Alles geschah zugleich. - Der Athletenstärke des Burschen wich der Pfeiler, sank, riß ein Stück von der Planke mit, und zugleich tat das Lokomobil seinen schweren Sturz. Rauch dampfte, Staub wirbelte, Pferdefüße feuerten aus in die Luft... Männer und Frauen und kecke Kinder drängten heran. Ein paar alte Weiber, die von Peter nicht das mindeste weder sehen noch hören konnten, stritten darüber, ob ihm beide Arme oder beide Füße abgeschlagen seien. »Wenn nur ihr nichts abgeschlagen ist«, seufzte der neue Bürgermeister und meinte die Maschine und sprach damit die Empfindung der meisten anwesenden Männer aus. Eine allgemeine, sehr lebhafte Besorgnis um das gemeinsame Eigentum äußerte sich und mit ihr zugleich der Groll gegen denjenigen, der es leichtsinnig gefährdet hatte.
Peter war blutend und zerschunden unter dem Lokomobil hervorgezerrt und auf die Beine gestellt worden; doch kümmerte sich niemand darum, daß er wieder hinfiel, und als er ganz heiser keuchte: »Die Ross'... helft ihnen!« stieg der Unwille, wenig fehlte, und er hätte Prügel gekriegt. Pavel aber dachte: Wenn ich nicht gewesen wär, wär er jetzt hin! und dabei ergriff ihn eine selbstgefällige Rührung und eine Art Wohlwollen für seinen schlimmsten Feind. Er trat zu ihm, und als er bemerkte, daß ihm Blut aus dem Munde floß, faßte er ihn unter die Schultern und zog ihn ein Stück weiter, um seinen herabgesunkenen Kopf auf eine kleine Erhöhung des Rasens zu betten... Plötzlich aber und sehr unsanft ließ er ihn niederfallen - ein durchdringender Schrei hatte an sein Ohr gegellt: die Vinska! durchzuckte es ihn... der Teufel führt die jetzt her - die Vinska!
Sie war's; sie hatte Peters Abwesenheit zu einem Besuch bei ihrem Vater benützt und, kaum aus der Hütte getreten, den Lärm auf der Straße gehört und die Leute von allen Seiten in der Richtung nach ihrem Hause zustürzen gesehen. Von Angst erfaßt, war sie quer durchs Dorf, war durch den Wirtshausgarten gelaufen, und das erste, was sie dort erblickte, das war ihr Mann, mit Blut überströmt im Grase liegend, und Pavel über ihn gebeugt - unverletzt.
Ein wilder Verdacht loderte, besinnungsraubend, tollmachend, in ihr auf. »Schurk, das hast du getan!« rief sie, ballte die Faust und schlug Pavel, der stumm und erschreckt zu ihr emporschaute, ins Gesicht.
Da mäßigte Anton den Eifer, mit dem er geholfen hatte, die Füchse aus den Strängen zu wickeln, wandte sich und sprach gelassen: »Nicht schimpfen, lieber bedanken; wenn der nicht zugegriffen hätt, hättest du jetzt einen Mann, so dünn wie ein lebzeltener Reiter.«
Die Äußerung erweckte Heiterkeit: nur Vinska achtete ihrer nicht, wußte überhaupt nichts von dem, was um sie her vorging. Sie hatte sich neben Peter auf den Boden geworfen und war in Schluchzen ausgebrochen. Pavel stand langsam auf von seinen Knien, starren Blickes schaute er zu, wie sie den Verwundeten herzte und küßte, mit Fieberschauern hörte er ihr zu, wie sie ihn beschwor, nicht zu sterben, und den rohen Gesellen ihr teures Seelchen nannte, ihr Glück, ihr Leben, ihr eines und alles. Leidenschaftlich glühten Pavels Augen sie an; ein weißer Rand bildete sich um seine fest aufeinandergepreßten Lippen, und zwischen den dichten Brauen und auf der Stirn ballte sich's zusammen, ein Gewitter von finsteren, qualvollen Gedanken.
Endlich, mit einem heftigen Rucke, kehrte er sich ab von dem Schauspiel, das ihn festhielt und ihn folterte, und ging und half mit beim Aufrichten des Lokomobils. Als das mit schwerer Mühe vollbracht war und Anton die Ansicht äußerte, »die Maschin« sei gottlob! ohne Schaden davongekommen und könne gleich wieder in Gang gebracht werden, schüttelte Pavel den Kopf, und auf die das Schieberventil führende Stange deutend, sprach er: »Wird schwerlich gehen. Seht ihr nicht, daß das Stangel verbogen ist?«
Der Schmied schüttelte auch den Kopf, zog den von einem spärlichen, staubfarbigen Bartgestrüpp umwachsenen Mund verächtlich in die Breite und antwortete, wenn was verbogen sei, werde er's »schon sehen«, und wenn was fehle, werde er's »schon machen«.
