Am Sonntag war das Wirtshaus überfüllt; aber der Bürgermeister erschien nicht und von den Räten nur der älteste, Peschek, ein braver Mann und auch energisch, wenn er nicht eben an Schlafsucht litt. Peter hatte sich eingefunden mit seiner zahlreichen »Freundschaft«. Er sah übel aus, seine Kleider schlotterten um ihn, seine Stimme war heiser, und sein Atemholen glich dem Geräusch einer arbeitenden Säge.

In der dunklen Ecke neben dem Ofen hockte auf einem Schemel Virgil. Das rote Gesicht des Alten und seine funkelnden Augen glänzten aus dem Schatten hervor.

An die große Wirtshausstube stieß das einfenstrige Zimmerchen, in dem der Honoratiorentisch stand. Vor einer Weile hatten der Doktor und der Förster an demselben Platz genommen und den einzigen Zugang, den es hatte, die Tür ins anstoßende Gemach, offenstehen gelassen, da auch sie nicht ganz ohne Neugier den Dingen, die da kommen sollten, entgegensahen. Sie blinzelten einander zu, als der Wirt hereinglitt, mit anmutig auswärts gesetzten Füßen, wie er zu tun pflegte, wenn er das Honoratiorenzimmer betrat, und lispelte: »Da ist er.«

Pavel trat ein, und zum allgemeinen Erstaunen kam Arnost in seiner Begleitung. Waren am Ende gute Kameraden aus den zweien geworden während ihrer kurzen Dienstzeit? - etwas Militärisches hatten beide angenommen. In strammer Haltung, ohne den Hut zu lüften, trat Pavel auf den Tisch der Bauern zu. Er trug ein weißes Blatt, das er langsam entfaltete, in der Hand, näherte sich Peschek, hielt es ihm vor die Augen und sprach: »Der Wirt sagt, daß der Bürgermeister und die Bauern wollen, ich soll die Rechnung bezahlen. Ist das wahr?«

Kein Laut der Erwiderung ließ sich vernehmen. Peschek hatte gar nicht aufgeblickt, und Pavels Stimme klang vor Bewegung so unterdrückt, daß der Rat bei dem herrschenden Durcheinander auch wirklich tun konnte, als hätte er die Frage überhört. Er klopfte mit dem geleerten Bierglas traumselig auf den Tisch und mahnte den Wirt einzuschenken. Pavel wartete, bis das geschehen war, dann wiederholte er Wort für Wort sein Sprüchlein. Zum zweiten Male verweigerte ihm Peschek seine Aufmerksamkeit, und nun legte Pavel die Hand auf dessen Schulter und sprach fest und drohend: »Anwortet mir!«

»Hund!« ertönte es vom andern Ende des Tisches. Peter hatte geredet, und in seiner Umgebung erhob sich ein beifälliges Gemurmel. Pavel jedoch drückte stärker, als er wußte und wollte, die Schulter des alten Rates.

»Ob ich zahlen muß, frag ich Euch, frag ich die Bauern, frag ich den dort«, rief er zu Peter hinüber.

»Ja! ja! ja!« wetterten ihm alle unter einer Flut von Flüchen entgegen. Peschek wand und krümmte sich; ihm war der Schlaf vergangen: so wach hatte er sich lange nicht gefühlt und kaum je so hellsehend.

»Laß mich los«, drohte er zu Pavel hinaus und dachte bei sich: An dem Menschen wird ein Unrecht begangen. - »Ich kann dir nicht helfen«, fuhr er fort, »auch wenn ich möchte... Du mußt zahlen.«

Pavel wechselte die Farbe und zog seine Hand zurück. »Gut«, knirschte er, »gut also.«

Langsam, mit einer feierlichen Gebärde, griff er in die Brusttasche, entnahm einem Umschlage, den er bedächtig öffnete, eine Zehnguldennote, reichte sie samt der Rechnung dem Wirt und sprach: »Saldier und gib heraus.«

Eine Pause des Erstaunens entstand: das hatte niemand erwartet. Schadenfreude und Enttäuschung teilten sich in die Herrschaft über die Gemüter, nur der Wirt war eitel Entzücken. Bereitwilligst legte er, nachdem er die Banknote eingesteckt, einen Gulden vor Pavel hin.

