So sprach Hippodameia und erregte die Begierde nach Kampf in ihnen allen. Sie legten Wolle und Webekorb zur Seite, zerstreuten sich wie ein Bienenschwarm in ihre Häuser und griffen nach den Waffen. Unfehlbar wären alle ein Opfer ihres unsinnigen Eifers geworden, wenn nicht die Schwester der Königin Hekabe, Theano, die Gemahlin Antenors, welche weiser war als alle anderen, sich ihrem unsinnigen Beginnen widersetzt hätte. Diese suchte sie mit verständigen Worten zu beschwichtigen. »Was wollt ihr anfangen, ihr Unvernünftigen«, rief sie den schon Ausziehenden entgegen; »gegen die Danaer wollt ihr ziehen, die in Waffen und im Kampfe geübten Männer? Wie möget ihr hoffen, euch mit ihnen messen zu können? Habt ihr denn je Kriegswerk getrieben wie die Amazonen, habt Rosse tummeln gelernt und anderes Tun der Männer? Dazu ist jenes Wunderweib noch eine Tochter des Kriegsgottes, ihr aber seid alle Kinder von Sterblichen. Deswegen sollt ihr Weiber bleiben, euch ferne vom Schlachtgetümmel halten und im innern Hausraume der Spindel pflegen; den Krieg aber mögt ihr den Männern lassen. Noch sind ja diese aufrecht und umringen schirmend eure Stadt; noch ist es nicht so weit gekommen, daß sie der Hilfe ihrer Weiber bedürften und diese zur Verteidigung der Stadt aufrufen müßten!«
Den klugen Worten der bejahrten Troerin schenkten die aufgeregten Frauen allmählich Gehör, kehrten auf die Mauer zurück und sahen bald wieder, wie zuvor, von ferne der Schlacht zu. Indessen mordete Penthesilea fort, und die Scharen der Argiver erbebten vor ihr; die Helden begannen zu fliehen und zerstreuten sich da- und dorthin, die einen, nachdem sie die Wehre von den Schultern auf den Boden geworfen, die andern in voller Waffenrüstung: Rosse und Wagen flogen hier- und dorthin ohne Führer; überall hörte man Gewinsel der Sterbenden, denn alles sank zusammen vor dem Schlachtspeer der Amazone.
Immer vorwärts drangen die Trojaner; schon waren sie ganz nahe an den Schiffen der Griechen angekommen und machten Anstalt, diese zu verbrennen. Da hörte endlich Ajax, der gewaltige Sohn des Telamon, das Kriegsgeschrei, hob sein Haupt vom Grabhügel des Patroklos empor und sprach zu Achill: »Kampfbruder, mir drang ein unendliches Getöse zu den Ohren, gleich als hätte sich irgendwo ein gefährlicher Kampf erhoben. Laß uns gehen, daß die Trojaner uns nicht zuvorkommen und doch einmal die Schiffe verbrennen!« Diese Worte regten den Peliden auf, und jetzt wurde auch sein Ohr von dem Jammergeschrei erreicht. Eilig warfen sich beide in ihre schimmernde Rüstung und gingen, in Waffen leuchtend und von Streitlust brennend, der Gegend zu, von welcher der Hall des Kampfes ihnen entgegenlärmte.
Durch die gebrochenen Reihen der Argiver zuckte eine Freude, als sie die beiden tapfersten Männer heraneilen sahen. Diese aber stürzten sich sogleich mit brennendem Eifer in den Kampf und fingen an, unter dem trojanischen Heere zu würgen. Ajax warf sich auf die Männer, und seinen ersten Speerstößen erlagen vier Trojaner. Achill aber kehrte sich gegen die Amazonen, und vier der Jungfrauen erlagen seinen Streichen: dann stürzten sich beide miteinander auf die Masse des feindlichen Heeres, und mit geringer Mühe waren die noch jüngst so dicht stehenden Reihen der Feinde gelichtet.
Als Penthesilea dies inneward, stürzte sie unmutig ihren beiden Feinden entgegen, wie ein Panthertier den Jägern entgegeneilt. Jene aber reckten sich, daß ihre ehernen Panzer klirrten, und hielten ihre Lanzen empor. Die Amazone warf ihren Speer zuerst auf Achill. Der Schild des Helden fing ihn auf, daß er zersplitternd abprallte, als wäre er auf einen Felsen gestoßen. Mit der zweiten Lanze zielte sie jetzt auf Ajax, und zugleich rief sie beiden Helden zu: »Wenn auch mein erster Wurf mißlang, dieser zweite soll euch Prahlern Kraft und Leben rauben, die ihr euch rühmet, die Stärksten im Heere der Danaer zu sein, aber jetzt nur hergekommen seid, um zu erfahren, daß ein Weib mehr vermag als ihr beide zusammen!« So rief sie und brachte durch ihre Rede die Helden zum Lachen. Ihre Lanze aber erreicht die silberne Beinschiene des Ajax, und so gerne sie in seinem Blute geschwelgt hätte, vermochte sie doch nicht einmal seine Haut zu ritzen, denn die Waffe prallte von der ehernen Fußbekleidung ab. Ajax, ohne sich viel um die Amazone zu bekümmern, stürzte sich auf die Schlachtreihen der Trojaner und überließ dem Achill die Feindin, denn er zweifelte in seinem Geiste keinen Augenblick, daß dieser allein mit ihr fertig werden würde, so bald wie ein Habicht mit einer Taube.
