Penthesilea

Nach Hektors Bestattung hielten sich die Trojaner wieder hinter den Mauern ihrer Stadt, denn sie fürchteten sich vor der Kraft des unbändigen Peleussohnes und scheuten sich, in seine Nähe zu kommen, wie sich Stiere sträuben, dem Lager eines entsetzlichen Waldlöwen zu nahen. In der Stadt herrschte Trauer und Klage über den Verlust ihres edelsten Bürgers und mächtigsten Beschützers, und der Jammer war so groß, als wenn Troja schon von den Flammen der Eroberer verzehrt würde.

In dieser trostlosen Lage erschien den Belagerten eine Hilfe, von wannen sie nicht erwartet worden war. Vom Thermodonstrome, in der kleinasiatischen Landschaft Pontus, kam mit einem kleinen Haufen von Heldinnen die Amazonenkönigin Penthesilea herangezogen, die Trojaner zu unterstützen. Es trieb sie zu dieser Unternehmung teils die männliche Lust an Kriegsgefahren, die diesem Weibervolke eigen ist, teils eine unfreiwillige Blutschuld, die ihr auf dem Herzen lastete und wegen der sie in ihrem Vaterlande übel angesehen war. Sie hatte nämlich auf einer Jagd, als sie nach einem Hirsch mit ihrem Speere zielte, ihre eigene geliebte Schwester Hippolyte mit dem Wurfgeschosse getötet. Nun begleiteten sie die Rachegöttinnen auf allen Pfaden, und kein Opfer hatte dieselben bis auf diese Stunde versöhnen können. Diesen Qualen hoffte sie am ehesten durch einen den Göttern wohlgefälligen Kriegszug zu entgehen, und so brach sie mit zwölf auserlesenen Genossinnen gen Troja auf, die alle gleich ihr nach Krieg und Männerkämpfen dürsteten. Doch gegenüber ihrer Königin Penthesilea erschienen selbst diese herrlichen Jungfrauen nur wie Sklavinnen. Wie unter den Sternen der Mond am Himmel hervorstrahlt, so überragte an Glanz und Schönheit die Fürstin alle ihre Dienerinnen. Sie war herrlich wie die Göttin der Morgenröte, wenn sie von den Horen umgeben aus den Höhen des Olympos zum Rande der Erde herniederfährt.

Als die Trojaner von den Mauern herab an der Spitze ihrer Jungfrauen die zarte und doch gewaltige Königin in Panzer und Schienen von Erz gehüllt, einer Göttin ähnlich, einherschreiten sahen, strömten sie von allen Seiten voll Bewunderung herbei und konnten sich, als die Jungfrauenschar näher heranzog, an der Schönheit ihrer Fürstin mit Blicken nicht genug ersättigen; denn in ihren Zügen war das Schreckliche wunderbar mit dem Lieblichen verbunden: ein holdseliges Lächeln schwebte auf ihren Lippen, und wie Sonnenstrahlen leuchteten unter langen Wimpern ihre lebensvollen Augen; ihre Wangen bedeckte eine sittsame Röte, und über das ganze Antlitz verbreitete sich mädchenhafte Anmut, beseelt von kriegerischem Feuer. So betrübt das Volk Trojas vorher gewesen war, so fröhlich jauchzte es jetzt bei diesem Anblicke. Selbst das trauernde Herz des Königes Priamos wurde wieder etwas freudiger gestimmt, und als er die herrliche Penthesilea ansah, da wurde ihm zumute wie einem Halbverblendeten, dem ein wohltätiger Lichtstrahl ins kranke Auge dringt. Aber seine Freude war nur mäßig und gedämpft durch die Erinnerung an den Verlust soviel trefflicher, nicht minder schöner Söhne. Doch führte er die Königin in seine Wohnung ein, ehrte sie wie eine eigene Tochter und bewirtete sie aufs köstlichste. Die auserlesensten Geschenke wurden für sie auf sein Geheiß herbeigebracht, und noch mehrere versprach er ihr für die Zukunft, wenn es ihr glücken sollte, die Trojaner der Gefahr zu entreißen. Die Amazonenkönigin aber erhub sich von dem Ehrenstuhl, auf dem sie Platz genommen, und vermaß sich eines Schwures, der noch keinem Sterblichen in den Sinn gekommen war; sie verhieß dem Könige den Tod des göttergleichen Achill: ihn und alle Scharen der Argiver wollte sie vertilgen, und ihr Feuer sollte alle feindlichen Schiffen fressen! So schwor die Törin, welche den lanzenschwingenden Helden und seinen furchtbaren Arm noch nicht kannte. Als Andromache, Hektors trauernde Witwe, dieses Versprechen mit anhörte, da dachte sie bei sich selber: ›O du Arme, du weißt nicht, was du gesprochen hast und wessen du dich im Stolze vermissest! Wie sollte dir die Kraft zu Gebote stehen, die zum Kampfe mit dem männermordenden Helden erforderlich ist? Bist du von Sinnen, Verlorene, und siehest das Ziel des Todes nicht, vor dem du jetzt schon stehest? Schauten doch auf meinen Gatten Hektor, wie auf einen Gott, alle Trojaner hin, und doch hat der Speer des Peliden seinen Hals durchbohrt! O möchte mich die Erde verschlingen!‹