Nun entrichtete Pavel seine bisher noch unbestellte Botschaft des Försters an den Bürgermeister und ging dann zurück in den Wald, wo er über seine Arbeit herfiel wie der Löwe über seine Beute. Sooft er die Hacke hob und niedersausen ließ, war es, als ob er seine ganze Kraft sammeln und in einem Hiebe ausgeben wollte. Die Holzhauer vom Fache stellten wiederholt die eigene Tätigkeit ein, um der dieses Dilettanten mit spöttischer Mißgunst zuzusehen. Der Führer der »Partie«, in welche Pavel eingereiht worden, der rohe Hanusch, machte ihm die Bemerkung: »Zerreiß dich, wenn's dich freut, deswegen kriegst um keinen Kreuzer mehr bezahlt als ein anderer.«
Indessen war es doch nicht lauter Unzufriedenheit, die er erweckte. Am Ende der Woche, da er mit seinen Genossen zur Auszahlung zum Förster kam, hatte dieser ein paar freundliche Worte für ihn, trug auch dem Heger auf, den arbeitswütigen Kerl im Auge zu behalten und ihm bei nächster Gelegenheit den Vorzug vor allen übrigen Taglöhnern zu geben.
Bald darauf, am ersten September, dem Tage des heiligen Ägidius, feierte die Kirche in Soleschau ihr Fest.
Alles war, wie es immer gewesen. Die Marktbuden standen auf den gewohnten Plätzen; die ganze Einwohnerschaft des Dorfes versammelte sich auf der Wiese zwischen der großen Rüster und dem Garten des Herrn Pfarrers. Die Frau Baronin, die sonst in jedem Wetter fein demütig zu Fuß zur Kirche huschte und wackelte, kam heute die fünfhundert Schritte vom Schlosse her gefahren, in höchster Stattlichkeit und Parade. Jakob und Matthias auf dem Bocke, an Riesenexemplare der Livreeraupe gemahnend, in blauen Fräcken mit gelben Längslinien über dem Rücken, mit gelben Westen und Aufschlägen, die gurkenförmigen Schimmel in schweren, mit Silber beschlagenen Geschirren. Und im weitläufigen »Schwimmer« die kleine, alte, halbblinde Frau, die nach links und rechts grüßte auf gut Glück und manchem ihr unverschämt ins Gesicht starrenden Grobian mit freundlichem Kopfnicken dankte und manchen ehrerbietigen Gruß unerwidert ließ, vor der Kirche angelangt jedoch ausstieg und in ein großes Gedränge geriet, und sich in demselben ungemein tapfer hielt, wie immer. - Alles wie immer.
Sie hörte jeden Klagenden, jeden Heischenden an, sie schrak vor keinem noch so bedenklichen Handkuß zurück, kein Bittender ging leer aus, im schlimmsten Falle gab's eine schlagfertige Antwort und für diejenigen, die nichts wollten, als ihren Respekt bezeugen, einen Scherz, eine teilnehmende Erkundigung, die allerdings nicht immer an die rechte Adresse kam. Eine Unverheiratete wurde nach ihrem Kinde gefragt, ein junger Ehemann nach seinem Schatz, aber das schadete nicht, erhöhte nur die fröhliche Stimmung, die sich unverhohlen äußern durfte. Die Gutsfrau liebte den Spaß und verzieh ihn, sogar wenn er auf ihre Kosten ging, weil sie sich im Grunde von den Leuten hochgeschätzt wußte - und das war ihre Stärke. Die Gutsfrau zweifelte nicht, daß die Leute sie betrogen und bestahlen, wo sie konnten, verzieh ihnen aber auch die Unredlichkeit, weil sie sich von ihnen geliebt wußte - und das war ihre Schwäche.
Das erste Läuten erscholl, der Pfarrer erschien an der Kirchentür in einer Wolke von Weihrauch, umringt von drei Assistenten; heute wurde die Messe, wie Jakob sich kutschermäßig ausdrückte, »vierspännig« gelesen.
»Weicht aus«, rief die Baronin in die Menge; »laßt mich zur Kirche gehen, ich muß ja für euch beten.«
»Wir tun's für Euer Gnaden - unsere Schuldigkeit, freiherrliche Gnaden«, sprachen die Leute und gaben Raum, und die alte Frau ging auf den Geistlichen zu, der ihr das Weihwasser reichte, bekreuzte sich andächtig und verschwand in ihrem Oratorium.
Alles wie immer. Außergewöhnlich war nur die Schönheit des Tages, an dem auch der verbissenste Wetterkritiker nichts auszusetzen gefunden hätte. Ein grüner Herbst war dem feuchten Sommer gefolgt, ein sonniger Herbst, der die reiche Ernte auf Feldern und Wiesen gemächlich und ohne Hindernis hereinzubringen gestattete. Alle Besitzenden waren in der besten Laune, die sich auf dem Markt in reger Kauflust äußerte. Frauen und Männer standen an den Buden, prüften die Ware, feilschten sie an; abgeschlossen sollte der Handel erst nach der Messe werden.
