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Pavel schritt langsam über den Platz, der ihm einst einen so großartigen Eindruck gemacht und für dessen Herrlichkeiten er heute keinen Blick hatte. Das Glücksgefühl über das unerwartete Wiedersehen mit Milada zitterte noch eine Welle in ihm nach, wich aber bald einer jede andere verdrängenden Empfindung qualvoller Besorgnis und füllte seine Seele mit Leid und mit Reue.
Er hätte sich nicht fortweisen lassen dürfen, wie er es in feiger Schüchternheit getan, er hätte bleiben und der Frau Oberin sagen sollen: Mir bangt um meine Schwester; sehen Sie nicht, daß sie sich verzehrt in Arbeit, Gebet und Buße? Das wäre seine Pflicht gewesen, wohl auch sein Recht. - Der Gedanke einmal gefaßt, und sogleich war er auch zum Entschluß. Pavel kehrte nach dem Kloster zurück und zog an der Glocke.
Die Tür öffnete sich nicht, aber an einem in derselben angebrachten kleinen Gitter wurde ein Auge sichtbar; die Pförtnerin fragte nach dem Begehr des Schellenden, und auf Pavels Antwort kam der Bescheid, die Frau Oberin sei nicht zu sprechen. Die Klappe hinter dem Gitter schloß sich.
Was tun? Pochen, stürmen, den Einlaß erzwingen, auf die Gefahr hin, den Unwillen der frommen Frau auf sich zu laden?... Und wenn dies geschah - wer würde für Pavels Vergehen büßen, mehr büßen wollen als müssen? - Milada. Er wußte es wohl und trat von neuem seine Wanderung an.
Am Ende der Stadt, in unmittelbarer Nähe der Brücke, stand ein Einkehrhaus und davor eine breitästige Linde, die ein paar mit den dünnen Füßen in die Erde eingelassene Tische und Bänke beschattete. Pavel nahm auf einer der letzteren Platz; er war hungrig und durstig und rief nach Bier und Brot. Aber als das Verlangte ihm gebracht ward, vergaß er zu essen und zu trinken.
Im Hofe des Gasthauses ging es lebhaft zu. Ein Stellwagen war angekommen und hatte einige Reisende abgesetzt, von denen sich zwei in lebhaftem Streit mit dem Kutscher wegen des von ihm geforderten Trinkgeldes befanden. Eine alte Frau vermißte ein Bagagestück und durchstöberte, zum Verdruß der anderen Fahrgäste, den kleinen Berg von Mantelsäcken und Bündeln, der unter dem Türbogen zusammengetragen worden war.
Diesen Vorgängen schenkte Pavel anfangs nur eine flüchtige Aufmerksamkeit; aber sie wurde sehr rege, als ihm plötzlich ein Köfferchen, ein Pelz und ein Knotenstock auffielen, die er neben dem Eckstein auf der Erde liegen sah. Das waren ja drei alte Bekannte!... besonders der Stock; der hatte ihm einmal recht lustig auf dem Rücken getanzt.
Ohne sich zu besinnen, rief er laut: »Herr Lehrer, Herr Lehrer! sind Sie da?« sprang auf und wollte ins Haus stürzen... da trat ihm Habrecht schon mit ausgebreiteten Armen entgegen.
»Alle guten Geister! Pavel, lieber Mensch...«
»Woher? Wohin?« fragte der Bursche.
»Wohin? Zu dir; dich wollte ich besuchen und treffe dich auf meinem Wege. Ein glücklicher Zufall, ein gutes Omen!«
»Sie haben mich besuchen wollen - das ist schön, Herr Lehrer.«
»Schön? I, warum nicht gar... Aber sag mir nicht Herr Lehrer - ich bin kein Lehrer mehr... das ist alles vorbei. Ich bin ein Jünger geworden, und« - er spitzte die Lippen und sog die Luft mit tiefem Behagen ein, als ob er von etwas Köstlichem spräche, »und ein neues Leben beginnt.«
Pavel war erstaunt; das neue Leben, hatte er gemeint, habe längst begonnen.
