Dritter Auftritt.

Grimaldi, (tritt auf.) Vorige.

Ferdinando. O des traurigen Grimaldi! Willkommen, Vetter!

Grimaldi. O des freudigen Ferdinando! Guten Tag denn allen freudigen Seelen, und mir alle ihre Traurigkeit!

Ferdinando. Ich dachte gewiß, ich würde Sie heiterer finden.

Grimaldi. (legt die Hand aufs Herz.)

Ferdinando. Sie sehen noch verstörter und trauriger. Armer Grimaldi, Sie blühten lieblich – Ich wollte, Sie hieltens wieder mit dem guten Gefühl.

Grimaldi. Und ich wollte, Sie wären nicht so lustig. Wahrhaftig, ich bin so hin, das Lächeln eines Menschen kann mich beleidigen. Ich kann oft meinen Hund nicht ausstehen, wenn er freudig um mich springt.

Ferdinando. Winden Sie sich los!

Grimaldi. Still, Vetter! Das ist Ihre Braut! O eine liebe Braut! (küßt ihr die Hand.)

Ferdinando. Wünschen Sie mir nicht Glück?

Kamilla. (zu Grimaldi) Ich wollt', ich brächt' Ihnen Freude mit!

Grimaldi. O gütig! himmlisch! – Ich wollte – armes Herz!

Ferdinando. Was ist Ihnen?

Grimaldi. Nichts! nichts, als daß ich kein Wort reden kann! Gnädige Gräfinn, Sie scheinen keine Tochter der Erde zu seyn. – Sie haben Ihre Sanftmuth, und – Gott sey Dank! Sie haben einen melancholischen Zug über dem Auge, der mir wohl thut.

Alter Guelfo. He, Grimaldi! wollen Sie uns alle anstecken?

Grimaldi. Guten Tag, Vater! Ich sah' Sie kaum. Behüte mich! Ich will Euch Eure Freude lassen; ich wollt', ich könnte Euch meine vorige dazu geben! Aber, Guelfo, die Gräfinn! (sieht gen Himmel) Und dort wohnt eine, und hier wohnt sie! (die Hand aufs Herz) Gräfinn Kamilla, Sie haben – o dieser Zug, der sich so sanft, so weich hebend in die Lippen verliert – und die labende Oefnung des Munds – dieses himmlische reine Auge – dieses süsse Wallen – das haben Sie, ja! Sie habens von ihr.

Kamilla. Mein Herr!

Ferdinando. Sie schwärmen wieder, Grimaldi! Kommen Sie doch zu sich.

Alter Guelfo. (dazwischen vor sich) Er meint meine Tochter, und hat Recht. (wischt sich die Augen.)

Grimaldi. Versteht kein Mensch den Leidenden? – Ich will gehn, Ferdinando, und Sie nicht weiter stören. Vater, vergönnen Sie mir ein Plätzchen im Hause mit dem Ritter; ich mach Ihnen denn bald Raum.

Kamilla. Bleiben Sie bey uns! Ich hab' so viel Guts von Ihnen gehört; ich wünschte, Sie söhnten sich mit der Welt aus.

Grimaldi. Nicht doch! nicht doch! Ich und die Welt haben gebrochen, und so gebrochen, daß mein Herz mitbrach.

Alter Guelfo. Wo ist der Ritter?

Grimaldi. Seine Mutter ist bey ihm.

Alter Guelfo. Dacht' ichs doch, als sie wegschlich! Grimaldi hat uns alle Freude verdorben. Hängt die Köpfe nicht so! Gleicht Ihr doch alle dem Schwärmer!

Ferdinando. Ich möchte alles vergnügt sehen, und ich weiß nicht, ich hab' heute selbst einen Hang zur Schwermuth.

Grimaldi. O Ferdinando, sagen Sie das nicht.

Alter Guelfo. Morgen soll Hochzeit seyn – Sind das Hochzeitgesichter? Kommt zu Tische! – Grimaldi, Seyn Sie munter, oder bleiben Sie weg.

Grimaldi. Das letzte, Guelfo! das letzte!

Ferdinando. Nein, kommen Sie! (die andern gehn.)

 
Vierter Auftritt.

