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Pavel baute rüstig an seinem Haus fort, und es wurde fertig, allen Hemmnissen zum Trotz, welche der Mutwille und die Bosheit ersannen, um seinem Erbauer die Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren. Da stand es nun, mit Moos und Stroh bedeckt, sehr niedrig und sehr schief. Aus den drei kleinen Fenster guckte die Armut heraus, doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand, der las über der schmalen Tür: Durch mich geht der Fleiß ein, der diese Armut besiegen wird. Vorläufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines jeden, den sein Weg vorbeiführte. Pavel ließ sich aber die Freude an seinem Häuschen nicht verderben, sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung. Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft. Um diesen mit ihm zu durchmustern, fand der Schullehrer sich ein. Sie hielten Beratung, drehten jedes Brett wohl zehnmal um und überlegten, wie es am besten zu verwenden wäre. Plötzlich hob Pavel den Kopf und horchte. Das langsame Rollen eines schweren Wagens, die Anhöhe herauf, ließ sich vernehmen.

»Die Frau Baronin kommt«, rief Pavel, »Sie hat mein Haus noch nicht gesehen; was wird sie sagen, wenn sie sieht, daß ich ein Haus habe!«

In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht. Die Spazierfahrten der alten Dame lenkten sich regelmäßig nach einer andern Richtung. Den schlechten, steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren, meistens zur Herbstzeit, wenn sie ihren alten pensionierten Förster im Jägerhause droben besuchte. Das war heute und wäre wohl öfters der Fall gewesen, ohne die Gründe, die Matthias, der Bediente, immer anzuführen wußte, um von dem Ausflug nach dem Jägerhaus abzuraten. Der Grund, der ihm alle diese Gründe lieferte, war der, daß er an der Gicht in den Beinen litt, ungern zu Fuße ging und recht gut wußte, daß es am Ende des Dorfes, wo die jähere Steigung begann, heißen würde: »Steig ab, Matthias, du bist zu dick, die armen Pferde können dich nicht schleppen.«

Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte, war Matthias soeben vom Bock herabbefohlen worden, er schritt verdrießlich hinter der großen Kalesche einher, und die Baronin saß in derselben ebenfalls verdrießlich. Sie ärgerte sich über den Buckel, den ihr Kutscher machte, und schloß daraus auf einen Mangel an Respekt, indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war. Die Gebieterin sagte leise vor sich hin: »Daß die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen können!... Was das für eine Manier ist!... Eine rechte Schand, wenn sich einer gar nicht zusammennehmen kann!...« Sie selbst saß aufrecht wie eine Kerze und streckte sich, soviel sie konnte, um mit gutem Beispiel voranzugehen, was freilich unter den gegebenen Umständen wenig nützte. Dabei blickte sie lebhaft und neugierig umher durch die große Brille, die sie bei ihren Ausfahrten aufzusetzen pflegte. Bei der Sandgrube angelangt, wurde sie die neue Hütte gewahr, welche sich dort erhob, und rief: »Matthias, wer hat denn da einen Stall gebaut? Was ist denn das für ein Stall?«

Matthias beschleunigte seine Schritte, nahm den Hut ab und antwortete: »Das ist eine Schaluppen.«

»Was der Tausend! wer hat sich denn die gebaut?«

Matthias lächelte verächtlich: »Die hat sich ja der Pavel gebaut, der Holub.«

»Gott bewahr einen! der baut Häuser?«

»Ja«, fuhr Matthias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag, »für die Mutter, heißt's, daß die wo unterschlupfen kann, wenn sie herauskommt aus dem Zuchthaus. Wird ein Raubnest werden; ist noch gut, daß es so frei steht und so weit draußen aus dem Dorf.«

Während dieses Gesprächs war die Equipage vor dem Hüttchen angelangt, von dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte, auf dem Pavel seine Bretter ausgelegt hatte.

Die Baronin befahl dem Kutscher, ordentlich zu hemmen und anzuhalten. Sie beugte sich aus dem Wagen und fragte: »Was sind denn das für Bretter?«

Habrecht trat heran und begrüßte die gnädige Frau.

»Sieh da«, sprach diese, »der Lehrer, das ist schön, da können Sie mir gleich sagen, was das für Bretter sind?«

»Aus der herrschaftlichen Brettmühle, Euer Gnaden.«

»Und wie kommen sie denn hierher?«

»Als Eigentum des Pavel Holub, der sie gekauft hat.«

»Gekauft?« entgegnete die Baronin; »das ist schwer zu glauben, daß der etwas gekauft haben soll.«

Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten; bei den letzten Worten der gnädigen Frau fuhr er auf, wandte sich, sprang in die Hütte und kam gleich darauf wieder zurück, einen Bogen Papier in der Hand haltend, den er, ohne ein Wort zu sprechen, der Baronin überreichte.