So dachte Andromache bei sich. Indessen war der Tag zu Ende gegangen, und nachdem die Heldinnen sich vom Zuge erholt und mit Speise und Trank gelabt hatten, wurde der Fürstin und ihren Begleiterinnen von den Dienstmägden des Palastes ein behagliches Lager bereitet, auf welchem Penthesilea bald in einen tiefen Schlummer sank. Da nahete ihr auf Athenes Befehl ein verderbliches Traumbild. Ihr eigener Vater erschien ihr im Schlafe und drang in sie, den Kampf mit dem schnellen Achill zu beginnen. Der Jungfrau, wie sie das täuschende Gesicht erblickte, schlug das Herz im Busen, und sie hoffte noch am heutigen Tage das Ungeheure zu vollführen. Erwacht, sprang sie vom Lager und legte sich die schimmernde Rüstung, die ihr Ares selbst geschenkt hatte, um die Schultern, paßte sich die goldenen Schienen an, umhüllte sich mit dem strahlenden Panzer und warf das Wehrgehäng, an welchem in einer Scheide von Silber und Elfenbein das mächtige Schwert hing, sich über die Achsel. Dann nahm sie ihren Schild, welcher schimmerte wie der Mond, wenn er aus dem Spiegel des Meeres aufsteigt, und setzte den Helm aufs Haupt, von dem eine goldgelbe Mähne herabfloß. In die Linke nahm sie zwei Speere, und in die Rechte eine zweischneidige Axt, welche ihr einst die verderbliche Göttin der Zwietracht als Kriegswaffe geschenkt hatte. Als sie so in der blinkenden Rüstung zum Palaste hinausstürmte, glich sie einem Blitzstrahle, den die Hand des Zeus vom Olymp auf die Erde herabschleudert.

