»Pavel Holub«, sagte die Baronin in freundlichem Tone, »es freut mich, daß du für mich beten willst. - Und jetzt sag mir: Mein Feld, dasjenige, an dessen Rand deine Hütte steht, hast du es dir wohl recht aufmerksam angesehen? - Wie groß schätzest du's?«
»Es wird so seine fünfzehn Metzen haben, nicht ganz drei Hektare«, sprach Pavel ohne Zögern.
»Ein schlechtes Feld, was?«
»Ja, die Felder dort oben sind alle schlecht. Wenn ich der Verwalter wär, würd ich dort oben nie Weizen aussäen.«
»Sondern?«
»Hafer oder Korn, und Kirschbäume würd ich pflanzen, viele, viele.«
»So pflanze Kirschbäume«, versetzte die Baronin ernst und rasch, »das Feld ist dein.«
»Mein - was ist mein?«
»Nun, das Feld, ich schenk es dir.«
»Um Gottes willen - mir - das Feld...« Ihm war, als ob alles ins Wanken geriete, der Boden unter seinen Füßen, die Wände, das Kanapee und auf dem Kanapee die Frau Baronin. Er streckte die Arme aus und griff nach einem Stützpunkt in die Luft. »Das große, das schöne, das gute Feld...«
»Hast du nicht eben gesagt, daß es ein schlechtes Feld ist?«
»Für Sie, aber nicht für mich; für mich ist es ein gutes, zu gutes... Um Gottes willen«, wiederholte er, »schenken Sie es mir im Ernst, das Feld?«
Die Baronin blinzelte: »Es tut mir leid, Holub«, sagte sie, »daß ich das Gesicht, das du jetzt machst, nicht recht deutlich sehen kann. Das Blindwerden, mein lieber Holub«, setzte sie leicht aufseufzend hinzu, »verdirbt dem Menschen manche Freude. - Geh jetzt und schicke mir den Verwalter. Ich will gleich Anordnungen treffen, daß die Schenkung rechtskräftig gemacht werde.«
»Rechtskräftig... Euer Gnaden... sogar rechtskräftig...« Pavel kannte sich nicht mehr; sein Entzücken überwand seine Schüchternheit, er stürzte auf den Tisch zu, schob ihn zur Seite, ergriff die Hände der Gutsfrau und küßte sie, und als sie ihm mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermochte, die Hände entzog, küßte er den Saum ihres Kleides und ihre Ärmel und ihr Umhängetuch und stöhnte und jauchzte und konnte nicht sprechen.
Ihr wurde, so mutig sie war, ein wenig bang vor diesem entfesselten Sturme; sie zankte Pavel tüchtig aus und erklärte ihm, alles müsse ein Ende haben, auch Dankbarkeitsbezeigungen, und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen gehe, sei es mit der ganzen Schenkung nichts.
Das brachte ihn zu sich. In der nächsten Minute war er draußen im Hofe. -Vor dem Tor stand die blonde Slava, das Häuslerkind schnöden Angedenkens. Sie diente im Schlosse seit ihrer Rückkehr und war jetzt damit beschäftigt, kecke Turteltauben zu füttern, die sich's nicht einfallen ließen, dem heranstürzenden Pavel auszuweichen; er mußte sich in acht nehmen, nicht eine von ihnen zu zertreten. Slava rief ihm einen guten Morgen zu, und er, ganz vergessend, daß es seine schlimmste Feindin war, die zu ihm gesprochen, erwiderte: »Ich hab ein Feld, die Baronin hat mir ein Feld geschenkt.«
Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln: »Das ist aber schön«, sagte sie, »das freut mich.«
Jetzt erst besann er sich, mit wem er redete, und eilte ohne Gruß hinweg.
So ganz anderes und Wichtigeres ihn auch erfüllte, nebenbei mußte er doch daran denken, wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte, welch ein bildhübsches Mädchen sie war, und daß es nicht recht sei vom lieben Herrgott, einer so schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hülle. Jeder Unbefangene mußte dadurch irregemacht werden. Zum Glück war Pavel kein Unbefangener; ihn vermochte der Schein nicht zu täuschen. Er kannte diese Slava, und ob ihre Lippen sich im Sprechen bewegten, ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt aufeinander ruhten, er konnte sie nicht ansehen, ohne der Stunde zu gedenken , in welcher sie sich geöffnet hatten, um ihn dem Hohn und Spott preiszugeben mit der grausamen Frage: »Fahrst zum Vater oder zur Mutter?«... Verzeih allen - hatten Milada und Habrecht gesagt, und er, wahrlich, er wollte es tun; aber der gemahnt wird zu verzeihen, wird er nicht und zugleich an das gemahnt, was er zu verzeihen hat?
