18

Der Winter in diesem Jahr trat gleich im Anfang mit ungewöhnlicher Kälte und ungewöhnlicher Reinlichkeit auf. Der Schnee, der einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch in kleinen, dichten Flocken aus massigen Wolken niedergewirbelt war, blieb silberweiß liegen; auf den Fahrwegen bildeten sich glatte Schlittenbahnen, und schmale Fußpfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am Rande der Felder hin. An der Hütte Pavels vorbei schlängelte sich der meistbenützte von allen, der Pfad, den die Holzknechte auf ihren jetzt regelmäßigen Gängen in den herrschaftlichen Wald ausgetreten hatten. Wenn sie am Morgen an die Arbeit gingen, trafen sie Pavel schon an der seinen; und wenn sie gegen Abend aus der Arbeit kamen, schien der unermüdliche Bursche gerade auf dem Punkt angelangt, auf dem der Fleiß zum Hochgenuß wird, zur seligen Besessenheit. Sie blieben dann meistens vor seinem Gärtlein ein wenig stehen, sahen ihm zu und wechselten ein paar Worte mit ihm. - Einmal tat Hanusch, der Roheste unter den Rohen, als ob er nicht imstande wäre zu erkennen, was für ein Ding das sei, mit dem Pavel sich plage.

»Ein Dachstuhl wird's«, erklärte dieser.

»So? Baust noch ein Grubenhaus?«

- Nein, kein Haus, einen Stall beabsichtigte er im nächsten Frühjahr zu bauen.

»Und was wirst einstellen?«

»Werdet schon sehen«, lautet Pavels Antwort, und Hanusch brach in ein Hohngelächter über seine Geheimnistuerei aus und rief, indem er den viereckigen Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den übrigen deutete: »Die werden's sehen, ich weiß's schon. Wett'st um ein Seidel, daß ich's weiß?«

Das Gekicher der anderen bewies, daß sie eingeweiht waren in den versteckten Sinn der Behauptung ihres Gefährten. Pavel aber kümmerten diese elenden Neckereien wenig, und er sandte den Urhebern derselben, wenn sie sich endlich trollten, höchstens ein gelassenes: »Hol euch der Teufel!« nach.

Der Holzknechte wegen wäre es ihm nicht eingefallen, den an seinem Wohnort vorbeiführenden Fußsteig zu verwünschen; er verwünschte ihn aus einem viel triftigeren Grunde. - Auf diesem Fußsteig kam jetzt ein-, auch zweimal die Woche Mägdlein Slava dahergewandert, als Botin der Frau Baronin an den Oberförster. Der alte Herr war krank gewesen, erholte sich langsam, und zur Unterstützung der Fortschritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gnädige Frau allerlei gute Sachen: edlen Wein aus ihrem Keller, feine Rehrücken, kräftige Hammelkeulen, und meistens war Slava die Überbringerin dieser Leckerbissen. Pavel bemerkte mit Verdruß, daß sie den Schritt verlangsamte, wenn sie in die Nähe seines Gärtleins kam, und seine Ansiedlung neugierig betrachtete. Was hatte sie zu betrachten, was hatte sie sich um seine Ansiedlung zu kümmern? In guter Absicht geschah es gewiß nicht. Er gefiel sich darin, sein Vorurteil gegen sie zu nähren; er überredete sich unter anderem, daß sie die Anführerin der Kinder gewesen, die ihm dereinst seine Ziegel zertreten hatten. Sie auf der Tat zu ertappen war ihm allerdings nicht gelungen; aber das bewies keineswegs ihre Unschuld, es zeigte nur, daß sie sich darauf verstanden, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, die von ihr Verleiteten im entscheidenden Augenblick treulos verlassend. Wie sie an ihren Spießgesellen, hatten hundert- und hundertmal die Genossen seiner Bubenstreiche an ihm gehandelt: Er wußte, wie es tat, in der Patsche stecken gelassen zu werden. Nachträglich noch hätte er für sein Leben gern den Verratenen eine Genugtuung verschafft, sollte sie auch in nichts anderem bestehen als in einem an die Verräterin gerichteten eindringlichen Vorwurf. Gewöhnlich verbiß sich Pavel, wenn er Slava von weitem erblickte, derart in seine Beschäftigung, daß es nichts zu geben schien, wichtig genug, ihn darin zu unterbrechen.

