Sie befanden sich beide in feierlicher Stimmung. Der alte Mann legte dem jungen die Hände aufs Haupt und sprach einen warmen Segen über ihn.
»Von Vernunft und Gemeinde wegen«, schloß er, »hätte ein schlechter Kerl aus dir werden müssen; statt dessen bist du ein tüchtiger geworden. Mach so fort, schlag ihnen ein Schnippchen ums andere. Arbeite dich hinauf zum Bauer, werde ihr Bürgermeister.«
Pavel machte größere Augen als je in seinem Leben und sah den Lehrer mit einem zugleich stolzen und ungläubigen Lächeln an. Habrecht nickte hastig: »Ja, ja! und wenn du's bist, dann zahl ihnen mit Gutem heim, was sie Übles an dir getan haben.«
Der Abend brach an; die Stunde der Abfahrt näherte sich, und Habrecht wurde von fieberhafter Unruhe ergriffen. Er forderte seine Rechnung, bezahlte, schenkte den Versicherungen des Wirtes, daß es zum Aufbruch viel zu früh sei, kein Gehör, verließ das Haus und schlug, von Pavel gefolgt, der das Kofferchen, den Pelz und den Stock trug, im Eilmarsch den Weg zum Bahnhof ein.
Als er dort anlangte und fragte, ob er noch zurechtkomme zum Abendzuge nach Wien, wurde er ausgelacht, was ihn beruhigte.
Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben und schüttelte die vor dem Stationsgebäude gepflanzten Akazienbäume, daß es ein Erbarmen war; aus den grauen, jagenden Wolken fegte kalter Strichregen nieder. Habrecht achtete dessen nicht und setzte seinen ehrwürdigen Frack, den er auch zu dieser Reise angelegt hatte, schonungslos den Unbilden der Witterung aus. Nur seinem grauen, langhaarigen Zylinder gewährte er den Schutz eines über ihn gebreiteten und unter den schnörkelförmigen Krempen befestigten Taschentuchs und pendelte so neben Pavel auf dem Perron hin und her und sprach ohne Unterlaß.
Nachdem die Kasse eröffnet worden und er ein Billett gelöst hatte, kannte seine Ungeduld keine Grenzen mehr. Er zog seine Uhr, der des Bahnhofes traute er nicht. Zehn Minuten noch... möglicherweise konnte aber der Zug gerade heute um fünf Minuten früher eintreffen, und da man dann in fünf Minuten scheiden mußte, warum nicht lieber gleich? Er bat Pavel inständigst heimzugehen, sich seinetwegen nicht länger aufzuhalten. Vorher aber zwang er ihn noch, fast mit Gewalt, seine Uhr anzunehmen.
»Ich brauche sie nicht mehr, mein Freund hat eine. Denk nach: Wenn immer auf zwei Menschen eine Uhr käme, was wäre das für ein günstiges statistisches Verhältnis! - Leb wohl, geh jetzt.«
Mit einer Hand schob er ihn fort, mit der anderen hielt er ihn zurück. »Meine letzten Worte, lieber Mensch, merk sie dir! präge sie dir in die Seele, ins Hirn. Gib acht: Wir leben in einer vorzugsweise lehrreichen Zeit. Nie ist den Menschen deutlicher gepredigt worden: Seid selbstlos, wenn aus keinem edleren, so doch aus Selbsterhaltungstrieb... aber ich sehe, das ist dir wieder zu hoch - - anders also!... In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich's schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, daß der Teller seines Nachbars leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbars den Appetit verderben - dem Braven aus Rechtsgefühl, dem Feigen aus Angst... Darum sorge dafür, wenn du deinen Teller füllst, daß es in deiner Nachbarschaft so wenig leere als möglich gibt. Begreifst du?«
»Ich glaube, ja.«
»Begreifst du auch, daß du nie eines Menschen Feind sein sollst, auch dann nicht, wenn er der deine ist?«
»So etwas«, erwiderte Pavel, »hat mir schon meine Schwester gesagt.«