Die Erinnerung bildete die unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und denjenigen, mit welchen Frieden zu schließen seine liebsten Menschen ihn beschworen.
Die Frau Baronin hielt Wort; die Schenkung wurde rechtskräftig gemacht; Pavel war ein Grundbesitzer geworden. Das unerhörte Glück, das ihm vom Himmel gefallen, trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebtheit. Niemand gönnte es ihm; sogar Arnost hatte, als ihm Pavel die große Nachricht gebracht, den Mund verzogen und gefragt: »Wie kommst du dazu?« Auch der Förster und Anton äußerten im ersten Moment mehr Überraschung als Teilnahme. Was den Verwalter betraf, so sprach er der Frau Baronin gegenüber unverhohlen aus, sie habe sich von ihrer Großmut leider hinreißen lassen. Das Geschenk sei ein viel zu namhaftes und müsse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfänger erregen und Mißmut gegen die edle Spenderin.
Die Frau Baronin begnügte sich damit, diese Äußerungen der Unzufriedenheit ihres ersten Würdenträgers zur Kenntnis zu nehmen, als jedoch der Herr Pfarrer dasselbe Lied anstimmte und von edlen, aber gar zu spontanen Entschlüssen der Frau Baronin sprach, entgegnete sie: Die Schenkung an Pavel Holub sei die Frucht eines von ihr ausnahmsweise langgehegten Entschlusses und durchaus keine zu großmütige, sondern die genau entsprechende Spende für einen braven, vom Schicksal bisher vernachlässigten Burschen, der überdies der Bruder der mutmaßlich zukünftigen Oberin eines Fräuleinstiftes sei.
Hierauf schwieg der geistliche Herr.
Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehrtägigem Aufenthalt ganz vergnügt zurückgekehrt, hatte Pavel rufen lassen, ihm zahllose Grüße von seiner Schwester gebracht, ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher Liebe und mit unendlichem Stolz von ihr erzählt. Die alte Frau wurde förmlich schwärmerisch in ihrer Begeisterung über das »Kind«. Der Allgütige selbst hatte ihr, der alten müden Pilgerin, das Kind gesandt, damit es ihr die letzten Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels öffne.
»Mache dich einer solchen Schwester würdig«, schärfte sie Pavel ein, und er faßte die besten Vorsätze, nach diesem Ziel, das ihm als das denkbar höchste erschien, zu streben, konnte aber den geheimen Zweifel, ob er auch jemals imstande sein werde, es zu erreichen, nicht loswerden. Doch kämpfte er redlich und wünschte heiß, daß die Frau Baronin und daß seine Schwester nur noch Gutes von ihm zu hören bekämen. Eine große Ängstlichkeit um seinen Ruf begann sich seiner zu bemächtigen. Die Sehnsucht, gelobt zu werden, die Freude an der Anerkennung erwachte in ihm, und er ahnte nicht, daß sie ihn so schwach machte, wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde Gleichgültigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten.
»Wer kann mir was nachsagen?« wurde seine stehende Redensart. Ein scheeler Blick, ein rauhes Wort vermochten den sonst gegen die rohesten Äußerungen der Mißgunst Gefeiten zu beleidigen; der Neid, den sein Besitztum erregte und der ihm in früheren Tagen die Freude daran gewürzt hätte, verdarb sie ihm jetzt. Sein Feld wurde zum Räuber seiner Ruhe und seines Schlafes, seine geliebte Qual. Sooft er es nach kurzer Trennung wiedersah, war es in irgendeiner Weise geschädigt worden, und er brachte, um es zu verteidigen, die Energie nicht auf, mit welcher er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte. Er wollte nicht, daß der Frau Baronin zu Ohren komme, er habe sich wieder aufs Prügeln eingelassen, und überhaupt sollte sie nie erfahren, wie sehr das Geschenk, das sie ihm gemacht hatte, ihm bestritten wurde.