Zweites Läuten. Hohe Zeit auch für die minder Andächtigen, sich in das schon halb gefüllte Gotteshaus zu begeben. Der Zug der Kirchengänger wird dichter, die Männer schreiten vorbei am Pfarrersgarten, an dessen Einfassung wie vor sieben Jahren Pavel lehnt. Damals ein verwahrloster, zerlumpter Junge, heute ein gedrungener, kraftstrotzender Bursche, dessen Kleidung sich von der der anderen nur dadurch unterscheidet, daß sie besser sitzt und sorgfältiger gehalten ist.
Nach den Männern kamen die Frauen. Pavel fühlte es in jedem Nerv, in jedem Blutstropfen - nun kamen die Frauen.
Er lehnte sich zurück an die Stakete, kreuzte die Beine und nahm eine gleichgültige Miene an. Was kümmerten ihn, die an der Spitze gingen, die Mädel? Er hatte mit keiner etwas zu tun, hatte vielmehr für jede einzelne mehr Geringschätzung, als sie alle zusammen ihm gegenüber aufbrachten, die armen Gänse. Nach den Mädels kommen die Frauen, die jungen zuerst, und unter ihnen die eine... die eine, deren Namen er nie mehr aussprechen, für die er blind und stumm sein will von jetzt an bis zu seiner letzten Stunde. Was durch ihn für sie geschehen war, hatte er nie erwogen, nie überlegt; es war eben getan worden, werkzeugmäßig, unter einem übermächtigen Zwang, ohne klares Bewußtsein, ohne den Gedanken an ein Verdienst von seiner Seite, an eine Verpflichtung von der ihren.
Neulich aber, im Wirtshausgarten, als sie ihn angeklagt und beschimpft, da schwand das Dämmern, da schieden Licht und Schatten sich grell, da sagte er sich, was alles er für sie getan hatte... Unerhörtes, Ungeheures - und sie? Er rechnete zum ersten Male und schloß auch gleich die Rechnung ab. Es ist aus zwischen ihm und ihr, sie lebt für ihn nicht mehr... Und dennoch fühlt er ihr Nahen!... Warum fühlt er's, wenn es aus ist?... Er warf den Kopf zurück und hob den Blick empor zum höchsten Wipfel der Rüster und sah dort oben etwas, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Inmitten der grünen Zweige, der Blätterunendlichkeit, einen großen, himmelanragenden, abgestorbenen Ast. - Der Anblick griff ihm ins Herz, als ob er an dem blühenden Leib eines geliebten Wesens das Zeichen schweren Siechtums entdeckt hätte.
Wipfeldürr der herrliche Baum.
»Pavel, Pavel, hör mich an«, sprach eine wohlbekannte Stimme, und er erzitterte, er fürchtete sich - vor sich. Wird es ihn wieder überkommen, das entsetzliche Gefühl, werden sie ihn wieder packen, die feurigen Krallen, ihm die Brust zusammenpressen und ihm den Atem rauben?
Vinska wiederholte: »Pavel, hör mich an... ich habe dir Unrecht getan, verzeihe mir.« Sie sagte es freundlich, demütig, sie stand da und leistete Abbitte in Gegenwart aller, die mit ihr zugleich gekommen waren und unter denen niemand dem kleinen Auftritt eine so neugierige Aufmerksamkeit schenkte als ein blondes, schlankes Kind, ein halber Fremdling im Orte, eine Erscheinung von solcher Lieblichkeit, daß sie sogar in diesem bedeutungsvollen Augenblick Pavels Aufmerksamkeit erweckte. Dich sollte ich kennen, dachte er, und er kannte sie wirklich, er besann sich dessen; es war dieselbe, die dereinst, als er aufs Gericht geführt worden, das bitterste Hohnwort für ihn gefunden und den Stein geschleudert hatte, der jetzt unter seiner Türschwelle vergraben lag. Seit Jahren hatte man sie im Dorfe nicht mehr gesehen, sie sei im Dienste in der Stadt, hieß es, und nun war sie heimgekehrt und war schön wie die Madonna auf dem Altarbild. Pavel blickte abwechselnd sie an und Vinska, und eine so ruhig wie die andere. O Wunder, o Glück, o Sieg! Keinen befreiten Gefangenen, keinen von schwerer Krankheit Genesenen hat er Ursache zu beneiden. Er ist geheilt von der Krankheit dieser Liebe, er ist befreit von den Fesseln, die er gehaßt hatte - er ist gesund und frei.
»Verzeihe mir«, bat Vinska von neuem, und er, mit wonnig genossener Gelassenheit, erwiderte: »Laß gut sein, die Zeit ist vorbei, in der ich mir sowas zu Herzen genommen hätt.«
Sie errötete, biß sich auf die Lippen und setzte ihren Weg weiter fort. Sie ging verwirrt mit der beschämenden Empfindung, daß ihr eine Macht geraubt worden war, die sie für unverlierbar gehalten hatte. Die Feine, die Blonde, folgte ihr. Pavel aber stemmte beide Hände in die Seiten, wiegte sich übermütig in den Hüften und sprach vor sich hin: »Die Weiber, pfui, zu nichts gut als zum Schlechten!«