Amalia. Guelfo.
Amalia. Guelfo! mein Sohn!
Guelfo. Mutter, Dein Sohn?
Amalia. Bist Du krank, mein Guelfo?
Guelfo. Nein! nicht!
Amalia. Ich hörte, Du hättest den Doctor kommen lassen, und lief ängstlich nach Dir. Was ist Dir?
Guelfo. Nichts! Nichts!
Amalia. Wie, mein Sohn? Deiner Mutter keinen Liebesblick?
Guelfo. Ha, meine Mutter! Mutter! Mutter und meine Mutter! Ich hab der Liebesblicke keinen. Kennen Sie den Guelfo? Oh! ich bitte, mit all' dem Kosen und Streicheln lassen Sie mich! Meine Wangen sind der milden sanften Hand der Mutter ungewohnt.
Amalia. So sollst Du diesen Kuß haben! Sollst ihn aufgedrungen haben von der Mutter Lippen, mein wilder Sohn Guelfo! Wehr dich nicht, Guelfo! und diesen, und diesen, mit all' der Liebe der Mutter!
Guelfo. Wie, Mutter? Sie irren sich. Meine Lippen sind nicht sanft, meine Stimme klingt nicht süß, ich bin nicht weise, bin der rauhe Ritter Guelfo.
Amalia. Und auch der liebe Guelfo. O mein Guelfo, sieh freundlich, sieh gut, mach unsre Freude laut und vollkommen! Warum läßt Du uns so unfreundlich? (faßt ihn an der Hand) Sieh, Guelfo, ich könnte Dir itzt viele Vorwürfe machen, daß Du uns fliehst, daß Du immer ausser Hause bist, und, wenn Du zurück kömmst, Dich einsperrst: und ich und Dein Vater weinen über Deine rauhe Gemüthsart Tag und Nacht. Aber, ich wills nicht thun, mein Guelfo! will das all dulden, wills mütterlich dulden! Du wirst Dich ändern. Nicht wahr, Guelfo? Du wirst milder?
Guelfo. Ja denn! ich werde milder! Lassen Sie mich! Noch einmal, Ihr Kosen ist meinen Wangen unbekannt.
Amalia. Du stößt meine Hand weg! Guelfo! stößt Deine Mutter weg!
Guelfo. Weine! weine! klage! taumle zu Deinem Ferdinando! He, Mutter? (faßt ihre Hand.)
Amalia. Drück' mich hart, starker Guelfo! Deine Hand ist männlich; schone der weichen Hand der Mutter nicht, wenns der Druck der Liebe ist.
Guelfo. Ja, der Druck der Liebe, und der Druck Was nun, Guelfo?
Amalia. Da fiel eine dicke, volle Thräne herunter. Ha, Guelfo!
Guelfo. Es ist meine nicht.
Amalia. Lüge nicht, mein Guelfo! Laß sie Dein seyn! Ich sah sie auf Deinem Auge zittern. Laß sie mich wegküssen! Wenn der Mann, wie Du, weint, fühlt er tief. Nicht, mein Guelfo? Du liebst Deine Mutter, die Dich so sehr liebt, die Tag und Nacht seufzt, und betet, Du möchtest gut seyn, und Liebe erwiedern? Mein starker Guelfo, laß mich an Dir ruhen! Du hast mir viel Liebes gethan die Stunde, hast mir viel Liebes getan Dein Leben durch.
Guelfo. Mutter was haben Sie mit mir vor?
Amalia. Lieber Guelfo, wenn meine Liebe Dich nicht schützte o Dein Herz schlägt stark! Schlägts der Mutter?
Guelfo. Weiß ich das? wenn mich Ihre Liebe nicht schützte ? nun?