Dieser nahm ihn in Empfang, kreuzte die Arme und warf einen kühnen, herausfordernden, einen wahren Feldherrnblick über die ganze Gesellschaft. »So«, sagte er; seine Stimme war nicht mehr umschleiert; sie klang laut und mächtig, und mit einem wahren Genuß ließ er sie zu den Worten erschallen: »Und jetzt sag ich dem Gemeinderat und den Bauern, daß sie alle zusammen eine Lumpenbagage sind.«

Ein einziger Aufschrei beantwortete diesen unerhörten Schimpf, den der Geringste im Dorf den Reichen, den Machthabern zugeschleudert. Die Nächststehenden stürzten sich auf ihn und hätten ihn niedergerissen ohne Arnost und Anton, die ihm zu Hilfe kamen. Als in dem furchtbaren Lärm die Worte »undankbare Kanaille«, die Peter ausgestoßen, an Pavels Ohr schlugen, bäumte er sich auf, und mit der Bewegung eines Schwimmers, der mit beiden Armen die auf ihn eindringenden Wellen der Flut teilt, hielt er sich die Menge, die ihn bedrohte, vom Leibe.

»Undankbar!« donnerte er, und durch die Empörung hindurch, von welcher er glühte und bebte, klang erschütternd eine Klage lang erlittenen Schmerzes. »Undankbar? Und was verdank ich euch? Für den Bettel, den ihr zu meinem Unterhalt hergegeben, hab ich mit meiner Arbeit tausendfach bezahlt. Den Unterricht in der Schul hat mir der Lehrer umsonst erteilt. Keine Hose, kein Hemd, keinen Schuh hab ich von euch bekommen. Den Grund, auf dem mein Haus steht, habt ihr mir doppelt so teuer verkauft, als er wert ist. Wie der Bürgermeister gestorben ist, habt ihr mir die Schuld gegeben an seinem Tod; eure Kinder hätten mich beinah gesteinigt, und wie ich freigesprochen war, da hat es geheißen: Bist doch ein Giftmischer! Jetzt rette ich dem Peter sein Leben, und weil ich dabei dem Wirt seinen Zaun umgerissen hab, muß ich den Zaun bezahlen... Bagage!« Er warf ihnen zum zweiten Male das Wort ins Gesicht wie eine ungeheure Ohrfeige, die allen galt und für alle ausreichte, und - war's die elementare Macht des Zornes, der ihm aus den Augen loderte, war es die halb unbewußte Empfindung der Berechtigung dieses Zornes - trotz des Aufruhrs, den jenes Wort hervorrief, konnte Pavel fortfahren: »Warum wart ihr so mit mir? Weil ich als Kind ein Dieb gewesen bin? - Wie viele von euch sind denn ehrlich?... Weil mein Vater am Galgen gestorben ist? - Kann ich dafür?... Bagage...« und jetzt übermannte ihn die Wut; betäubend, racheheischend stieg die Erinnerung an alles, was er erduldet hatte und was ungesühnt geblieben war, in ihm auf. Er fand keine Worte mehr für eine Anklage; er fand nur noch Worte für eine Drohung, und die stieß er heraus: »Wenn ich aber heute etwas tue, was auch mich an den Galgen bringt, dann ist es eure Schuld!«

Nicht, was er gesagt und was die wenigsten verstanden hatten, aber seine geballten Fäuste, die herausfordernde Fechterstellung, die er angenommen, reizten die Geschmähten, und plötzlich hagelten Schläge auf Pavel nieder, ohne viel mehr Wirkung hervorzubringen, als ob sie auf einen Felsen gefallen wären. Er machte aber jeden, der auch nur einen Schlag von ihm empfing, kampfunfähig für diesen Tag und vermutlich auch für die nächstfolgenden.

»Gib jetzt Ruh!« rief der Förster, dessen große Gestalt in der Tür des Honoratiorenzimmers erschien, »du hast es ihnen gesagt, jetzt gib Ruh.«

»Gib Ruh!« tönte ein heiseres Echo zurück. Peter war auf den Tisch gestiegen und schleuderte einen Bierkrug nach dem Kopf Pavels, fehlte ihn und traf Arnost so hart an die Stirn, daß der Bursche taumelte; doch raffte er sich sofort zusammen, sprang auf den tückischen Angreifer los und riß ihn vom Tisch herunter.

Nun war der Kampf entbrannt.

