, wenn die Leute nicht dran glauben«, sprach der Geistliche. »Auf den Glauben kommt es an, im großen wie im kleinen. Zu deiner ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott, zu deiner Wohlfahrt hier auf Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich.«
»Wär freilich gut.«
»Du willst sagen, es wäre gut, wenn du ihn erwerben könntest. Willst du so sagen?«
»Ja.«
»So bemühe dich. Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und mußt nur trachten, auf ihm vorwärtszukommen. Ohne Stütze jedoch wird das kaum gehen, die wirst du noch lange brauchen. Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Stütze... wird es aber nicht mehr lang sein können.«
»Wie? warum? - warum nicht mehr lang?«
»Weil er versetzt werden wird, an eine andere Schule.«
»Versetzt?« rief Pavel in Bestürzung.
»Wahrscheinlich.«
Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht, dann sprach er: »Mehr als wahrscheinlich - gewiß. Mache dich darauf gefaßt und überlege, an wen du dich wenden kannst, wenn der Lehrer fortgeht, zu wem du in diesem Falle sagen kannst: Ich bitte, nehmen Sie sich jetzt meiner an.«
Nach einer Pause, in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand, fuhr der Pfarrer fort, aufrichtig bemüht, sich für den ungeschlachten Burschen, dem sein ganzer Mensch widerstrebte, wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen: »Überleg's; ist niemand da, zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen könntest?«
Er mußte die Frage wiederholen, ehe sie beantwortet wurde, und dann geschah es mit einem so entschiedenen: »Niemand«, daß der Priester es vorläufig nicht unternahm, diese feste Überzeugung zu erschüttern. Er räusperte sich abermals: »So, so«, sagte er, »niemand? Das ist ja schlimm. Denke aber doch ein wenig nach, vielleicht fällt dir doch noch jemand ein.« Er lehnte sich wieder an den Baum zurück, sah wieder ins Weite und schloß: »Du kannst nach Hause gehen, kannst auch dem Lehrer sagen, daß ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen werde.«
Pavel entfernte sich verwirrt, in halber Betäubung, als ob er einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte.
Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche, mit der von süßem Schmerz verklärten Miene, die er immer annahm, wenn er sich in diese geliebten Blätter versenkte. Pavel nahm Platz ihm gegenüber und betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit. Lange wagte er nicht ihn zu stören; endlich aber brach er - ohne seinen Willen, gegen seinen Willen - in die Worte aus: »Herr Lehrer, was muß ich von Ihnen hören?«
Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen, als ein Schrecken über die Wirkung, die sie hervorgebracht hatte, ihn erfaßte. Habrecht war aschfahl geworden, seine Augen verschleierten sich, sein Unterkiefer hing herab und zitterte, vergeblich bemühte er sich zu sprechen, er brachte nur ein unzusammenhängendes Gestotter hervor. Nach Atem ringend, focht er mit den Händen in der Luft und sank unter Ächzen und Stöhnen auf seinen Sessel zurück. Pavel aber, der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte, das ginge viel leichter, als es in Wahrheit geht, sprang auf, warf sich auf die Knie und beschwor ihn händeringend: »Sterben Sie nicht, Herr Lehrer, sterben Sie nicht!«
Ein mattes Lächeln stahl sich über Habrechts Gesicht: »Unsinn«, sagte er, »nicht von Sterben ist die Rede, sondern von dem, was du von mir gehört hast. Beichte!« befahl er, richtete sich auf und rollte fürchterlich die Augen. »Was war's, wie lautet der Unsinn? O vermaledeiter Unsinn!... Kein Vernünftiger glaubt ihn, und doch lebt er vom Glauben, kugelt so weiter im Dunkel, in der Tiefe. Sie zählen sich ihn an den Fingern her, diejenigen, die selbst nicht mitzählen... Was hast du gehört? Sprich!« Er zog Pavel in die Höhe und rüttelte ihn; als der verblüffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden, preßte er die Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen.
