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Zur Schnittzeit in demselben Jahre fand ein großes Ereignis statt. Die Gemeinde führte ein langgehegtes Vorhaben aus; sie kaufte für ihre bisher von einem Pferdegöpel betriebene Dreschmaschine ein Lokomobil. Auf der Eisenbahnstation wurde es abgeholt und zog sechsspännig, mit Blumen bekränzt, ins Dorf ein. Stolz schritten die Bauern neben ihm; es verdarb keinem die Freude an der wertvollen Erwerbung, daß man nur die erste der zehn Raten, in welchen sie bezahlt werden sollte, erlegt hatte und vorläufig noch nicht wußte, woher das Geld nehmen für die übrigen neun.

Unweit von Pavels Hütte lag frei auf der Anhöhe, das Dorf beherrschend, der Hof des neugewählten Bürgermeisters. Dort eröffnete das Lokomobil seine Tätigkeit. Es dampfte und schnob, und die mit ihm in Verbindung gesetzte Dreschmaschine schluckte die dargereichten Garben und spie mit nie dagewesenen Geschwindigkeit die ausgelösten Körnlein aus und das zerknitterte Stroh. Anfangs drängte sich viel Publikum zu dem hübschen Schauspiel, allmählich jedoch ließ bei den meisten das Interesse an dem ewigen Einerlei nach und erhielt sich nur bei einem armen Jungen unvermindert, der wohl keine Aussicht hatte, die Maschine jemals in seinem Dienste zu beschäftigen, nämlich bei Pavel. Er hatte Arbeit beim Holzschlag im herrschaftlichen Wald erhalten und machte auf den Gang dahin täglich einen kleinen Umweg, um den Anblick des schnaubenden Ungeheuers zu genießen, dem er sich mit stillem Staunen hingab, bis es hieß: »Mach, daß du fortkommst!« - »Wenn der einem die Maschine wegschauen könnte, er tät's«, meinte der Bürgermeister. Pavel ging, nahm aber die Erinnerung an die Bewunderte mit sich und hatte ein deutlicheres Bild von ihr im Kopfe als die Bauern, die in ihrer nächsten Nachbarschaft auf der Bank an der Scheune saßen und die Hantierung der Taglöhner überwachten.

Wohlgefällig sahen die Eigentümer des Getreides, das eben gedroschen wurde, zu und freuten sich, wenn die fleißige Maschine die Arbeit in wenig Tagen fertigbrachte, die ihnen monatelang zu tun gegeben hätte. Bald kam die Frage zur Beratung, ob man nicht einen Teil der vielen jetzt übrigbleibenden Zeit dem für den Bauer so außerordentlich lockenden Vergnügen der Jagd widmen solle? Im nächsten Jahre lief der Pachtkontrakt mit der Herrschaft ab, und dann gedachte man sich's wohl zu überlegen, ehe man ihn erneuern würde. Die Sache wurde oft besprochen und fand in der Gemeinde nur wenige Gegner, unter ihnen jedoch einen sehr einflußreichen und sehr entschiedenen, nämlich Peter. Aus lauter Geiz, behaupteten seine Feinde; ihn reue das Geld für die Jagdkarte, für Pulver und Blei. Er ließ das gelten und erklärte, er brauche sein Geld »zu was Gescheiterem«.

Nun höhnten die Spötter regelmäßig: Bei ihm ginge eben alles in Hafer auf für die Kohlfuchsen, daß die doch ein bißchen zu Kräften kämen.

Damit gelang es immer, Peter wild zu machen.

Er setzte seinen ganzen Stolz in eine Pferdezucht, die schon sein Vater mit gutem Glück betrieben, und war kürzlich mit zwei Kohlfüchsen zur Prämiierung von Arbeitspferden gefahren, deren Anblick, wie er oft geprahlt hatte, »die Kommission umreißen und alle anwesenden Pferde in den Grund und Boden schlagen müsse«. Statt dessen hatte man ihn zurückkommen sehen ohne Preis, zornig und schimpfend über die Kommission, die zusammengesetzt gewesen sei aus lauter Eseln. Im Dorfe verspottete man ihn; jeder wußte, die Kohlfüchse waren für Arbeitspferde zu schwach befunden worden, und nun setzte Peter seinen Kopf darauf, sie zu den stärksten Pferden weit und breit zu machen, und hoffte nur auf die Gelegenheit, einen glänzenden Beweis davon zu geben, daß ihm dies gelungen sei. Der ersehnte Augenblick schien endlich gekommen. Wenn die Maschine am Getreide des Bürgermeisters und an dem der Umgegend ihre Schuldigkeit getan haben würde, sollte sie im Hof Peters am unteren Ende des Dorfes aufgestellt werden, und er hatte die Zeit, sie abzuholen, kaum erwarten können. Am bestimmten Tage, das Lokomobil war noch im Gange, erschien er schon mit einem Gesicht so aufgeblasen wie ein Luftballon, hinter ihm sein Knecht, der die angeschirrten Kohlfüchse am Zügel führte. »Was willst mit den Pferden?« fragte der Bürgermeister; »warum bringst nicht ein paar tüchtige Ochsen? Die Pferde halten dir die Maschine über den Berg nicht zurück.« Barosch und Anton, die eben dastanden, einige jüngere Leute und alle Tagelöhner waren derselben Meinung, sogar Pavel, der mit einem Auftrag vom Förster an den Bürgermeister geschickt worden, erlaubte sich, in Gegenwart der Notabilitäten den Mund aufzutun, und sagte: »Und der Maschine kann das größte Unglück geschehen.«

Peter schob die kurze Pfeife aus dem linken Mundwinkel in den rechten und den Hut weiter zurück ins Genick. »Spann ein«, befahl er kurz und gebieterisch dem Knecht und zog den Gäulen die Stränge vom Rücken.