Habrecht drückte seine Freude an dieser Übereinstimmung aus und fuhr fort: »Ferner, verlerne das Lesen nicht. Ich habe aus meinem Vorrat von Schulbüchern, ehe ich ihn verschenkte, sechs Stück für dich beiseite gebracht - du wirst sie durch die Post erhalten -, schlichte Büchlein, von unberühmten Männern zusammengestellt; wenn du aber alles weißt, was in ihnen steht, und alles tust, was sie dir anraten; dann weißt du viel und wirst gut fahren. Lies sie, lies sie immer, und wenn du mit dem sechsten fertig bist, fange mit dem ersten wieder an... Was das Allerschwierigste im Leben betrifft, die süßeste, die grausamste, die mächtigste und fürchterlichste aller Leidenschaften - ich mag sie gar nicht nennen -, so meine ich, du wärst abgeschreckt und könntest es bleiben. Sie ist dir am Quell vergiftet worden, bei ihrem ersten Ursprung, das hilft manchmal für immer. Du hast es mit ihr so schlecht getroffen, wie dein aufrichtigster Freund, für den ich mich halte, es dir nicht besser hätte wünschen können.«
Auf dem Bahnhofe waren immer mehr Leute zusammengekommen; ein erstes Glockenzeichen wurde gegeben; aus der Ferne gellte ein Pfiff. Habrecht merkte von alledem nichts; er hatte Pavel am Rock gefaßt und redete hastig und heftig in ihn hinein: »Nicht jeder braucht einen Hausstand zu gründen; das ist der größte Wahn, daß man einige Kinder haben müsse - es gibt Kinder genug auf der Welt... und je besser ein Vater ist, desto weniger hat er von seinen Kindern - wer fühlt edel und selbstlos genug, um sich zutrauen zu dürfen, er werde ein guter Vater sein?... Und deinen Ruf, lieber Mensch, achte auf deinen Ruf, du weißt schon, die gewisse Tafel, die blank sein muß - die deine war sehr verkritzelt... putze, fege, strebe vorwärts... glaube: wenn du heute nicht etwas besser bist, als du gestern warst, bist du gewiß etwas schlechter...«
»Herr Lehrer«, wollte Pavel ihn aufmerksam machen, als nun zum zweiten Male geläutet wurde; aber unter dem Zipfel des Taschentuches hervor, das sich aus der Hutkrempe losgemacht hatte und nun, vom Winde bewegt, Habrechts Gesicht umflog, sah dieser ihn liebreich an und fuhr fort: »Wende mir nicht ein: Das sind lauter zu hohe Grundsätze für unsereinen; gehen Sie damit zu denen, die ohnehin schon hoch stehen; wir sind geringe Leute; für uns ist auch eine geringe Moral gut genug... Ich sage dir, gerade die beste ist für euch die rechte; ihr Geringen, ihr seid die Wichtigen, ohne eure Mitwirkung kann nichts Großes sich mehr vollziehen - von euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird...«
»Herr Lehrer, Herr Lehrer! es ist Zeit«, sagte Pavel, und Habrecht versetzte: »Eure Zeit, jawohl! - und was ihr aus derselben macht, das wird...«
»Einsteigen!« rief es dicht an seinem Ohr, und er sah sich um, sah den Zug dastehen und erschrak furchtbar. »Dritte Klasse nach Wien!« schrie er, rannte auf den ihm vom Schaffner bezeichneten Waggon zu und erklomm ihn mit nicht gerade anmutiger, aber wunderbarer Behendigkeit.
Pavel eilte ihm nach und reichte ihm seine Effekten in den überfüllten Wagen, in dem er unter vielen Entschuldigungen einen Platz gefunden hatte. Ein neuer Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung, eine kleine Strecke konnte ihn Pavel in scharfem Laufe begleiten.
»Gott behüte Sie, Herr Lehrer!« schrie er, und durch das Brausen der davonrollenden Lokomotive und aus Rauch und Dampfwolken kam die Antwort: »Und dich, lieber Mensch, Amen, Amen, Amen!«
Am späten Abend, nachdem Pavel heimgekommen war, fütterte er seinen Hund, nahm eine Haue und grub dem Steine nach, den er unter die Schwelle seines Hauses versenkt hatte. Lamur saß daneben und warf aus verdrießlich zugekniffenen Augen so scheele Blicke auf die Arbeit seines Herrn, leckte sich die Nase so oft und sah so verächtlich drein, daß jener seine üble Laune bemerken mußte.
»Ist dir's vielleicht nicht recht?« fragte Pavel.
Ein höhnisches Zähnefletschen war die Antwort.
Pavel aber hatte den Stein ausgehoben, betrachtete ihn, wog ihn in der Hand und fand ihn kleiner und leichter, als er sich ihn vorgestellt.
»Da ist er, schau - nimm!« sagte er und hielt ihn dem Hunde hin, der ihn auf Befehl seines Herrn in die Schnauze nahm und ihm nachtrug.
Am Brunnen angelangt, an dem ihre erste Begegnung stattgehabt hatte, nahm Pavel dem Hunde den Stein aus dem Maul und schleuderte ihn ins Wasser, in dem er mit einem lauten Glucksen versank.
Lamur gab durch Knurren seine Mißbilligung zu erkennen.