Jauchzend vor Lust eilte sie zu den Mauern der Stadt hinaus und ermunterte die Trojaner zum rühmlichen Kampfe. Auf ihren Ruf versammelten sich auch sogleich die tapfersten Männer, die vorher dem Achill nicht mehr entgegenzusehen gewagt hatten. Penthesilea selbst aber schwang sich im Drange der Kriegslust auf ein schönes, schnellfüßiges Pferd, ein Geschenk der Gemahlin des thrakischen Königes Boreas, das so rasch flog wie die Harpyien. Auf diesem Rosse jagte sie hinaus aufs Schlachtfeld und alle ihre Jungfrauen, gleichfalls zu Rosse ihr nach. Ganze Scharen troischen Volkes begleiteten sie. König Priamos, der im Palaste zurückblieb, hob seine Hände gen Himmel und betete zu Zeus: »Höre, o Vater, und laß Achajas Scharen am heutigen Tage vor der Tochter des Ares in den Staub sinken, sie selbst aber glücklich in meinen Palast zurückkehren. Tue es deinem gewaltigen Sohne Ares zu Ehren; tu es ihr selbst zu Liebe, die einem Gotte entstammt und euch unsterblichen Göttern so ähnlich ist; tu es auch um meinetwillen, der ich so vielfach gelitten, so viele schöne Söhne unter den Händen der Griechen habe dahinsinken sehen! Tu es, solange noch vom edeln Blute des Dardanos etwas übrigbleibt und die alte Stadt Troja noch unzerstört ist!« Kaum hatte er ausgebetet, so stürmte ihm zur Linken ein kreischender Adler durch die Luft, der eine zerrissene Taube in den Krallen hielt. Ein Schauer der Furcht durchbebte das Gebein des Königes bei diesem Vorzeichen, und die Hoffnung entsank seiner Brust.

Inzwischen sahen die Griechen in ihrem Schiffslager die Trojaner, an deren Mutlosigkeit sie sich seit einigen Tagen gewöhnt hatten, zu ihrem Staunen heranziehen wie reißende Tiere, die sich vom Gebirge herunter auf Schafherden stürzen. Einer sprach voll Bewunderung zum andern: »Wer hat doch wohl die Troer wieder vereinigt, die seit Hektors Tode alle Lust verloren zu haben schienen, uns je wieder zu bekämpfen? Das muß wohl ein Gott sein, der sich ihrer annimmt. Wohl! Sind wir doch auch nicht ohne Götter; und haben wir sie bisher bezwungen, so wird es uns auch heute gelingen!« So warfen sie sich in die Waffen und strömten kampflustig von den Schiffen heraus. Bald begann die blutige Schlacht, Speer streckte sich gegen Speer, Harnisch stieß auf Harnisch, Schild prallte an Schild und Helm an Helm, der Boden Trojas färbte sich einmal wieder rot vom Blute; Penthesilea wütete unter den griechischen Helden, und ihre Kriegerinnen wetteiferten mit ihr in Tapferkeit. Sie selbst erlegte den Molion und sieben andere Helden; als aber die Amazone Klonia den Menippos, den Freund des gewaltigen Podarkes, niederschlug, ergrimmte dieser und durchbohrte die Hüfte der Männin mit seiner Lanze; zu spät hieb ihm Penthesilea die zum Stoß ausholende Hand ab; ihre Kriegerin war in den Tod gesunken, und jenen retteten die entführenden Freunde. Jetzt wandte sich das Glück zu den Griechen, Idomeneus traf die Amazone Bremusa rechts in die Brust mit dem Speere, Meriones erschlug Euandra und Thermodoa, unter Ajax, des Oïleus Sohn, sank Derione; der Tydide hieb Alkibia und Derimacheia nieder, indem sein Schwert beiden die Häupter mitsamt dem Genicke von den Schultern trennte. Darauf kehrte sich der Kampf gegen die Trojaner. Sthenelos tötete den Kabeiros aus Sestos, und vergebens schnellte Paris seinen Pfeil auf den Mörder ab. Er flog vorüber und traf, von den grausamen Parzen abgelenkt, einen andern Griechen, den Helden Euenor von Dulichion, zum Tode. Sein Schicksal regte den Anführer der Dulichier, Meges, den mutigen Sohn des Königes Phyleus, auf; rasch wie ein Löwe sprang er heran, daß die Troer bestürzt vor ihm flohen. Er erschlug zwei ihrer besten Bundesgenossen, den Itymoneus und Agelaos von Milet, und auch Trojaner, soviel sein Speer erreichen konnte. Andre erlegten andre; denn ein furchtbares Schlachtgetümmel durchtobte die Reihen, und von beiden Seiten sanken an diesem Tage viele Helden in den Staub.

