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Peter ging es täglich besser; er durfte wieder sprechen und durfte essen, was ihm schmeckte, nur Schreien und Rauchen war ihm noch verboten. Während seiner Krankheit hatte er nicht aufgehört sich zu fürchten, im Anfang vor dem Sterben und später vor der Rechnung, die der Arzt ihm machen würde. Als dieser seine Besuche einstellte und die Rechnung nicht sofort schickte, ließ Peter sie abholen, aber nur, um ihr einen schnöden Empfang zu bereiten. Er legte sie auf den Tisch, setzte sich vor sie hin und begann Posten für Posten grimmig anzufeinden. Sein Weib schlich voll Besorgnis um ihn herum und bat ihn schüchtern, nicht so zu toben, worauf er es noch viel ärger trieb. Zu Fleiß! - weil er doch sehen wollte, ob die Reparatur, die der alte Notenreißer an ihm vorgenommen und sich so unverschämt bezahlen lasse, wenigstens ordentlich gemacht sei.
Es war ihm gelungen, sich völlig um sein bißchen Menschenverstand zu bringen und in den nicht mehr zurechnungsfähigen Zustand hineinzuärgern, in welchem ihn Vinska am liebsten vor der Begegnung mit fremden Leuten bewahrt hätte, als es an der Tür pochte und recht zur unguten Stunde der Wirt erschien.
Er zog höflich den Hut, und Vinska sah auf den ersten Blick: Der will etwas, und zwar etwas nicht ganz Rechtmäßiges.
Peter gab auf die Erkundigung nach seinem Befinden, mit der der Besuch sich einführte, keine Antwort, schob, als jener sich neben ihn gesetzt hatte, ihm nur die Rechnung hin, schnaubte: »Da!« und sah ihn von der Seite gespannt und erwartungsvoll an.
Der Wirt versank in das Studium des Schriftstückes, und nach einer Zeit, die zum Auswendiglernen desselben hingereicht hätte, sprach er, seine Worte mit einem Schlage der flachen Hand auf das Papier bekräftigend: »Das ist die Rechnung vom Doktor.«
»Die Rechnung vom Doktor, vom Spitzbuben; furchtbar überhalten hat mich der Lump.«
»Kann's nicht finden«, erwiderte der Wirt. »Dich überhalten, so ein Sparmeister! kommt nicht vor. Die Rechnungen sind in Ordnung beide Rechnungen, die vom Doktor und«, er lächelte verlegen, griff in die Brusttasche und zog langsam ein gefaltetes Papier hervor, das er dem Peter hinhielt, »und die meinige auch.«
Peter fuhr zurück wie vor einem Feuerbrand und schrie aus Leibeskräften: »Rechnung?« - Was das zum Teufel für eine Rechnung sein könne, hätte er wissen mögen; er hatte keinen Kreuzer Schulden im Wirtshaus, er trank nie einen Tropfen, den er nicht sogleich bezahlte.
Ja, meinte der Wirt, als er endlich zu Worte kommen konnte, es handle sich auch nicht um Tropfen, sondern um einen Zaun, den Zaun seines Gartens nämlich, der bei Gelegenheit des Lokomobilsturzes zu Schaden gekommen war.
Nun geriet Peter völlig in Wut. Was in alle Wetter ging der Zaun ihn an? Wie konnte der Wirt sich erfrechen, ihm die Rechnung für den Zaun zu bringen?... Daß der Zaun umgerissen worden, das war ja die Ursache des ganzen Unglücks gewesen. Es geschah in dem Augenblick, in dem Peter just im Begriff gewesen, die Pferde wieder in die Hand zu kriegen, er hatte sie schon, ein Riß noch, und sie wären gestanden wie Mauern und hätten die Wendung genommen ins Hoftor wie die Lämmer. Freilich, wenn der Zaun umpoltert vor ihren Nasen, da werden solche Tiere scheu... Kühe sind's ja nicht. So war's, Peter schwor es hoch und teuer - schwor auch, jeden, der es nicht einsähe, mittelst Fußtritten davon zu überzeugen. In seiner Aufregung verließ er trotz Vinskas Abmahnungen das Haus und begab sich mit dem Wirt an die Ecke von dessen Garten, um den Vorgang an Ort und Stelle ausführlichst zu demonstrieren.