»Wart«, rief der Bürgermeister, »wirst doch so nicht fahren, wirst doch früher das Feuer herausnehmen lassen.« Er öffnete die Tür des Kohlenbehälters, und Barosch näherte sich mit dem Schüreisen; aber Peter donnerte ihn an: »Laß bleiben! So wie sie dasteht, so ziehen meine Ross' sie fort«, schlug die Tür des Kohlenbehälters wieder zu, half dem Knecht einspannen und ergriff die Leitseile und die Peitsche.

»Hü!« ein mächtiger Schnalzer: die Pferde zogen an, sprangen zur Seite, sprangen in die Höhe, und erst auf einen zweiten und dritten Schnalzer legten sie sich ins Geschirr, daß die Stränge krachten... vom Fleck bewegt war die Maschine. Peter schrie, sein Knecht schrie, die Bauern und die Taglöhner standen staunend, denn wirklich - die Kohlfüchse zogen das Lokomobil bis zum Ausgang des Hofes. Von hier an ging's von selbst; sachte abwärts neigte sich der Weg und mündete breit auslaufend in die Dorfstraße. Auf dieser ward die Senkung jäher, Pavel lief hinzu und wollte die Räder sperren, Peter jedoch, völlig berauscht von Übermut und Prahlsucht, stieß ihn hinweg. »Ich brauch das nicht«, rief er, »ich fahr ohne Sperr.«

»Narrheit«, meinte Anton, weil's ja doch immer steiler abwärts ginge, und Peter lachte: wenn auch, um so schneller würden seine Pferde laufen, und er vermaß sich, die Maschine im Trab in seinen Hof zu führen.

Die Verkündigung dieses Wagnisses erregte Hohn und Neugier. Ein Hauptspaß war's doch, dem Kunststück zuzusehen. Nur Anton empfand ungemischten Unwillen, kreuzte die Hände mit einer bedauernden Gebärde und sprach: »Läßt sich nichts sagen, wird schon sehen.«

»Ihr werdet sehen, ihr! was meine Fuchsen können«, gab Peter zurück, ging, in jeder Hand einen Zügel, mit großen Schritten neben den Pferden her, rief aber nicht mehr »Hü«, sondern »Ho-oho«.

Die Pferde hielten der gewaltigen Last wacker stand, die hinter ihnen rasselte und drängte, sie krochen förmlich mit eingezogenen Kreuzen, die Köpfe gehoben, die Hälse starr, die Kummete hinaufgeschoben bis an die Kinnladen. Peter hing sich an die Leitseile, so fest er konnte.

»Laß nur die Ross' nicht ins Laufen kommen, um Gottes willen nicht!« rief ihm sein Knecht über die Pferde hinüber zu, und er gab keine Antwort; ihm gruselte bereits beim Gedanken an seine Großsprecherei mit dem Trabfahren. Ein paar Schritte noch, dann kam die erste quer über den Weg gezogene Wasserrinne, auf die hoffte er, da wird das schwere Unding einen kurzen Augenblick aufgehalten, da tun die Füchse einen Schnaufer.

»O-ho! - O-ho! -« ein Ruck - die Vorderräder fahren in die Vertiefung, gleich darauf aber wieder heraus, und zu gleicher Zeit springt die von Peter so nachlässig zugeworfene Tür des Kohlenbehälters auf, und dessen Inhalt strömt den Pferden auf die Kruppen, auf die Sprunggelenke... sie werden wie rasend... Kein Wunder.

»Sperren! - Sperren!« brüllte Peter nun - es war viel zu spät; es gab kein Halten mehr. Im Galopp ging's den Berg hinab; die Maschine krachte und polterte, und Peter, in den Leitseilen verhängt, halb laufend, halb geschleift, stürzte nebenher. Ein heulender Schwarm folgte ihm nach; andere standen in Gruppen wie angenagelt auf dem Fleck. Deutlich sah jeder vor Augen, was im nächsten Moment geschehen mußte. Der abschüssige Weg bildete eine zweite tiefere Rinne und führte dann um die Ecke an der Planke des Wirtshausgartens und an der ihr gegenüberliegenden Mauer, die den Hof Peters einfaßte, vorbei, in deren großen Torbogen noch einzulenken die reine Unmöglichkeit war. Wie die Pferde links hinjagen, wie die Maschine sich links überneigt, schon im Sturze begriffen, gibt's nichts anderes als das Zusammenbrechen in dem Graben - und dem Peter, dem gnade Gott, der geht hinüber ohne Absolution, der wird zerquetscht zwischen Planke und Maschine... alle wußten es; alle starrten auf den Fleck hin, auf dem das Ereignis sich vollziehen sollte; einige erhoben ein rasendes Geschrei, diese fluchten, jenen erstickte der Laut in der Kehle. Jeder hatte einen anderen Ausdruck für seine Spannung, seine Angst; vereinzelt erscholl sogar ein sinnlos wieherndes Gelächter. Daß etwas geschehen könne, um das Unglück zu verhindern, fiel keinem ein... Und wie die Leute so durcheinanderliefen oder dastanden und die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, sahen sie auf einmal Pavel wie einen geschleuderten Stein auf die Planke zuspringen, den Eckpfeiler ergreifen und rütteln... Ein Rätsel, ein Wunder, wie ihm der Einfall gekommen war: Zwischen Planke und Maschine muß Peter zerquetscht werden; wenn keine Planke da wäre, würde er nicht zerquetscht, fort also mit der Planke!...


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