Zwei Parteien bildeten sich, die kleine Pavels, die große Peters; der Wirt und Peschek flüchteten zum Doktor ins Nebenzimmer. Der Förster, der als Friedensstifter aufzutreten gesucht hatte, sah die Nutzlosigkeit seiner Bestrebungen ein, brach sich Bahn durch den Tumult und verließ das Haus. Draußen war schon eine zahlreiche Menge, meist aus Weibern und Kindern bestehend, zusammengelaufen. Die Buben, berauscht von der Nähe einer großen Prügelei, schrien, sprangen an den Fenstern empor, rauften sich um die besten Plätze. Die Schwächeren, von den Fenstern der Wirtsstube verdrängt, machten sich an das des Honoratiorenzimmers heran, stoben aber auf einmal kreischend auseinander. Über ihnen waren ein Paar Beine zum Vorschein gekommen und hatten die Köpfe der Jungen als Stützpunkte benutzen wollen, um Boden zu gewinnen. Der Förster eilte hinzu und half dem Inhaber dieser Beine, dem Doktor, aus seiner schwebenden Stellung.

»Nicht mehr möglich, sich in anderer Weise zu entfernen«, sagte der alte Herr kopfschüttelnd, »und entfernen muß ich mich... Der Holub geht fürchterlich los... Ein Bär, der Mensch - das glaubt nur, wer es gesehen hat. - Ich empfehle mich.«

Auf demselben Wege wie der Doktor kam auch Peschek auf die Straße und hinter ihm der Wirt, der laut klirrte, als er auf den Boden sprang. Dieses Geräusch wurde durch die Messer und Gabeln hervorgerufen, die er eiligst von den Tischen genommen und in seinen weitläufigen Kleidern geborgen hatte, bevor er die Gaststube dem tollen Heer überließ, das jetzt darin hauste. Er klagte, daß er nicht auch die Krüge und Gläser haben mitnehmen können, jammerte, trieb die Gassenjugend hinweg, preßte das Gesicht an die Fensterscheiben und suchte zu erkennen, was in der Stube geschah. Aber das furchtbare Ringen ging im Halbdunkel der schon hereingebrochenen Dämmerung vor, im Qualm aufgewirbelten Staubes. Man sah nur einen wild ineinandergekeilten, hin und her bewegten Menschenknäuel, hörte Stöhnen und Fluchen und das Stampfen schwerer Tritte und das Krachen zertrümmerten Holzwerks.

»Oh meine Bänke! O meine Tische!« seufzte der Wirt, und wie er sich an Peschek mit der Frage wenden wollte, ob man nicht nach dem Gendarm schicken solle, war der vorsichtige Rat in Gesellschaft des Doktors verschwunden.

»Herr Förster, machen Sie Ordnung!« rief der Wirt; »ich steh für nichts - der Schmied, der Arnost, der Holub - drei gegen alle; sie werden alle drei erschlagen... mit meinen Bänken, meinen Tischen!« setzte er, in Verzweiflung ausbrechend, hinzu.

»Wird nicht so arg werden«, erwiderte der Förster, und plötzlich kamen durch die offene Tür herausgeflogen zwei Bauernsöhne aus Peters Sippe. Sie hatten sich noch nicht aufgerafft, als ein paar gute Freunde ihnen nachkollerten und, nicht minder unwillkürlich als die Vorhergehenden, drei und vier und fünf andere erschienen, im Purzelbaum, im kurzen Bogen, der mit den Füßen zuerst und jener mit dem Kopfe. Und der Förster begrüßte die Ankömmlinge und verstand es meisterlich - unterstützt von den Überredungskünsten ihrer Frauen -, diejenigen, die sich anschickten, auf den Kampfplatz zurückzukehren, von der Ausführung ihres Vorsatzes abzuhalten.

Einen unverhofften Verbündeten fand er an Barosch, der unter kräftiger Nachhilfe am Ausgang des Flurs erschien und hinter dem bald mehrere, der älteren Generation angehörende Männer sichtbar wurden. Auf der oberen Treppenstufe blieb Barosch stehen und brachte mit großer Anstrengung hervor: »Der Gescheitere gibt nach.« Er besann sich, griff mit den Händen in die Luft, wiederholte: »Der Gescheitere gibt nach«, und fiel die Stufen herunter.