Sorgenvoll blickte sein Weib ihm nach. Sieben Wochen lang hatte er das Zimmer nicht verlassen und unternahm jetzt seinen ersten Ausgang an einem stürmischen Oktobertag, im leichten Hausanzug, heiß vor Zorn und keuchend vor Aufregung. Bis herüber hörte sie ihn schreien. Als er den Zaun erblickt hatte, dessen Wiederaufstellung zu bezahlen ihm zugemutet wurde, war er in die Höhe gesprungen wie toll. Was war denn das! Betrug! Schuftiger Betrug!... Nicht nur einfach aufgestellt, neu hergestellt war der Zaun. Mehr als die Hälfte seiner morschen Bretter durch neue ersetzt. Wie? ein alter Zaun war umgefallen und ein neuer aufgestanden, und zwar auf Peters Kosten?... Er tobte, er rief jeden Vorbeigehenden zum Zeugen des Diebstahls, den der Wirt an ihm verüben wollte. Vor einem immer wachsenden Publikum erzählte er die Geschichte ein halbes dutzendmal nacheinander, erzählte sie mit immer neuen, seine Behauptung bekräftigenden Zusätzen. Der verfluchte Zaunumreißer, der »Bub«, hat alles auf dem Gewissen, das Scheuwerden der Pferde, den Sturz des Lokomobils, den Unfall Peters - des Helden, der, selbst im Augenblick dringender Lebensgefahr, die Rettung des Eigentums der Gemeinde im Auge behalten und, statt zur Seite zu springen, noch ganz zuletzt seinem Gespann eine Wendung gegeben, einen Ruck, der verhindert hatte, daß die Maschine auf »Fransen« ging. Er war zuletzt so heiser wie eine Rohrdommel und fiel vor Müdigkeit fast um. In der Nacht ließ die Unruhe ihn nicht schlafen, und des Morgens schickte er zum Bürgermeister, zu den Räten und zu einigen Freunden und entbot sie ins Wirtshaus, wo er eine ernstliche Beratung mit ihnen pflegen wollte. Sie kamen, und er setzte ihnen auseinander, daß er sein Recht verlange, und wenn die Gemeinde es ihm nicht gewähre, werde er sich's beim Bezirksgericht holen, beim Kreisgericht, beim Kaiser.
Der Bürgermeister stieß Seufzer um Seufzer aus, während Peter sprach, lächelte ängstlich, sah die Räte um Beistand bittend an. Er war der sanftmütigste Mann im Orte, sehr jung für sein Amt und - weil etwas gebildeter als die meisten seiner Standesgenossen - ihrer Roheit gegenüber ziemlich hilflos. Was denn also Peters Recht sei? fragte er, und dieser, statt zu antworten, begann seine Geschichte zu erzählen, die seit gestern noch viel wunderbarer, unmöglicher und glorreicher für ihn geworden war. Der Bürgermeister zuckte die Achseln, der älteste der Räte schlief ein; Anton machte seine ausdrucksvollste bedauernde Gebärde. Einige Witzbolde jedoch erlauben sich, Peters Prahlereien im Scherz zu überbieten, und erregen damit großes Gelächter. Er schwankte eine Weile, ob er mitlachen oder sich ärgern sollte, wählte aber dann das letztere: »Hab ich den Zaun umgerissen?« rief er.
»Nein, nein!« antwortete man ihm.
»So bezahl ich ihn auch nicht.«
»Nein, nein!«
»Wer aber tut's?« jammerte der Wirt, dem dicke Schweißtropfen auf den glänzenden Wangen standen.
»Wie du die Rechnung gestellt hast, niemand; sie ist auf alle Fälle unverschämt«, sagte Anton, und dankbar nickte der Bürgermeister ihm zu. Barosch jedoch, der eben sein fünftes Schnapsgläschen leerte und gern ein sechstes auf Kredit bekommen hätte, neigte demütig den kleinen kugelrunden Kopf auf die Seite hin und sagte: »Warum niemand? Warum nicht der, der ihn umgerissen hat? Warum nicht der Bub?«
»Der Bub? Das wäre - das wäre was - haha, der Bub!« kicherte, lachte, spottete man; trotzdem aber ließ sich unschwer erkennen, daß der Vorschlag Anklang gefunden hatte.