»Was ist das? fragte sie, »was bringt er mir da?«

»Die saldierte Rechnung über die gekauften Bretter«, antwortete Habrecht, an den die Frage gerichtet war.

»So - der kauft ein und bezahlt Rechnungen? Woher nimmt er das Geld dazu? Ich habe gehört, daß er einen Beutel voll Geld gestohlen hat.«

»Eine alte Geschichte, Euer Gnaden, die nicht einmal wahr gewesen ist, als sie noch neu war.«

»Ich weiß schon, Sie nehmen immer seine Partei. Ihrer Meinung nach habe ich immer unrecht gegen den schlechten Menschen.«

»Er ist nicht mehr schlecht; die Zeiten sind vorbei, Euer Gnaden können mir glauben.«

»Warum spricht er denn nicht selbst? Warum steht er denn da wie das leibhaftige böse Gewissen?... Entschuldige dich«, sprach die alte Dame, sich an Pavel richtend, »sag etwas, bitte um etwas. Wenn ich gewußt hätte, daß du ein Haus baust und Bretter brauchst, hätte ich sie dir geschenkt... Kannst du nicht bitten?... Weißt du nichts, um was du mich bitten möchtest?«

Jetzt erhob Pavel seine Augen zu der alten Frau. Zagend, zweifelnd blickte er sie an. Ob er etwas zu bitten habe, fragte sie nicht mehr, nachdem diese düsteren Augen sie angeblickt und sie in ihnen eine so kummervolle, so unaussprechlich tiefe Sehnsucht gelesen hatte.

»Was möchtest du also?« sagte sie, »so rede!«

Pavel zögerte einen Augenblick, nahm sich zusammen und antwortete ziemlich deutlich und fest: »Ich möchte die Frau Baronin bitten, daß Sie meiner Schwester Milada schreibt, sie möchte mir erlauben, sie zu besuchen.«

Ungeduldig wackelte die Baronin mit dem Kopfe: »Das kann ich nicht tun, da mische ich mich nicht hinein, das ist die Sache der Klosterfrauen. Zur Milada darf man nicht ohne weiteres hinlaufen, sooft es einem einfällt, ich darf's auch nicht. Milada gehört nicht mehr uns, sondern dem Himmel... Der Mensch«, richtete sie sich wieder an Habrecht, »spricht auch immer dasselbe; ich begreife nicht, wie man sagen kann, daß er sich geändert hat... Und jetzt fahren wir. - Adieu! Vorwärts, Jakob.«

Der Wagen setzte sich in Bewegung, war jedoch kaum ein Stückchen weitergekollert, als die Baronin abermals haltzumachen befahl, Habrecht herbeiwinkte und fragte: »Was ist's denn mit dem neuen Schullehrer? Warum kommt er nicht? Er hat sich ja heute vorstellen sollen.«

»Morgen, Euer Gnaden, wenn ich bitten darf.«

»Wieso, morgen?... Ist denn heute nicht Mittwoch?«

»Ich bitte um Verzeihung, heute ist Dienstag.«

»Dienstag? Das ist etwas anderes. Ich habe schon geglaubt, der Jüngling, der vermutlich ein gelehrter Flegel sein wird, findet es überflüssig, der Gutsbesitzerin seinen Kratzfuß zu machen. Und wann reisen denn Sie, Schullehrer?«

»Nächste Woche, Euer Gnaden.«

»Recht schade, recht schad um Sie, es kommt nichts Besseres nach«, sprach die Baronin und fuhr, Habrecht huldvoll grüßend, davon.

Als der Lehrer sich nach Pavel umsah, stand dieser unbeweglich und feuerrot im Gesicht. »So ist es doch wahr?« fragt er, so mühsam schluckend, als ob ihm die Kehle zugeschnürt würde. »Sie gehen fort?«

»Das heißt, ich komme fort«, erwiderte Habrecht zögern; »ich bin versetzt worden.«

»Weit weg?«

»Ziemlich.«

»Wissen Sie das schon lang, Herr Lehrer, daß Sie versetzt worden sind?«

»Lang - nicht lang - wie man's nimmt...«

»Warum haben Sie mir's nicht gesagt?«

»Wozu? Hast du's nicht ohnehin erfahren?«

»Aber nicht glauben wollen, dem Herrn Pfarrer nicht und den andern schon gar nicht. Wenn es ist, habe ich mir gedacht, werden Sie es mir schon selbst sagen...« Er vermochte nicht, weiterzusprechen.


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