»So ist's recht«, rief der Förster. »Meine Hochachtung vor den Gescheiteren!« Und als alle in der Tür Eingekeilten sich herausgedrängt hatten, sprang er die Stiege hinauf, und vor der Wirtsstube angelangt, entfuhr ihm ein: »Potz Blitz und Donnerwetter!«

Wie hatten die Reihen sich gelichtet! Inmitten der Trümmer dessen, was die Einrichtung der Gaststube gewesen war, behaupteten Peter und die wenigen Getreuen, die bei ihm ausgehalten hatten, noch das Feld gegen Pavel. Der hatte sich seiner Jacke entledigt und stand in Hemdärmeln vor Arnost und dem Schmied; zu seinen Füßen kauerte, seinen Schutz anrufend, Virgil. Peter, außer sich, im Fieber glühend, suchte die Seinen zu neuem, offenbar schon oft zurückgeschlagenem Angriff auf den Gegner anzufeuern. Sie aber zagten, und als nun der Förster auf sie losdonnerte: »Frieden! Daß sich keiner mehr rührt!« - gehorchten sie ihm, und auch Pavel gehorchte, aber sein Gesicht wurde erdfahl, und tödlicher Haß sprühte aus seinen auf Peter gerichteten Augen.

Die Ruhe war von kurzer Dauer. Was die zwei miteinander auszumachen hatten, vermochte durch die Dazwischenkunft eins Dritten nimmermehr geschlichtet zu werden.

»Hund! Hund! Hund!« kreischte Peter, fuhr plötzlich in die Hosentasche; ein einschnappendes Messer knackte, und er warf sich mit blanker Klinge auf den Gegner. Arnost war vorgestürzt, den Angriff zu parieren. Es gelang ihm halb und halb; der gegen Pavels Brust geführte Stoß streifte die Rippen, ein großer Blutflecken färbte sein Hemd.

»Zurück!« schrie er, »zurück! Laßt den Kerl mir allein!« und ein Ringen begann, wie das eines Menschen mit einem wilden Tiere. Peter schäumte, biß und kratzte; Pavel wehrte sich nur, hielt ihn nur von sich, ließ sich Zeit, sammelte seine Kraft zu einem entscheidenden Streich.

Und nun geschah's... Mit der Linken sein Gesicht deckend, schob er raschen Griffs die Finger der Rechten in Peters ledernen Gurt - hob ihn an demselben hoch in die Luft, hielt ihn so mit ausgestrecktem Arm, schüttelte ihn und keuchte: »Bestie! Wenn ich dich jetzt hinhau, bist du fertig.«

»Tu's!« rief Arnost.

»Tu's nicht!« rief der Förster, und Pavel fühlte die Last seines Feindes schwer werden wie Blei; Peters zusammengekrampfte Hände öffneten sich; das Messer entfiel ihm; die hinaufgezogenen Beine sanken matt herab - ein Erschöpfter erwartete, daß ihm der Rest gegeben werde.

Da lief ein Schauer über Pavels Rücken, und sein Zorn erlosch... Er ließ Peter langsam niedergleiten, sagte: »Ich mein, du hast genug!« und warf ihn seinen Freunden zu, die den Wankenden, halb Besinnungslosen schweigend aus der Stube geleiteten.

Der Förster schloß hinter ihnen die Tür, und Pavel brach in Jauchzen aus: »Draußen alle, und wir drinnen!« Er spürte nichts von seiner Wunde, nichts von den Beulen, mit denen er bedeckt war; er spürte nichts als seine Siegeswonne und eine stürmische, äußerungsbedürftige Dankbarkeit für seine Verbündeten: »Draußen alle, und wir drinnen, wir drei!«

»Wir vier«, wimmerte Virgil; »hab ich nicht bis zuletzt bei dir ausgehalten, Pavlicek, gegen den Schwiegersohn!«

Pavel fuhr fort zu jubeln: »Gesagt hab ich es ihnen auch!«

»Gesagt und gezeigt«, schrie Arnost, »und wenn sie bald wieder was hören oder sehen wollen, kannst auf mich zählen, Kamerad.«

Der Förster musterte Pavel vom Kopf bis zu den Füßen: »Verfluchter Bursch!« sprach er lächelnd, und Anton lächelte ebenfalls. Der letzte Widerstreit zwischen seiner Eitelkeit und seiner Rechtschaffenheit war geschlichtet.

»Und die Maschine hat er auch repariert«, sagte der Schmied.


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