Einmal machte er aber doch eine Ausnahme.

Da kam sie daher mit ihrem Henkelkorbe, leichten Ganges, vom Sonnenlicht umflossen, die Hexe, trug ein dunkles Wolltuch um das von der Winterkälte rosig angehauchte Gesicht geknüpft, eine gut gefütterte und doch ungemein zierliche Jacke, ein faltenreiches Röcklein, das bis zu den Knöcheln reichte, blau, mit weißen Sternchen besät, und hohe Stiefel an den schlanken Füßen, unter denen der Schnee knisterte. Und munter und frisch war sie, daß es ein Vergnügen hätte sein müssen, sie anzusehen, wenn einem das Herz nicht voll des Grolls gegen sie gewesen wäre.

Bei der Umzäunung der Grubenhütte angelangt, hemmte sie, wie sie pflegte, den Schritt und musterte das Häuschen vom Grunde bis zum Firste.

Plötzlich richtete Pavel sich von seiner Arbeit auf, warf die Hacke hin, und auf das Mägdlein zuschreitend, sprach er: »Was schaust?«

Und sie, überrascht, aber nicht im mindesten erschrocken, wurde sehr rot und erwiderte: »Was soll ich schauen?«

»Nichts«, versetzte Pavel unwirsch, »gar nicht schauen sollst, weitergehen sollst.«

Das schien jedoch keineswegs ihre Absicht, vielmehr hatte sie sich dem Zaun genähert, und da Pavel dies seinerseits auch getan, standen sie ziemlich nahe aneinander. Sie, in der ganzen Zuversicht ihrer Schönheit, ihrer Jugend, ihres Frohsinns; er in seiner befangen machenden Erbitterung gegen sie, gegen ihre lügenhafte Anmut und Holdseligkeit.

Slava hatte ihren Korb neben sich auf den Boden gesetzt und bewachte ihn fortwährend mit ihren Blicken, als ob sie fürchte, daß er davonlaufen werde, sobald sie ihn aus den Augen ließe; und so, mit gesenkten Lidern und leise bebenden Lippen, sagte sie: »Ich schau das Haus an, weil ich mich nicht getrau, dich anzuschauen.«

Pavel zog die Brauen finster zusammen und murmelte etwas von einem »bösen Gewissen«.

Da wurde sie wieder rot: »Wer hat ein böses Gewissen?«

»Der fragt.«

»Ich?... warum hätte denn ich ein böses Gewissen?«

Die geheuchelte Treuherzigkeit, mit welcher diese Frage gestellt war, erweckte Pavels Zorn, und während tausend brennende Ausdrücke für denselben sich ihm auf die Lippen drängten, plumpste er heraus mit dem schwächsten, dem kindlichsten: »Hast du mir nicht meine Ziegel zertreten?«

Das Mädchen erhob die Augen, ihr Blick ruhte voll und hell auf ihm: »Wann soll ich das getan haben?... Das hab ich nie getan.«

»Lüg nicht«, herrschte er sie an.

»Ich lüg nicht«, erwiderte sie, »warum sollt ich lügen? Ich hab's nicht getan, und damit gut.«

- Er glaubte ihr, er konnte nicht anders als ihr glauben, und schon etwas besänftigt, fuhr er fort: »Bist du mir nicht nachgelaufen mit einem Stein in der Hand?«

»Aber Pavel, wer wird sich denn sowas merken, was ein dummes Kind getan hat. Was hast du nicht alles getan?« Sie schlug leicht und zierlich mit der Hand in die Luft: »Sowas vergißt man. Ich bitte dich, Pavel, vergiß das.«

Er schwieg; es überkam ihn wie Scham über sein allzu treues Gedächtnis. Hatte sie nicht recht? - sowas vergißt man. Von Verzeihen, ja von Dankbarkeit gegen die Urheber unserer Prüfungen hatte Milada gesprochen, vom Vergessen der Beleidigung - nicht. Um ihm davon zu sprechen, von diesem gründlichen Heilmittel, hatte die kleine nichtsnutzige Feindin kommen müssen.

Sie sagte noch ein paar freundliche Worte, beugte sich, hob ihren Korb auf und setzte ihre Wanderung fort.