Grimaldi. (allein.) Armer, armer Guelfo! Deine Prüfung ist hart! Armer, armer Grimaldi! Du hast viel von ihr gesehen. O meine Juliette, laß mich nicht so lange! nimm mich bald! – Und saß ich nicht hier bey Dir? Kamst Du nicht an einem schönen Frühlingsmorgen hier herein, erschrocken, und ich hatte Dich in meinen Armen, und Du sagtest: Lieber Grimaldi! – und ich sagte: Liebe Juliette, was ist Ihnen? – Du sagtest, ein Kind sey in Hof gefallen, das habe Dich erschreckt – – Ich lief, und holte das Kind, und verbands; und ich bekam einen Kuß der Liebe und der guten Menschheit. Ja, meine Juliette! Hier wars, wo ich der Liebe weinte; hier ists, wo ich der Liebe sterbe. Ha! und wars nicht hier, wo Dein Ferdinando sagte, unsre Liebe gelte nichts? Sagt' er so? Nein! Du solltest den reichen Grafen heyrathen; so sagt' er. Aber mein Herz sagte, Juliette wirds nicht thun! Sie thats auch nicht, und vermählte sich mit dem Tode. – Ferdinando! – Weg! – Ich muß Rache denken, und mag keine denken. O Juliette! Juliette! – (geht)

 
Fünfter Auftritt.

(Das Zimmer des ersten Aufzuges.)

Kamilla. Ritter Guelfo.

Guelfo. (vor der Thür) Ich muß sie sehn! muß sie allein sehn! (tritt herein).

Kamilla. Ritter Guelfo, noch einmal willkommen, so finster Sie mich auch vorhin ansahen, als Sie bey uns vorbey eilten, und sich kaum halten liessen. – Was machen Sie?

Guelfo. (kniet) Legen Sie Ihre willkommne Hand auf mein Haupt, und den Liebessegen! o allen Segen in diesem! Ich steh nicht auf, Kamilla. Segen von dieser Hand dem armen Ritter Guelfo! Ihre Hand auf mein Haupt, an mein Herz, an meine Lippen, und mit meinen Lippen versiegelt den Liebessegen!

Kamilla. Ritter!

Guelfo. Wenden Sie sich nicht von mir! O Kamilla! Kamilla! diesen Trost dem verfluchten, beraubten Guelfo! Sehn Sie mich an! Mit Einem Blick von der Marter mich loszuwinden, wie wenig kostet das!

Kamilla. Guelfo, was ist Ihnen? Sie sehn verstört –

Guelfo. Mir ist nichts, gar nichts – und wenn ich diese Hand habe, und wenn ich diese liebe Hand auf mein geängstetes Herz lege, gar nichts! – Willkommen, meine Schwester! Tausendmal willkommen, meine Schwester! Meiner Liebe willkommen, meine Kamilla! O so schwebe vor mir! so mache mich lebendig! – Laß mich fühlen in diesem Kuß alles Entzücken der Liebe, und alle Marter! – Willkommen, meine Schwester!

Kamilla. Sehr willkommen, Ritter! Ich bitte Sie, sehn Sie anders. Kommen Sie, erzählen Sie mir etwas. Ich habe Sie so lange nicht gesehen, und gewiß, ich verlangte nach Ihnen.

Guelfo. Ich möchte das glauben, und mit diesem Glauben mich gegen die Feinde stellen! – Ists so, meine Schwester?

Kamilla. Gewiß! Da ich Sie das letztemal sah, machten Sie mir viele Sorgen.

Guelfo. Guelfo, hörst du das? Und es rief mir eine Stimme zu: Habe Glauben! und es rief mir abermal eine Stimme zu: Habe keinen Glauben! Denn wenn du das glaubst – Guelfo, wo bist du? – Nun, Kamilla wie mir ist? – ich kann Ihnen sagen, Kamilla – aber was ich sagen kann – Kamilla, sehn Sie mich an – und was ich sagen könnte –

Kamilla. Lassen Sie mich los!

Guelfo. Nicht, Kamilla und meine Schwester! Ich soll Ihnen ja erzählen. Und, Kamilla, wenn ich diese weisse Hand habe, und wenn ich diese Adern so blau sich schlängeln seh, diese Pulsschläge lausche, und Ihnen ins Gesicht seh, werd ich Ihnen viel erzählen können. Aber da ich so gar wenig reden kann, doch so viel zu reden habe – das letztemal, da ich Sie sah, war mirs freylich wunderlich. Denn, wenn ich mich noch recht besinne, schickten Sie mir Balsam für meine aufgerißnen Hände, die ich kriegte, als die Pferde scheu wurden, und mit meiner Kamilla davon rennen wollten; das mir denn sehr ungerecht schien. Ich fiel ihnen aber auch brav dafür in die Mähne, und hielt sie, daß sie stunden, wie Lämmer.