Penthesilea aber stürmte noch immer unbezwungen unter die Griechen, wie eine Löwin unter einer Rinderherde wütet, und diese wichen, von Schrecken ergriffen, zurück, wo sie nahte. Trunkenen Mutes rief ihnen die Siegerin entgegen: »Heute noch, ihr Hunde, sollet ihr die Schmach des Priamos mir büßen. Raubtieren und Vögeln sollt ihr zum Fraße modern, und keiner von euch soll Weib und Kind zu Hause wiederschauen, kein Erdhügel je über euren Gebeinen sich erheben! Wo ist Diomedes, wo Ajax, Telamons Sohn, wo der Pelide Achill, die besten unter eurem Heere? Warum kommen sie nicht und messen sich mit mir? Aber freilich, sie wissen, daß sie vor mir zerschmettert und zu Leichen werden müßten!« So rief sie und drang voll Verachtung auf die Argiver ein; bald wütete sie mit der Axt, bald mit dem Wurfspieß, und den Köcher voll Geschosse trug ihr, falls sie sein bedürftig wäre, ihr gelenkiges Roß. Ihr nach drängten sich die Söhne des Priamos und die Ersten der Trojaner. Diesem Andrange vermochten die Griechen nicht zu widerstehen; wie Blätter im Winde oder wie Regentropfen fielen sie gedrängt nacheinander, bald war das Gefilde mit argivischen Leichen bedeckt, und die Rosse der troischen Streitwagen zertraten verfolgend Gefallene und Tote wie gedroschenes Korn. Den Trojanern war nicht anders zu Sinne, denn als ob eine der Unsterblichen sichtbar vom Himmel herabgestiegen wäre, um ihnen die Scharen der Feinde bekämpfen zu helfen, und in der törichten Freude ihres Herzens glaubten sie schon an deren gänzliche Vernichtung.

Aber noch war das Getöse des Kampfes weder zu dem gewaltigen Ajax noch zu dem Göttersohn Achill gedrungen. Beide lagen fern am Grabe des Patroklos und gedachten hier ihres erschlagenen Freundes; so war es vom Geschicke verordnet, welches der Amazonenfürstin ein paar Stunden der Ernte gönnen wollte und sie mit Ruhm bekränzt zum Tode trieb. Auf den Mauem der Stadt standen die trojanischen Frauen und bewunderten jubelnd die Heldentaten ihrer Mitschwester. Eine von ihnen, Hippodameia, die Gattin des tapfern Trojaners Tisiphonos, fühlte sich plötzlich von Kampflust ergriffen: »Freundinnen«, sprach sie, »warum kämpfen nicht auch wir, unsern Männern gleich, fürs Vaterland, für uns und für unsere Kinder? Stehen wir doch nicht so ferne von dem kräftigen Geschlecht unserer Jünglinge: dieselbe Kraft wie ihnen ward auch uns verliehen; unsere Augen spähen nicht weniger scharf; unsere Knie wanken so wenig wie die ihrigen; Licht, Luft und Nahrung gehört uns wie ihnen; warum sollte nicht auch die Feldschlacht uns verliehen sein? Seht ihr denn nicht dort das Weib, das hoch hervorragt vor allen Männern? Und doch ist es nicht einmal von unserem Stamme! Es kämpft für einen fremden König, für eine Stadt, die nicht seine Heimat ist, und tut es unbekümmert um die Männer, faßt sich einen Mut im Herzen und sinnt auf Unheil gegen die Feinde. Wir aber hätten für unser eigenes Glück zu fechten, und eigenes Unglück hätten wir zu rächen. Wo ist eine von uns, die in diesem unseligen Kriege nicht ein Kind oder einen Gatten oder einen Vater verloren hätte oder um Brüder oder andere nahe Verwandte trauerte? Und wenn unsere Männer unterliegen, was steht uns allen Besseres bevor als die Knechtschaft? Darum lasset uns den Kampf nicht länger aufschieben; lieber wollen wir sterben, denn als Beute von den Feinden hinweggeführt werden mit unsern unmündigen Kindern, wenn die Gatten tot sind und die Stadt hinter uns in Flammen steht!«


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