Pavel blieb allein mit Lamur, mit seiner Arbeit und mit seinen Gedanken. - Vergiß, dann brauchst du nicht zu verzeihen! Vergiß, dann hast du auch keinen Grund, dir etwas darauf einzubilden, daß du verziehen hast. Wenn man's nur träfe! Er besann sich, daß er es einmal getroffen hatte der hübschen Widersacherin gegenüber, damals, als er aus dem Schloß gestürzt kam, voll des Glücks über das große Geschenk der Frau Baronin. Und was einmal zufällig und unwillkürlich gelang, sollte es nicht wieder gelingen können, freiwillig und mit gutem Bedacht?

Bei ihrem nächsten Gange zum Forsthause hielt Slava abermals ein Ständchen mit Pavel, und seine erste Frage an sie war: »Wenn du kein schlechtes Gewissen gegen mich gehabt hast, warum hast du dich gefürchtet, mich anzuschauen?«

»Weil du immer so verdrießlich gewesen bist und schreckliche Augen auf mich gemacht hast. Das mag ich nicht, ich hab's gern, daß man fröhlich ist und mich freundlich ansieht.«

Mit diesem »man« meinte sie nicht etwa ihn allein, sie meinte jeden. Pavel täuschte sich nicht lange darüber. Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr, das sie antrieb, den Ernst zu bekämpfen, wo immer sie ihm begegnete; und diese Lustigkeit, die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte, verbunden mit den hohen Ehren, in welchen sie ihr nettes Persönchen hielt, und ihrem jungfräulich züchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen Zauber aus.

Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Arnost; den hatte sie völlig umstrickt, und er machte Pavel gegenüber weder ein Hehl aus seinen Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn. Als ein verständiger, mit praktischem Sinn ausgerüsteter Bursche fand er nichts erklärlicher, als daß Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm, der nur ein Haus und den dazugehörenden kleinen Gemeindeanteil besaß, vorziehen müsse.

Daß Pavel in die Reihen der Bewerber um die Gunst oder die Hand des hübschen Mädchens zu treten beabsichtige, schien ihm so ausgemacht, daß er nicht einmal danach fragte, und sein Freund, dem er das zu verstehen gab und der schon hatte sagen wollen: Bist ein Narr, ich denk nicht an sie, sie ist mir gleich wie was, verschluckte diese Antwort; denn - er wollte nicht lügen.

Gleichgültig war sie ihm nicht, sie hatte es doch auch ihm angetan. Nicht wie dem Arnost; von einem blinden Verliebtsein war bei ihm keine Rede, aber warm machte ihm ihre Nähe, und überaus gut gefiel sie ihm, und überaus lieb wäre es ihm gewesen, wenn er den Zweifel hätte loswerden können, der sich in ihrer Gegenwart immer wieder meldete und eine gewisse bange, unbestimmte Erwartung: jetzt und jetzt wird sie etwas tun, das mir ans Herz greifen und mir die Freude an ihr verderben wird.

Ein anderes Bedenken, das ihn früher schwer gepeinigt hatte, war er ganz losgeworden, das: Wird mich denn eine Ordentliche nehmen? Wird eine Ordentliche unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen? Nun, die Slava war eine Ordentliche und ließ ihn merken, daß sie ihn nehmen würde, obwohl sie recht gut wußte, daß die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei ihrem Sohn. Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach einmal: »Eine Mutter bleibt halt doch immer eine Mutter; sie soll sein, wie sie will, wenn man nur eine hat. Ich hab keine.«

Pavel begrüßte sie nun stets sehr artig, machte nie mehr schreckliche Augen »auf sie«, verhielt sich aber, was auch in seinem Innern drängte und gärte, äußerst zurückhaltend gegen die Kleine, während Arnost vor ihr in Weichheit zerschmolz oder in Flammen aufloderte. Der verliebte Bursche war immer genau unterrichtet von jedem ihrer Schritte, und immer traf sich's, daß er an den Tagen, an denen sie einen Botengang ins Forsthaus unternahm, zufällig just nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfügung stellen konnte, um ihm bei seiner Arbeit behilflich zu sein. Kam die Erwartete dann, so fand sie die zwei an den Zaun gelehnt und ihrer harrend. Wer es in größerer Sehnsucht tat, ob der Ernste, verschlossene, ob der andere, sie selbst wußte es nicht. Sie benahm sich mit beiden gleich herzlich, gleich kameradschaftlich, sprach aber mehr mit Arnost, weil sich der viel besser aufs Scherzen und Spaßen verstand.


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