»Was käme heraus?... Was ich weiß im vorhinein, zum Ekel, was mich nicht schlafen läßt. Schweig«, rief er, »ich will einmal reden, ich elender Lügner, ich will die Wahrheit sagen, ich armer Zöllner will sie dir, dem armen Zöllner, sagen. Setz dich, hör mir zu, beug dein Haupt. Wenn es auch nur eine klägliche Geschichte ist und die Geschichte einer jämmerlichen Torheit, sie ist doch heilig, denn sie ist wahr.«
Er ging zum Wasserkrug, trank in langen Zügen und begann dann leise und hastig von den Tagen zu sprechen, in denen er jung gewesen, ein Lehrerssohn und Gehilfe seines kränklichen Vaters, durch Begabung und Verhältnisse, durch alles, was natürlich und vernünftig ist, bestimmt, einst zu werden, was jener war. In seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz, prickelte die Eitelkeit, diese üblen Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren, spiegelten ihm ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor. Die Zukunft eines großen Professors in der großen Stadt, die träumte er für sich und sein schwacher Vater für ihn, und dieses Schattengebilde der Zukunft, es lebte und nährte sich vom Fleisch und Blut der Wirklichkeit, von der Kraft, der Gesundheit, dem Schlaf der Jugend... Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen? Kein Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich - bei Tag ein Lehrer und bei Nacht ein Student - zu sein. Als der erste noch jung, als der zweite doch schon recht alt; denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit, die er für seine Zwecke nur zur Hälfte ausnutzen durfte. Eines Morgens brach er an der Tür der Schulstube zusammen. Wie aus der Ferne hörte er noch einen zitternden Klageruf, sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu ihm neigen, dann war alles Stille und Dunkelheit, und wohltuend überkam ihn das Gefühl einer tiefen, bleiernen Ruhe.
Lange Zeit verging: Habrecht lag dahin, anfangs in wirren Fieberträumen, später in dumpfer Bewußtlosigkeit. Man hielt ihn für tot, legte ihn in den Sarg und trug ihn in die Leichenkammer. Dort erwachte er. - Seine Rückkehr ins Leben erregte nur Entsetzen, sich ihrer zu freuen war niemand mehr da. Seinen Vater hatten Schrecken und Gram getötet, der schlief schon seit ein paar Tagen unter dem Friedhofsrasen, und lieber hätte der Wiedererstandene sich neben ihn gebettet, als daß er, ein gebrochener Mann, den Kampf mit dem Leben von neuem aufnehmen sollte. An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken - Habrecht bewarb sich um die Stelle, die sein Vater bekleidet hatte. Sie wurde ihm zuteil - zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft.
»Daß einer, der drei Tage tot war, wieder lebendig wird, das ist, man mag es nehmen, wie man will, eine unheimliche Sache. Wo hat sich seine Seele aufgehalten während dieser drei Tage? Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie zurück?...« sagten sie. Die seltsamsten Gerüchte begannen sich zu verbreiten, das Märchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhölle entstand. Und er ließ es gelten. Er war ein armer, zugrunde gerichteter Mensch, der gefürchtet hatte, sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu können, und dem es schmeichelte, als er nun bemerkte, daß er sogar den Erwachsenen Scheu einflößte und daß nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte. Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Möglichkeit genommen, ein falscher Ehrgeiz bemächtigte sich seiner, und er ergriff zu dessen Sättigung unlautere Mittel. Er nährte den Wahn, den zu bekämpfen seine Pflicht gewesen wäre, er, ein Lehrer, ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden, ein Streiter wider den Irrtum, er unterstützte die Lüge, die Dummheit - den Feind. Er war ein stiller Verräter an der eigenen Sache, er hielt das Vorurteil aufrecht, weil seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand.
Der Pfarrer, der ihn durchschaute, rügte sein Tun; sein eigenes Gewissen warf ihm das Unrecht vor... Er beschloß, es nicht mehr zu begehen, er faßte den Vorsatz und dachte ihn leicht auszuführen.