»War nichts, ist durchaus mißraten«, erwiderte Habrecht kopfschüttelnd, »sollst hören wie. Komm ins Haus; unter der Linde - ein schöner Baum... werde mich vielleicht sehr bald nach dem Anblick einer solchen Linde sehnen - ist's mir zu frisch... Komm, lieber Mensch, ich habe viel für dich auf dem Herzen und will auch viel von dir hören, ehe wir uns trennen, voraussichtlich - auf Nimmerwiedersehen.«
Er bestellte ein Mittagessen für sich und Pavel, ließ das beste Zimmer des ersten Stockes aufsperren und erklärte sich ungemein zufrieden, als ihm eine große Stube angewiesen wurde, deren Einrichtung aus zwei schmalen Betten mit hoch aufgetürmten, rosenfarbigen Kissen, aus einem mit Wachsleinwand überzogenen Tisch und aus vier Sesseln bestand. Auch die trübe Suppe und der noch trübere Wein, das ausgewässerte Rindfleisch und die halbrohen Kartoffeln, die der Wirt ihm vorsetzte, begrüßte er mit unbedingten Lobeserhebungen. Sein eigenes Nahrungsbedürfnis war nicht größer als das eines indischen Büßers, aber seinen Gast munterte er fortwährend auf: »Iß und trink, laß dir's schmecken; das Mahl ist gut, und ich würze es dir mit nützlichen Gesprächen, mit der Quintessenz meiner Erfahrungen.«
Er begann zu erzählen, geriet in immer erhöhtere Stimmung, hielt es nicht lange aus auf einem Platze, sprach jetzt stehend, jetzt sitzend, jetzt im Zimmer hin und her schwirrend und stets mit eigentümlich hastigen Gebärden. -
Ja, das war ein Irrtum gewesen, das mit dem Glauben an die neue Lebenssonne, die ihm in dem neuen Wirkungskreise aufgehen würde. Die Gespenster der toten Vergangenheit huschten nach in die lebendige Gegenwart und richteten Verwirrung und Hader an, wo Klarheit und Frieden herrschen sollten. Zu gut hatte Habrecht es machen wollen, zuviel Eifer an den Tag gelegt, sich zu demütig um Gunst beworben - dies alles, verbunden mit seinem Fleiße, seiner strengen Pflichterfüllung und makellosen Lebensführung, erweckte Mißtrauen. »Der Mann muß ein schlechtes Gewissen haben«, sagten die Leute.
»Spürst du was?« fragte Habrecht. »Als ich das hörte, grinste das Gespenst mich an, von dem ich im Anfang gesprochen habe. Wär ich gewesen wie einer, der nichts gutzumachen hat - hätt ich's nicht zu gut machen wollen, wäre meinen geraden Weg einfach und schlicht gegangen, unbekümmert um fremde Wohlmeinung... Noch eins! Sie sind dort viel rabiater tschechisch als hier, mein deutscher Name verdroß sie. Sie haben bei mir deutsche Gesinnungen gesucht, bei mir, dem die Erde eine Stätte der Drangsale ist und jeder Mensch ein mehr oder minder schwer Geprüfter! Ich werde einen Unterschied machen, ich werde sagen: Am Wohlergehen dessen, der hüben am Bach zur Welt gekommen, liegt mir mehr als am Wohlergehen dessen, der drüben geboren worden ist... Es gibt eine Nation, ja, eine, die leitet, die führt, die voranleuchtet: alle tüchtigen Menschen - der anzugehören wär ich stolz... Was jeden anderen Nationalitätenstolz betrifft -«, er griff sich an den Kopf und lachte, »Narrheit, unwürdig des Jahrhunderts. Das ist mein Gefühl... Gefällt euch mein Name Habrecht nicht - sagte ich, nennt mich Mamprav, mir gilt das gleich... Nun, damit, daß ich bereit war, ihnen auch in der Sache nachzugeben, damit hab ich's ganz verschüttet. Jetzt war ich ein Spion, der sie kirren wollte, Gott weiß, in welchem Interesse... Und jetzt trat ich auf Schlangen bei Tritt und Schritt. Zuletzt konnte ich beim Bäcker kein Stück Brot mehr bekommen für mein gutes Geld und bei der Hökerin keinen Apfel... Oh, die Menschen, die Menschen! Man muß sie lieben - und will ja -, aber manchmal graut einem; es graut einem sogar sehr oft.«
Die Erinnerung an das jüngst Erlebte drückte ihn nieder; er blieb eine Weile still, bald jedoch gewann seine unverwüstliche Lebhaftigkeit die Oberhand, und neuerdings ließ er den Strom seiner Rede sprudeln und vergaß, von ihm hingerissen, auf die Begriffsfähigkeit seines Zuhörers Rücksicht zu nehmen. Pavels Interesse für die Auseinandersetzungen seines alten Gönners hatte große Mühe, sich dem mangelhaften Verständnis gegenüber, das er ihnen bieten konnte, zu behaupten.