Kamilla. Nein, damals wars nicht. Sie sind irre. Das letztemal sah ich Sie, als mein Ferdinando kam.

Guelfo. Ihr Ferdinando? – ja doch! Ich ritt nach, ohn' es zu wissen, daß Ihr Ferdinando da war. Wie ich nun kam, und alles nur Ferdinando schien, alles um Ferdinando schwebte – Heyda! seyn Sie doch lustig! Ich weiß nicht, was das für ein Gespräch ist, das wir zusammen führen. Ich sah Sie noch nicht einmal lächeln, und Sie stehlen einem doch das Herz weg, wenn Sie lächeln. Ich bin sehr lustig, lache mehr, als ich weine. Mich wundert nur, daß niemand mit mir lachen will. Ha, ha, ha! Daß Sie nun da sind! Ha, ha, ha! Daß ich Sie habe, diese Hand habe, diese liebe Kamilla habe, und alles mich neidet! Ha, ha, ha! Lachen Sie doch!

Kamilla. Sie sind fürchterlich mit Ihrem Lachen.

Guelfo. Das weiß ich längst. Sie wollen nicht einmal mit mir lachen? Nicht ein Lächeln? Thun Sies doch! Zwingen Sie sich ein wenig! Um eines Kranken willen! Das Lachen soll ja so sympathetisch seyn, daß gleich alle lachen, wenn einer lacht. Noch nicht, meine Kamilla?

Kamilla. Ja, Sie sind wirklich krank. Lassen Sie mich!

Guelfo. Sie stossen den Kranken weg! Und wenn ich denn krank bin, einen Trost, meine Kamilla! Ich sah Sie wohl weinen und besorgt seyn, um eine Ihrer Kammerfräulein, die plötzlich krank ward; ja Sie warteten und pflegten Sie. Ich will nur ein gutes Wörtchen. – Mir ziehen Sie unbarmherzig Ihre seidne Hand zurück; und wenn ich sie mit meinen Fingerspitzen berühre, fliehen doch alle Krankheiten, und ich steh da, als wär' ich zur Unsterblichkeit geboren. – Wie, meine Kamilla?

Kamilla. Ihre Krankheit ist von einer Art – ich will Ihren Bruder rufen.

Guelfo. Ist er eifersüchtig? Ist ers? und ich will ihm – Nu meintwegen! rufen Sie Ihren Ferdinando! Vernichtet habt ihr mich doch alle! – Was willst Du, Guelfo? – (schlägt sich vor die Stirne) Ist er nicht da? Ist der Bräutigam noch nicht da?

Kamilla. Seyn Sie gut, Ritter! seyn Sie sanft! Sie begegnen Ihrem Bruder hart. Er weinte bitterlich, da Sie seine Hand wegstiessen, und fiel schluchzend dem alten Guelfo in die Arme.

Guelfo. Das kann er, weinen kann er! Und erweint sich damit sehr viel. Seine Thränen – ha! wenn ich meine Thränen so verkaufen könnte, wenn ich sie so verkaufen möchte – Also, er weinte, und da?

Kamilla. Ich bitte Sie um Gottes willen, seyn Sie anders! Ich muß den Augenblick weg, wenn Sie nicht Mann sind.

Guelfo. Ha! was ruft? Was wallt in diesen zarten Adern auf? Was schreyt diese Stimme, die sonst so weich und harmonisch klang? – Kamilla, Verzeihung! Ich beuge meine Kniee vor Dir, dem ersten Weib' auf Erden – Verzeihung! Hast Du sie gewährt, so blick' noch einmal auf mich, der ich im Staube zertreten bin – ich gehe.

Kamilla. Stehn Sie auf! Wir können uns unmöglich so wiedersehen, das ich doch wollte.

Guelfo. Das war Kamilla! Da entquillt ihren Lippen Erquickung, daß sich Ritter Guelfo aufrichten kann! O Kamilla kann einen aus Todesschlaf wecken, kann einen umwenden mit einem Blick! Nun ist mir doch gar wohl.