Indessen - siehe da! was mußte er erkennen? Der Wahn, den er früher unterstützt hatte und nun austilgen wollte, war nicht mehr auszutilgen. Nicht in kurzer, nicht in langer Zeit, nicht mit kleiner und nicht mit großer Mühe...
»Ich habe dem Unverstand das Hölzchen geworfen«, rief er aus, »und er hat eine Keule daraus gemacht, mit der er mich drischt... Ich habe mit Schlangen gespielt, und wie ich einsehe, daß ich Frevel treibe, und aufhören will, ist's zu spät, und ich bin unrettbar umzingelt.«
Von peinlicher Unruhe gejagt, begann er seine gewohnten Wanderungen durch das Zimmer.
»Wär ich doch ein aufrechter Verbrecher, ein Mörder meinetwegen - ein ehrlicher Mörder und nicht die verlogene Kreatur, die ich bin... bin! denn man wird's nicht los. Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und regiert ihn gegen seinen Willen. Das ist fürchterlich, wahr sein wollen und nicht mehr können.«
Er blieb vor Pavel stehen, packte ihn an beiden Armen und rüttelte ihn: »Du wirst es auch erfahren, wenn du dich nicht änderst... Ändere dich, du kannst es noch.«
»Was soll ich tun?« fragte Pavel.
»Nicht lügen, nichts von dir aussagen, was du nicht für wahr hältst, im Guten nicht, denn das ist niederträchtig, im Bösen nicht, denn das ist dumm. Du machst dich zum Knecht eines jeden, den du belügst, und wäre er zehnmal schlechter und geringer als du. Ich weiß, was du willst, dich trotzig zeigen, Scheu einflößen... Warte nur, bis der Tag der Umkehr kommt - er kommt bei dir, er bricht schon an - warte nur, wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir selbst.«
»Herr Lehrer«, unterbrach ihn Pavel, »seien Sie ruhig, es klopft jemand.«
Habrecht fuhr zusammen. »Klopft? - was? - wer?... Ah - - Hochwürden!...«
Der Geistliche war eingetreten. »Ich habe dreimal geklopft«, sagte er, »aber Sie haben nicht gehört, Sie haben so laut gesprochen.« Seine klugen, scharfen Augen richteten sich prüfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in Bestürzung versetzten Lehrer.
»Oh Hochwürden, wie schön... ist's gefällig? - einen Sessel... Pavel, einen Sessel«, stammelte Habrecht und eilte zum Tisch, an den er die zitternden Beine lehnte und über den er wie beschützend die gerundeten Arme erhob. Mit einer selbstverräterischen Ungeschicklichkeit, die ihresgleichen suchte, lenkte er die Aufmerksamkeit des Priesters auf das, was er ihr um jeden Preis hätte entziehen mögen, auf das offen daliegende Buch.
Der Pfarrer trat ihm gegenüber, schlug, bevor Habrecht es hindern konnte, das Titelblatt auf, und von seinem Platze aus, ohne das Buch zu wenden, las er mit Schrecken, mit Abscheu, mit Gram: Titi Lucretii Cari: De rerum natura.
Er zog die Hand zurück, rieb sie heftig am Rock ab und rief: »Lukrez... O Herr Lehrer - Oh!...«
Und Habrecht, ringend in Seelenqual, sammelte sich mühsam, langsam - zu einer Lüge. »Zufall«, stotterte er, »zufällig übriggeblieben das Büchlein, aus der Zeit der philologischen Studien... zufällig jetzt zum Vorschein gekommen...«
»Wünsche es, hoffe es, müßte Sie sonst bedauern«, entgegnete der Geistliche, der ihn nicht losließ aus dem Bann seines Blickes.
»Und Sie hätten recht, der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verheißen können, der da kommt, sich bei Ihnen Trost zu holen«, brach Habrecht aus.
Als der Priester ihn verlassen hatte, nahm er den zerlesenen Band, liebkoste ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust, seinen mit stets erneuter Wonne genossenen, stets verleugneten Freund.