Die letzte Prüfung, die Habrecht bestanden hatte, war bitter, aber kurz gewesen. Ein Freund, ein einstiger Schulkamerad, mit dem er in steter Verbindung geblieben, erschien eines Morgens bei ihm als Erlöser aus aller Pein und Not. Zwischen den Schicksalen beider Männer bestand eine gewisse Ähnlichkeit, und es war die außerordentliche Übereinstimmung ihrer Sinnesart, welche ihren Seelenbund trotz jahrelanger Trennung aufrechterhalten hatte. Sie beschlossen in der ersten Stunde des Wiedersehens, die Fortsetzung des Lebenskampfes Seite an Seite aufzunehmen. Für die Mittel, sich auf das von ihnen gewählte Schlachtfeld zu begeben, sorgte der Freund, sorgten die Freunde des Freundes. Diese lebten in Amerika in Wohlhabenheit und Ansehen und gehörten zu den eifrigsten Aposteln einer »ethischen Gesellschaft«, deren Zweck die Verbreitung moralischer Kultur war und die täglich an Anhang und Einfluß gewann.
»Bekenner einer Religion der Moral nennen sie sich«, rief Habrecht; »ich nenne sie die Entzünder und Hüter des heiligsten Feuers, das je auf Erden brannte und dessen Licht bestimmt ist, auf dem Antlitz der menschlichen Gemeinde den Widerschein einer edlen, bisher fremden Freudigkeit wachzurufen... Ihre Botschaft ist zu mir gedrungen in Gestalt eines Buches, dergleichen noch nie eines geschrieben wurde... O lieber Mensch! ein Wunderbuch und hat bei mir beinahe dasjenige ausgestochen, das du einst, du Tor, ein Hexenbuch nanntest... Ich folge der Botschaft; ich gehe hinüber, etwas zu suchen, das ich verloren und ewig vermißt habe: eine Anknüpfung mit dem Jenseits. Eins von beiden brauchen wir, wir armen Erdenkinder, ein - wenn auch noch so geringes -Wohlergehen oder einen Grund für unsere Leiden; sonst werden wir traurig, und das ist eines Wackeren unwürdig.«
Hier unterbrach ihn Pavel zum ersten Male: »Ist Traurigkeit unwürdig?«
»Durchaus. Traurigkeit ist Stille, ist Tod; Heiterkeit ist Regsamkeit, Bewegung, Leben.« Er blieb vor dem Tische stehen, sah Pavel forschend an und sprach: »Sie fehlt dir noch immer, die Heiterkeit; du bist nicht munterer geworden... Und wie geht es dir im Dorfe?«
»Besser«, erwiderte Pavel.
»Das läßt sich hören. Seit wann denn?«
»Seitdem ich es ihnen einmal gesagt und gezeigt habe.«
»Gesagt, oh! - gezeigt, oh, oh!... Wie gezeigt? Hast sie geprügelt?«
»Fürchterlich geprügelt.«
»Ei, ei, ei!« Habrecht machte ein bedenkliches Gesicht und kreuzte die Arme. »Nun, lieber Mensch, Prügel sind nicht schlecht, aber nur für den Anfang, durchaus nur! und überhaupt nie mehr als ein Palliativ... Salbader freilich verstehen von Radikalmitteln nichts, leugnen darum auch, daß es solche gebe. Sei kein Salbader!« schrie er den erstaunten Pavel an, der sich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von dem machen konnte, was damit gemeint war.
Und nun forderte Habrecht ihn auf zu sprechen: »Ich habe dir meine Generalbeichte abgelegt, laß mich die deine hören.« Er begann ihn auszufragen, verlangte von dem Tun und Lassen seines ehemaligen Schützlings genaue Rechenschaft und erhielt sie, so rasch die Ausrufungen, Betrachtungen und guten Ratschläge, mit denen er Pavel fortwährend unterbrach, es erlaubten. Dem aber war das ganz recht, störte ihn nicht mehr, als das Geräusch eines murmelnden Baches getan hätte, und gab ihm Zeit, nach jedem Satze seine Gedanken zu sammeln und einen passenden Ausdruck für sie zu suchen. Endlich hatte er ja doch sein fest verschlossenes, übervolles Herz in das seines wunderlichen Freundes ausgeschüttet.