Amalia. Dein Vater wird jeden Tag mehr aufgebracht. Täglich kommen Klagen wegen Deiner. Oft wollt' er Dich aufsuchen, Dirs vorhalten im Grimm. Ich schlung mich um ihn, hielt ihn, log heut erst noch
Guelfo. Mag er kommen! Guelfo kennt sich und seinen Vater. Weib, Du hättst mich nicht gebären sollen! Ich war kein Knabe für Euch, bin kein Mann für Euch! Erwürgen hättst Du mich sollen! erdrücken in der Wiege, daß ich nicht aufgewachsen wäre, der Löwe Guelfo! Ich hab' Muth, Feuer, Geist, Stärke, und habt mich niedergeschlagen bey der Geburt! Ha! bin ich aus dem Hause der Guelfen? Nicht, Weib? Du gebarst den Ritter Guelfo, daß er Spott sey? Deine sanften Hände wären damals stark genug gewesen, mich zu würgen. Schling sie um mich! Du kannst Guelfos Nacken nicht umspannen; und doch, wenn Du mir den Dienst thun willst, halt' ich still.
Amalia. Guelfo! mein Sohn! mein Sohn! erbarm' Dich Deiner Mutter!
Guelfo. Und wer erbarmt sich meiner, der ich gefoltert werde von bösen Geistern innig? Wer erbarmte sich meiner von je? Mir? mir? des Guelfo?
Amalia. Angst! Angst! Dein Vater kömmt. Berg' Dich hinter die Liebe Deiner Mutter, wenn er zürnt.
Guelfo. Still, Mutter!
Alter Guelfo. Vorige. (hernach) ein Bedienter.
Amalia. (zum Vater) Guelfo, Dein Sohn ist gut und sanft. Ich versichre Dich, der Ritter war nie so lieb. Komm, lieber Guelfo, Du sollst sehen, daß man dem Ritter viel Unrecht thut. Er ist ein herrlicher Junge, unser Guelfo, ein tapferer Ritter, dem keiner steht. Sieh ihn an, Vater! Hast Du Einen in Italien gesehen, der ihm gleicht? Ein bischen wild ist mein Guelfo; aber das giebt sich: und Tapferkeit, sagt man, ist wild. Nicht, mein Guelfo?
Alter Guelfo. Das wär was! Nun denn, Ritter, wende Dich zu mir! Gib mir Deine nervigte Hand, Sohn! Denk' immer, daß Du ein Sohn des berühmten Guelfo bist, das ich Dir nicht genug sagen kann! Denk, daß wir viele Feinde haben; Deine Faust kann sie schrecken, denn Du bist fürchterlich berühmt im Streit. O mein Ferdinando! mein Guelfo! zwey starke Pfeiler meines beneideten Hauses, auf denen der Alte in Frieden ruhen kann, fest und geschützt. Meine Aerndte in Krieg und Vertheidigung ist gethan; ich habe mich hingestreckt, träume meine Jugend, und seh' Euch zu. Da stehen sie, Guelfo ein Felsen im Meer, und Ferdinando, der mehr durch Klugheit gewinnt, weil er stiller ist, reifer überlegt, und seinen Vortheil absieht.
Amalia. Und Guelfo?
Alter Guelfo. Wenn Du edel bist, Guelfo, Deine Wildheit zum Guten lenkst, Deine Tapferkeit von Ferdinandos Klugheit leiten läßt, soll unser Haus bald ein Herzogthum blühen. He, Guelfo?
Guelfo. He, Guelfo! He, Herzog Ferdinando! He, Guelfo!
Alter Guelfo. He, Ritter Guelfo!
Amalia. He! Freude! Und mein starker Sohn Guelfo noch General! Das muß er werden. Hat er sich nicht rechtschaffen gehalten, daß ihn alle neiden? Trägt er nicht eine grosse Wunde unter dem Orden, die ihn mehr ziert, als der Orden? Noch einmal, ein herrlicher Junge, mein Guelfo, wenn er seine Mutter liebt, und still ist!
Alter Guelfo. Amalia, ist das des Kind's Blick? Es kocht was in ihm! Sieh den Drachenblick! Guelfo!
Amalia. Geh doch! laß doch! Wer weiß, was dem Guelfo ist! Er ist krank.
Alter Guelfo. Nein doch! Ich muß sehen, wie sich Leidenschaften bey meinen Kindern zeichnen. Was beißt er die Zähne? was zieht er die Faust zusammen? was wölkt sich die Stirne? So steht man vorm Feinde. Mann, Dein Gesicht gefällt mir nicht.