Penthesilea, als sie sah, daß auch ihr zweiter Wurf ohne Erfolg geblieben, stieß einen lauten Seufzer aus; Achill aber maß sie mit seinen Blicken und rief ihr zu: »Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können, dich so übermütig uns entgegenzuwerfen und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen, uns, die wir vom Blute des Donnerers selbst entsprossen sind und vor welchen Hektor bebte und erlegen ist? Der Wahnsinn muß aus dir gesprochen haben, als dein Mund uns heute mit dem Tod bedrohte; denn siehe, dein eigenes letztes Stündlein ist gekommen.« Mit diesen Worten drang er auf sie ein, die unbezwingliche Lanze, das Werk des Zentauren Chiron, seines Erziehers, schwingend. Ihr Wurf traf die Kriegerin oberhalb der rechten Brust, so tief, daß alsbald das schwarze Blut aus der Wunde strömte und alle Kraft ihre Glieder verließ. Die Axt fiel ihr aus der Hand, und ihr Auge hüllte sich in Finsternis. Doch erholte sie sich noch einmal und sah ihrem Feinde, der eben heranstürmte, sie vom flüchtigen Rosse zu ziehen, fest ins Antlitz. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie ihr Schwert aus der Scheide ziehen und sich wehren oder vom Rosse steigen und zu dem Sieger flehend ihm Gold und Erz genug für ihr Leben versprechen sollte. Aber Achill ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen. Im Zorn über ihren Stolz durchbohrte er Roß und Reiterin mit einem Stoße. Alsbald glitt diese herab und sank in den Staub und ins Verderben, am Speer zuckend und mit dem Rücken an das flüchtige Streitroß angelehnt, das sterbend auf den Knien lag, sie selbst einer schlanken Tanne gleich, die der Nordwind geknickt hat.
Als die Trojaner den Fall ihrer Heldin gewahr wurden, stürzten sie voll Betäubung zurück nach den Toren der Stadt, wehklagend über den Tod der Amazone und ihrer eigenen vielen Stammesverwandten. Der Sohn des Peleus aber rief mit Frohlocken: »So liege du denn, du armes Geschöpf, den Raubvögeln und Hunden zur Weide! Wer hat dich auch mit mir kämpfen geheißen? Du hofftest wohl unermeßliche Gaben aus der Hand des Königs Priamos als Kampfpreis zu empfangen, dafür, daß du so viele Griechen erschlagen hast? Aber ein anderer Lohn wurde dir zuteil!« So sprach er und zog ihr und dem Pferde den Speer aus dem Leibe, und noch zuckten beide. Dann nahm er ihr den Helm vom Haupte ab und betrachtete das Antlitz der Verschiedenen. Obgleich von Blut und Staub bedeckt, waren doch ihre edeln Züge auch im Tode noch voll Anmut, und die Griechen, die den Leichnam umringten, mußten alle über die überirdische Schönheit der Jungfrau staunen, die, ähnlich der nach heißer Gebirgsjagd schlummernden Artemis, in voller Waffenrüstung dalag. Achill selbst, als er sie länger betrachtete, fühlte sich von überschleichendem Schmerze bestrickt und mußte sich gestehen, daß die Fürstin, anstatt von ihm getötet zu werden, viel eher verdient hätte, als herrliche Gattin mit ihm in Phthia einzuziehen.
In den tiefsten Schmerz aber versank der Vater der Amazone, der Kriegsgott, über ihren Tod. Wie ein Blitz mit rollendem Donner stürzte er sich bewaffnet vom Olymp herunter auf die Erde und schritt über die Gipfel und Schluchten des Berges Ida hin, daß Gebirg und Tal unter seinem Schritte erbebten. Und sicherlich hätte er den Griechen das Verderben gebracht, wenn ihn nicht Zeus, der Freund der Danaer, durch ein furchtbares Gewitter gewarnt hätte, das sich Schlag auf Schlag über seinem Haupte entlud und in welchem er die Stimme seines allmächtigen Vaters vernahm, so daß Ares, so sehr er sich nach dem Kampfe sehnte, es doch nicht sogleich wagte, dem Willen des Donnerers entgegenzuhandeln, und mitten auf dem Wege nach dem Schlachtfelde stillestand. Er war unschlüssig, ob er zum Olymp zurückkehren sollte oder, dem Vater trotzend, hingehen und seine Hände in das Blut des Achill tauchen. Zuletzt gedachte er jedoch der vielen Söhne Zeus' selbst, die nach dem Ratschlusse des Vaters sterben mußten und die er selbst nicht imstande gewesen, vor dem Tode zu schützen. So besann er sich denn des Besseren; kannte er ja doch seinen allgewaltigen Vater und wußte, daß, wer sich ihm widersetzt, vom Blitze gebändigt und zu den Titanen in die Unterwelt hinabgeschleudert wird.