Peter bemächtigte sich seiner sogleich und beanspruchte ihn als sein Eigentum. Das war das Recht, von dem er geredet, die Genugtuung, die ihm gebührte für die Gefahr, in die der Bub ihn gebracht, für den Opfermut, den hingegen er bei Rettung der Maschine an den Tag gelegt hatte.
Der älteste Rat war eben aufgewacht und fiel verdrießlich ein: mit dieser Rettung sei es ein verfluchtes Geflunker. Bei dieser Rettung habe das Lokomobil »eines hinaufbekommen«, von dem es sich nicht erholen könne. In einem fort repariere Anton an ihm und könne es nicht »auf gleich« bringen. Es puste wie schwindsüchtig, und sein vormals so heller Pfiff gliche jetzt dem Miauen einer kranken Katze. Daran läge gar nichts, meinte Anton; Pfeifen und Miauen käme am Ende auf eins heraus; das aber, daß die Maschine weit weniger leistungsfähig sei als früher, müsse er leider gelten lassen.
Seine Erklärung erweckte allgemeine Unzufriedenheit, nur Peter nahm keine Notiz von ihr, trommelte mit den Fäusten auf den Tisch und rief: »Der Bub muß her, und der Bub muß zahlen.«
»Muß her, freilich«, stimmte man von vielen Seiten bei, und der Bürgermeister, immer ungeduldiger werdend , je ohnmächtiger er sich fühlte, gegen die Strömung zu steuern, welche die öffentliche Meinung genommen, sagte lauter, als sonst seine Weise war: »Er muß, was muß er? Das nicht, was ihr euch einbildet!« und die Einwendungen beantwortend, die ihm zugerufen wurden, schloß er: »Er kommt nicht, kann nicht kommen, weil er und der Arnost einberufen worden sind und sich heute haben stellen müssen.«
Das war nun allerdings etwas anderes, und es hieß sich bescheiden. Wohl kam Pavel am nächsten Morgen zurück, brachte aber nur vierundzwanzig Stunden daheim zu und sprach nur mit zwei Personen, mit dem Bürgermeister und mit Anton. Beim ersten meldete er sich in Gesellschaft Arnosts. Sie hatten beide das Glück gehabt, zur Landwehr eingeteilt zu werden, mußten jedoch sogleich einrücken.
Der zweite, den er zufällig traf, der Schmied, klagte ihm seine Not mit der Maschine und forderte ihn auf, nach dem Hofe Peters zu kommen, wo sie noch immer stand. Beim ersten Blick, den Pavel auf sie warf, wiederholte er sein schon einmal Gesagtes: »Seht Ihr nicht, daß das Stangel verbogen ist?« - Anton gab es zu, war aber der Ansicht, an der Kleinigkeit läge nichts.
»Alles liegt dran«, entgegnete Pavel. »Deswegen stoßt's ja so, deswegen geht der Schieber nicht ordentlich, und wie soll denn der Dampf richtig eintreten? Einmal kommt zuviel, einmal zuwenig.«
Es gelang ihm, den Schmied zu überzeugen, und nun brachten sie miteinander die Sache in kurzer Zeit in Ordnung.
Peter zeigte sich nicht, aber man hörte ihn in der Scheuer jämmerlich husten. »Er hat sich verdorben mit lauter Schreien«, sagte Anton; »der Doktor kommt wieder zu ihm.«
Diese Mitteilung wurde so gleichgültig aufgenommen, als sie gemacht worden. Pavel ging heim, bestellte sein Haus, sperrte es ab und begab sich beinahe fröhlichen Mutes nach dem Orte seiner neuen Bestimmung. Das wenige, das er bei der Assentierungskommission vom militärischen Wesen gesehen, hatte ihm sehr gefallen. -
Dem Schmiede wurde viel Lob zuteil wegen der wieder vollkommen hergestellten Maschine; er schien es jedoch nur ungern anzunehmen und brachte, wenn jemand damit anfing, das Gespräch sofort auf etwas anderes. Daß die Hilfe Pavels nötig gewesen war, um die Ursache des Schadens, den das Lokomobil erlitten hatte, zu entdecken, wollte ihm nicht über die Lippen.
Während Pavels Abwesenheit kam die Frage, wer die Rechnung über die Reparatur des Zaunes bezahlen solle, im Gemeinderat auf die Tagesordnung. Der Wirt ließ mit Drängen nicht nach und setzte die Erledigung der Angelegenheit endlich durch. Stimmenmehrheit entschied: Der Bub zahlt - man ist ja bereits schon früher einig darüber gewesen.