Guelfo. Dann gebt mir eine Larve!
Alter Guelfo. Ha! Das ist die schändlichste Larve, die Du itzt trägst.
Amalia. Er ist krank, sag ich, es schmerzt ihn was. Geh doch, Guelfo! Reit dem Sohn und der Braut entgegen! Geh doch! ich will ihn sanft machen, er ist gar willig, wenn ich allein um ihn bin.
Alter Guelfo. Nein doch! Guelfo! sieh Deines Vaters Angesicht Blickt' ich Dich so an, Du solltest mich hassen. Was soll ich thun?
Guelfo. Den Guelfo hassen, wie Du thust.
Alter Guelfo. War das Guelfos zweyter Sohn?
Guelfo. Guelfos Narr!
Amalia. Guelfo, geh doch! Laß es hiermit! Guelfo wird gut; Du weißt, daß das seine Krankheit ist.
Alter Guelfo. Fluch Dir, Guelfo! wenn Du so siehst.
Guelfo. Fluch mir! wenn ich anders seh.
Amalia. Segen Guelfo, wenn er noch wilder sieht. Hinaus, Alter! Will keiner gehen? Beyde heiß, wie Feuer! Vater! Sohn! He da! ich schwaches Weib will Euch Wütende abhalten. Wart! ich will meine Schnürchen abreissen, und Euch anheften, weit von einander. Ich bin ein schwaches Weib, will mich an Dich hängen, Alter! Keiner soll des andern Stirne sehen. He Guelfo! (wirft ihm ein Tuch aufs Gesicht) ich will Dein wildes Gesicht decken, das ihn erzürnt. Blickst mir doch gut zu, mein Sohn!
Guelfo. Laßt es! Seyd getrost, Mutter! Ihr sollt des Guelfos los werden, den Ihr zu Grunde gerichtet, den Ihr bey der Geburt zu Grunde gerichtet habt!
Alter Guelfo. Ein böser Geist redet aus Dir! Du hast den Würgteufel, der Vater und Mutter nicht schont. Die Sorge für Dich riß mich von den Feinden, als ich den erfochtenen Sieg nutzen wollte. Du bist mein Sohn nicht.
Guelfo. Sagt das noch einmal, ich bin Euer Sohn nicht.
Alter Guelfo. So nicht.
Guelfo. Los von Vater! Mutter, bin ich Dein Sohn?
Amalia. Mein Sohn? Still! still! Ihr endet mit mir!
Guelfo. Ha dann! von Euch beyden los! entsagt! Hast Du noch etwas, berühmter Guelfo? Ich habs gehört, und das zittert mir in der Seele ich bin Guelfos Sohn nicht! Gott, du hasts gehört! Ich bin Guelfos Sohn nicht. Ich habs gehört, wie Guelfos Fluch den Bastard Guelfo traf. (kniet) Hier knie' ich und schwör Dir ab schwör Dir ab, ich bin Dein Sohn nicht, grauer Guelfo! bin Dein Sohn nicht, sanftes Weib! Nun dann! ich ziehe mein Schwerdt, und beginne den Schwur Ich armer Ritter Guelfo laßt Eure Thräne nicht um mich in Staub fallen! mischt sie mit Ferdinandos Freudenthränen! Ich armer Ritter und Bastard
Alter Guelfo. (indem sie ihm beyde um den Hals fallen) Du bist mein Sohn! mein lieber Sohn.
Amalia. Du sollst mein Sohn seyn, und wenn Du mir das Herz noch mehr bluten machtest! und wenn Du mir den bittern Todeskelch reichtest! Du bist mein Sohn! mein Guelfo! den ich unter meinem Herzen trug, ihm freudig entgegen weinte, eh' ich ihn sah! bist mein Guelfo!
Alter Guelfo. Tausend väterlichen Segen für den zu raschen Fluch, mein Sohn! Sey Deines Hauses Zierde!
Guelfo. Ihr spielt mit mir mißbraucht mich! Wohl dann! ich will's seyn kann ichs seyn.