Um den Leichnam Penthesileas drängten sich inzwischen die Danaer und fingen an, die Tote ihrer Waffen zu berauben. Achill aber stand mit ganz verwandeltem Gemüte daneben, er, der noch soeben ihren Leib den Hunden und Vögeln zum Fraße hatte preisgeben wollen. Mit tiefer Wehmut blickte er auf die Jungfrau hernieder, und es nagte ihm keine geringere Qual am Herzen als einst, da er um seinen liebsten Freund, den erschlagenen Patroklos, jammerte.
Unter den herbeiströmenden Griechen näherte sich auch der häßliche Thersites und fiel den Helden mit schmähenden Reden an: »Bist du nicht ein Tor«, rief er ihm zu, »daß du dich um die Jungfrau abhärmen magst, die uns allen doch so vielfaches Unheil bereitet hat? Du zeigst dich fürwahr als einen weibischen Lüstling, daß dich eine Sehnsucht nach der Schönheit dieser Erschlagenen beschleicht! Hätte dich doch ihre Lanze in der Schlacht getötet, du Unersättlicher, der du meinst, daß alle Weiber deine Beute werden müßten!« Wütender Zorn bemächtigte sich des Helden, als er aus dem Munde eines Elenden solche Schmähworte hören mußte. Er versetzte dem häßlichen Schelter mit der bloßen Faust einen solchen Streich auf die Wange, daß ihm die Zähne aus dem Munde fielen, ein Blutstrom hervorschoß und Thersites, sich auf dem Boden krümmend, seine feige Seele aushauchte. Da war unter den Umstehenden keiner, der ihn bedauert hätte, denn sein einziges Geschäft war gewesen, andere zu schmähen, indes er selbst im Felde und im Rate sich immer nur als einen armseligen Wicht bewies. Achill aber sprach voll Unmut: »Hier magst du denn im Staube liegen und deine Torheit vergessen lernen! Denn Torheit ist es, wenn der Schlechtere sich dem Besseren gleichstellen will! Wie mich, hast du schon früher den Odysseus gereizt; aber er war zu großmütig, dich zu bestrafen. Jetzt erfuhrest du, daß der Sohn des Peleus sich nicht ungestraft schelten läßt. Geh jetzt und schmähe bei den Schatten!«
Nur einer war unter dem ganzen griechischen Heere, dem der Tod des Thersites die Galle aufregte: Diomedes, des Tydeus Sohn, und zwar deswegen, weil der Erschlagene aus einem Blute mit ihm entsprungen war, denn sein Großvater Öneus und des Thersites Vater waren Brüder gewesen. Darum zürnte jetzt Diomedes, und er hätte die Waffen gegen Achill erhoben, wenn nicht die edelsten Danaer ins Mittel getreten wären, denn auch der Pelide war bereit, ihm für das Blut seines Vetters mit dem Schwerte Genugtuung zu geben. So aber ließen sich beide beschwichtigen.
Die Atriden selbst erlaubten nun, voll Mitleid und Bewunderung für die getötete Jungfrau, daß dem Könige Priamos, der durch eine feierliche Botschaft sich die Leiche erbeten hatte, um sie in der Gruft des Königes Laomedon zu bestatten, ihr Leichnam ausgeliefert werde. Priamos aber errichtete ihr vor der Stadt einen mächtigen Scheiterhaufen und legte den Leib der Jungfrau samt vielen herrlichen Gaben darauf. Dann entzündete er den Holzstoß, daß er hoch emporloderte, und als der Leichnam verzehrt war, löschten die umstehenden Trojaner den Brand mit süß duftendem Weine. Sodann sammelten sie die Gebeine Penthesileas, legten dieselben in ein Kästchen und trugen sie wehklagend und in feierlichem Aufzug in die Gruft des Königes Laomedon, die sich an einem hervorragenden Turme der Stadt befand. Neben ihr wurden ihre zwölf Begleiterinnen, die alle ebenfalls in der Männerschlacht geblieben waren, beigesetzt, denn auch ihnen hatten die Söhne des Atreus diese Ehre gegönnt. Auf der andern Seite begruben auch die Griechen ihre Toten und bejammerten vor allen den Podarkes, der seinem Bruder Protesilaos, welchen Hektor erschlagen hatte, nun im Schlachtentode gefolgt war. Abgesondert von den andern wurde ihm ein eigener Grabhügel erhöhet, der ein weithin sichtbares Denkmal bildete. Zuletzt scharrten sie auch den häßlichen Thersites ein, und nun kehrten sie wieder zu ihren Schiffen zurück, alle voll Danks im Herzen gegen den gewaltigen Achill, der auch diesmal der Retter der Griechen war.
Als die Nacht einbrach, lagerten sich im geräumigen Zelte der Atriden die vornehmsten Helden zum Schmause, und auch die andern Griechen freuten sich, da und dort hingestreckt, des erquickenden Mahles, bis der Morgen wieder anbrach.