»Wenn er aber nicht kann«, wandte der Bürgermeister ein.
»Ach was, wie soll er nicht können? Er hat Geld, und wenn er keins hat, ist ja sein Haus da, das immerhin ein paar Gulden wert ist. Mag ihn der Wirt auspfänden lassen.«
Dabei blieb es, trotz des Verdrusses, den dieser Beschluß dem Bürgermeister verursachte.
Nach Pavels Rückkehr fand der Wirt sich schleunigst bei ihm ein, erzählte ihm, was in seiner Angelegenheit ausgemacht worden war, und endete mit der Versicherung, daß an der Sache nichts mehr zu ändern sei und Pavel unweigerlich zahlen müsse.
Der riß die Augen immer weiter auf; es kochte in ihm, obwohl er äußerlich ganz ruhig schien. Dennoch wurde dem kleinen, dicken Wirt unheimlich beim Anblick dieser Ruhe.
»Wer hat denn das bestimmt, daß ich zahlen muß?« fragte Pavel.
»Nun, die Gemeinde, der Bürgermeister, die Bauern.«
»Der Bürgermeister, die Bauern«, wiederholte der Bursche und trat einen Schritt auf ihn zu, der Wirt aber mehrere Schritte zurück.
»Zahl«, sagte er; »wenn du gleich zahlst, laß ich die Kreuzer nach... laß ich einen Gulden und die Kreuzer nach.«
»Setz dich und zieh den Gulden und die Kreuzer gleich von der Rechnung ab.«
Der Wirt hätte gern widersprochen, wäre dieser Aufforderung sehr gern nicht nachgekommen, aber er tat es doch und erkundigte sich dann schüchtern: »Wirst du jetzt zahlen?«
»Eher nicht, als ich mit den Bauern gesprochen habe. Am Sonntag komm ich ins Wirtshaus und spreche mit den Bauern. - Auf was wartest du noch?«
Die Frage war mit einem Nachdruck gestellt, der den Wirt veranlaßte, sie nicht erst in wohlgesetzter Rede, sondern zugleich mit der Tat zu beantworten und dabei nicht mehr Zeit zu verlieren, als er brauchte, um die Tür zu erreichen, die er mit vorsichtiger Geschwindigkeit hinter sich schloß.
Abends erzählte er seinen Gästen: »Der Kerl hat euch beim Militär ein Wesen angenommen wie ein Korporal. Einer, der keine Courage hat, könnte sich vor ihm fürchten und am Sonntag will er kommen, hierher ins Wirtshaus, und mit den Bauern reden.«
Die Gäste - unter denen auch Anton und Barosch sich befanden - widersprachen der Behauptung, daß man Courage brauche, um sich vor Pavel nicht zu fürchten, und Barosch meinte, die Absicht, mit den Bauern zu reden, könne der Bub haben, ausführen werde er sie schwerlich: »weil«, und dabei klopfte er voll ungewohnter Hochachtung gegen sich selbst an die eingefallene Brust, »weil wir mit uns nicht reden lassen.«
»Überhaupt«, rief der Wirt, »nimmt er sich in der letzten Zeit viel zuviel heraus.«
»Was denn eigentlich?« fragte Anton, der bis jetzt geschwiegen hatte, worauf der Wirt versetzte: »Und man soll es ihm einmal wieder zeigen.«
»Was soll man ihm zeigen?«
Auf diese zweite Frage erhielt Anton ebensowenig Antwort wie auf die erste, niemand wußte eine; trotzdem stimmten alle dem Wirte bei: Der Bub nimmt sich zuviel heraus, und man muß »es« ihm einmal wieder zeigen.
Und eine kleine Karikatur der Fama setzte eine Kindertrompete an den Mund und huschte im Dorfe umher von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte und verbreitete die Kunde, am Sonntag kommt das Gemeindekind ins Wirtshaus und wird dort Rechenschaft verlangen von seinen Nährvätern, und die werden ihm das geben, was ihm gebührt. Sie haben sich's vorgenommen, sie werden »es« ihm einmal wieder zeigen. Worin das geheimnisvolle »Es« bestand, verriet die kleine Fama nicht und gab dadurch dem zu erwartenden Ereignis einen ganz besonderen Reiz.