Einmal fand er einen Teil des mageren, auf seinem Felde stehenden Weizens noch grün abgemäht. In der nächsten Nacht paßte er den Übeltätern auf, die auch wirklich in Gestalt einiger mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder wiederkamen. Pavel begnügte sich damit, ihnen die Sicheln und die Grastücher abzunehmen, und trug dieselben am nächsten Morgen zum Bürgermeister. Der zeigte sich erfreut über dieses gesetzmäßige und schonende Vorgehen, versprach, den Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten. Drei Wochen später lagen die Sicheln und Grastücher aber noch immer beim Ortsvorsteher, weil die Mittel, sie einzulösen, fehlten. Pavel ersuchte endlich selbst, sie ihren Eigentümern zurückzugeben, unter der Bedingung, daß die Leute zu ihm kämen, um sich bei ihm zu bedanken. Es geschah nur allzugern; das war ein neuer, ein guter Spaß, so wohlfeil durchzuschlüpfen und sich dann zu bedanken bei Pavel, dem Gemeindekind. Alle, welche den Scherz mitgemacht, fanden ihn so lustig, daß sie beschlossen, sich ihn bald wieder zu gönnen. -
Die Diebereien hörten nicht auf, und Pavel fuhr fort, sich ihnen gegenüber erstaunlich wehrlos zu zeigen, während er andererseits eine außerordentliche Tatkraft entfaltete.
Er hätte sich vervielfältigen, an zehn Orten zugleich sein und an jedem seinen Mann stellen mögen. Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es vor zur Aufnahme der Kirschbäumchen; er half dem Schmied, wo er konnte; der Förster verließ sich beim Anlegen der Waldkulturen auf niemanden so gern wie auf ihn und meinte, das Forstwesen wäre Pavels eigentliches Fach gewesen, wenn er sich ihm von Jugend auf hätte widmen können. »Und was für ein Schmied wäre er geworden, wenn er etwas gelernt hätte!« sagte Anton. »Aber ein Gemeindekind läßt man nichts lernen; die Grundlagen fehlen, und beim Anfang anzufangen, ist es jetzt zu spät. Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und doch nichts Rechtes herausbringen.«
Diese Prophezeiung betrübte Pavel - ihn im Glauben an sein Feld zu erschüttern vermochte sie nicht. Er bestellte den alten Virgil, der sich seinem Pflegesohn, wie er ihn nannte, mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang neben Lamur auf seiner Schwelle hockte, zum Hüter seines Grundbesitzes, und Virgil übernahm das Amt freudig, vermochte jedoch nicht mehr, es zu versehen. Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum. Die Vorwürfe, die Virgil deshalb hören mußte, nahm er mit einem verschmitzt-schalkhaften Lächeln hin und sprach: »Geh, Pavlicek, was liegt dir an dem Krempel?... Du kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen, wirst bald ganz andere Grundstücke haben.«
Pavel geriet in Zorn, verwies ihm solche Reden und wandte sich rasch ab, um den Eindruck zu verbergen, den sie auf ihn hervorbrachten.
Der Alte wurde immer aufgeräumter; sein schwaches Lebensflämmchen schien neu aufzuflackern, indes der Sommer hinwelkte. Ein Wunder, das ihn beglückte, war im Begriff, sich zu vollziehen. Er, der gebrechliche Greis, sollte den jungen, starken Peter überleben. Ja, das war das einzige, das ihn freute; er sollte den Peter überleben. Der Arzt machte kein Geheimnis daraus, daß er ihn aufgegeben; alle Leute wußten es; nur Vinska wollte es nicht glauben, und der Kranke selbst sagte: »Ich werde gesund, sobald ich mich ausgehustet habe.«
Peter kämpfte mit dem Tode wie ein Riese; je näher der ihm kam, desto mutiger wehrte er sich.
»Nützt alles nichts«, vertraute sein Schwiegervater jedem, der es hören wollte, an; »der erste Frost nimmt ihn doch mit; der Herr Doktor hat es mir gesagt« - und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten.
Eines frühen Morgens, im Oktober, schallte der Klang des Zügenglöckleins durch das Dorf. An ein Fenster der Grubenhütte wurde geklopft, und Lamur schlug an. Pavel fuhr aus dem Schlafe; die Tür seiner Stube war geöffnet worden. Virgil stand da, das Gesicht brennrot, die mit einem Rosenkranz umwundenen Hände auf den Stock gestützt, und sprach: »Was sagst dazu, Pavlicek? die Vinska ist eine Wittib.«