Kamilla. Und Thränen im Auge?

Guelfo. Sehn Sie das? Pfui Guelfo! sey Mann! folg dem Bescheid!

Kamilla. Kommen Sie ans Fenster! Es ist prächtig Abendroth; die Sonne geht herrlich unter. Freuen Sie sich doch mit mir!

Guelfo. Die letzten Sonnenstrahlen durch die Bäume her – Ich möchte mich in die Feuerhelle dort schwingen, auf jenen Wolken reiten mit vergoldetem Saume! – Kamilla! (faßt sie an der Hand) Ach! und ich bin wieder so hin – ich möchte diese Feuerwolken zusammenpacken, Sturm und Wetter erregen, und mich zerschmettert in den Abgrund stürzen! – Kamilla! Kamilla! Kamilla! (küßt sie heftig.)

Kamilla. Guelfo! Guelfo! Lassen Sie mich! He da!

Guelfo. Schrey nicht! Und noch einen! und noch einen! – Ha! so der letzte Kampf! – Zu Deinen Füssen gestreckt – bleib! bleib! ich geh! – Schrey nicht, Kamilla! Ritter Guelfo heult; und wenn er heult, heult Lieb' aus ihm.

Kamilla. (nach der Thür.)

Guelfo. Wie denn? warum denn?

 
Sechster Auftritt.

Ferdinando. Vorige.

Ferdinando. Wie, mein lieber Bruder?

Guelfo. He, was?

Ferdinando. Erschrocken, Kamilla? Was ists?

Kamilla. Nichts, Lieber! gar nichts!

Guelfo. Glaub' ihr nicht! Ich küßte sie – sieh', da stehn meine Küsse! Vier Küsse drückt' ich auf ihre weichen Lippen! Ha, ich küßte sie stark, hielt sie stark, und sie wand sich los, und schrie.

Ferdinando. Da thatst Du recht, Guelfo. Das ist Deine Schuldigkeit; Du küßtest sie nicht zum Willkommen.

Guelfo. Siehst Du nicht, wie ich küßte?

Ferdinando. Und ich küsse sie; küsse des Bruders Küsse von ihren Lippen, die mir selten und desto theurer sind.

Guelfo. Und küßt die Sünde vom Heiligthum, die ich drauf küßte, leidige schwarze Sündenküsse! Bravo! Bravo! und all' die Sünde hängt noch. Bravo! und Du wirsts nicht auslöschen.

Kamilla. (ab.)

Guelfo. Ritter Guelfo empfiehlt sich. – Du hast meine Sünde, trag sie!

Ferdinando. Herzlich gern, lieber Bruder. Aber –

Guelfo. Wurmt Dirs? Du siehst roth auf einmal – –

Ferdinando. Nicht doch! Red' freundlich mit Deinem Bruder! Gib meiner Liebe Raum!

Guelfo. Noch einmal, ich küßte sie heiß. Verstehst Du mich? Und diese Küsse, Ferdinando, wie Du sehn sollst – diese Küsse, wer was dagegen hat – Verstehst Du mich?

Ferdinando. Küß' sie mehr, Bruder!

Guelfo. In Deiner Gegenwart? Wenn sie mir um den Hals fiel, wenn mirs durch die Seele bebte, das gute Geschöpf in meinen Armen zu haben, wollt' ich doch nicht! Nicht, weil sie Deine Braut ist, sondern, weil ich nicht will!

Ferdinando. Sprich anders, lieber Guelfo!

Guelfo. Wer ist der, welcher Guelfo lehren will, wie er sprechen soll? Guelfo hat ausgelernt.

Ferdinando. Will ich das? will ich das, Guelfo? Ich will nur, Du sollst reden, wie man mit seinem Bruder spricht.

Guelfo. Und ich will, Du sollst gehen!

Ferdinando. Laß mich meinen Bruder in Dir wieder finden!

Guelfo. Mensch, geh!

Ferdinando. Wenn ich Dir verhaßt bin, wenn ich muß – Bruder, reit morgen früh mit mir aus; ich hab' Dir viel zu sagen.

Guelfo. Und ich wenig. Ritter Guelfo kann nicht vorhersagen, was er thun will.

Ferdinando. Lieber Bruder!

Guelfo. Was beliebt? (von verschiednen Seiten ab.)

Ende des zweyten Aufzuges.


Vorige Seite Titelseite Nächste Seite