Amalia. Laß Du die Thränen fallen vom Aug', alter Guelfo! Sie zieren Dich. Und laß sie uns mischen mit Freudenthränen! O Guelfo, sey der Mutter Lust! Sagt' ich Dir nicht, der Ritter ist gut; Du kennst ihn nicht, wie ihn die Mutter kennt. Sieh gut, Sohn!
(Während daß Amalia spricht, bringt ein Diener dem alten Guelfo einen Brief, er liest)
Alter Guelfo. Erschrecklich! Ich hab' Dir meinen Segen geben, ich hab' Dir meine Thränen geben und da und da lies! lies! Was zitterst Du, Weib? Hinaus! ich will Dich hinaus stossen und da
Amalia. Und da ist mein Sohn, der soll mich schützen für Guelfos Grimm.
Alter Guelfo. Und er hat den Mann gepeitscht, daß er auf den Tod liegt den Mann, der seinen vielen Kindern Brodt gab. Er hat sie hingebracht, Hungers zu sterben! zu laufen in die Wildniß! Ich gab ihm meinen Segen, weinte ihm meine Thränen. Ha! ich will meine Augen ausreissen, weinen sie noch einmal über Guelfos zweyten Sohn! Hast Du gelesen?
Guelfo. Ich thats; ja doch, ich thats. Ich schüttle mich, und Guelfo nehm seinen Segen und trag' ihn über Ferdinando! Verdient das Fluch? Ich peitschte meinen Pachter, weil er mir das Reh stahl das schönste Reh im Forst; peitschte ihn, weil er meinen Hund stach, daß er starb. Wer will Rechenschaft?
Amalia. That er das?
Guelfo. Ob ers that? Lügt Ritter Guelfo? Wart einen Augenblick, alter Guelfo! (sucht im Schreibtisch) Hier ist die Abtretung des Guts; und so zerreiß ich sie. Nimms nun, gibs dem Erstgebornen! Hier hast Du Deinen Segen; gewirkt hat er noch nichts. Nimms, nimm alles! Hier steh' ich ohne alle Ansprüche. Nimm, daß ich kahl werde! He da! Ritter Guelfo! leg deinen Degen an, und zieh gegen die Türken! Was fehlt Dir noch? Du bist reich mit deinem Herz und Arm.
Alter Guelfo. Nein! nein! Du sollst das Gut behalten, und mehr dazu. Ich will dem Pachter Entschädigung geben; es wird so arg nicht seyn.
Guelfo. Ich will nichts, ich bin reich.
Amalia. Nimms doch, Guelfo! Ich will Dir einen prächtigen Schmuck geben, für Deine künftige Braut.
Guelfo. Ha, ha, ha! Guelfo, geben Sie mir den Zug Apfelschimmel zum Erbtheil; und ich gehe, der verfluchte, verlorne Sohn! Geben Sie mir den Zug Apfelschimmel; ich will mich reich halten, will mich mit diesem Muth durch die Welt schlagen.
Amalia. Gib ihm die Schimmel, gib ihm die Pferde all.
Alter Guelfo. Guelfo, die Schimmel hat Dein Bruder schon.
Guelfo. Mag er sie behalten!
Alter Guelfo. Er kömmt in einer halben Stunde mit seiner Braut; er giebt sie Dir. Guelfo, freu' Dich mit uns!
Amalia. Du sollst sie haben. Komm uns nach! (ab)
Guelfo, (allein.) Niederschiessen will ich sie und ihn! Ich will sie nicht, ich mag sie nicht! Träumt ichs doch, wußt ichs doch! Es sind vortrefliche Pferde, und stampfen (stampft) den Boden, blasen, werfen die Mähne, haben einen Blitz im Aug Heyda! Ritter Guelfo! kauf dir einen Esel, und reit zum Türken! Er hat sie, hat Segen, Liebe, Herzogthum und Kamilla! Ha! ich werd rasend! O ich küßte die Fingerspitzen der Kamilla, und war Wonnetrunken; legte meine Rauhigkeit nieder, wie der Tieger, der Orpheus Sang hörte. Sie sang Kamilla! Hu, Caßius! (In ein Nebenkabinet ab)
Ende des ersten Aufzuges.