Viertes Kapitel

Fortsetzung des Vorhergehenden

Es ist eine alte Bemerkung, daß man einer schönen Dame die Zeit nur schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindrücken, die eine andre auf unser Herz gemacht hat, unterhält. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre Schilderungen, je schöner unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist, desto gewisser dürfen wir uns versprechen, unsre Zuhörerin einzuschläfern. Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein lassen, welche eine würklich im Besitz stehende Geliebte mit der Geschichte ihrer ehemaligen verliebtet Abenteuer unterhalten. Agathon, welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungs-Kraft Meister zu sein, hatte diese Regel gänzlich aus den Augen verloren, da er einmal auf die Erzählung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er bedachte nicht, daß es weniger anstößig wäre, eine Geliebte, wie Danae, mit der ganzen Metaphysik der intellektualischen Liebe, als mit so enthusiastischen Beschreibungen der Vorzüge einer andern, und der Empfindungen, welche sie eingeflößt, zu unterhalten. Eine Art von Mittelding zwischen Gähnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir seine Erzählungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck von langer Weile, der aus einer erzwungnen Miene von vergnügter Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er errötete, und es fehlte wenig, daß er den Zusammenhang seiner Geschichte darüber verloren hätte. Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung irgend einen zufälligen Vorwand zu geben, und setzte seine Erzählung fort, indem er fest bei sich beschloß, genauer auf sich selbst Acht zu geben, und seine Beschreibungen so sehr abzukürzen, als es nur immer möglich sein würde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl befinden werden, als die schöne Danae, wenn er anders fähig sein wird, sich selbst Wort zu halten.

»Die süßen Träume«, (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) »worin mein Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht würkliches genug, diesen angenehmen Zustand meines Gemütes lange zu unterhalten. Eine zärtliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war, bemächtigte sich meiner so stark, daß ich Mühe hatte, sie vor denjenigen zu verbergen, mit denen ich einen Teil des Tages zubringen mußte. Ich suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag über, nur wenige Stunden in meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den größten Teil der Zeit, worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgeben, mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In einer dieser Nächte begegnete es, daß ich von ungefähr in eine Gegend des Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten, die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin ließ das Gebüsche, welches in labyrinthischen Krümmungen mit hohen Zypressen und vielen selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Bäumen, von denen sich immer eine Reihe über die andere erhub, eingefaßt, auf der andern Seite aber nur mit niedrigem Myrten-Gesträuch und Rosen-Hecken leicht umkränzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weißem Marmor, von überhangendem Rosen-Gesträuche beschattet, welche auf ihren Urnen zu schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein geräumiges Becken von poliertem schwarzem Granit-Marmor ergoß, worin die Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden, sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach) der Diana heilig; und kein männlicher Fuß durfte, bei Strafe, sich den Zorn dieser unerbittlichen Göttin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem geheiligten Ruhe-Platz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Göttin eine Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwärmers, der (ohne den mindesten Vorsatz, ihre Ruhe zu stören, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam), sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu lassen, begünstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu mir herabgestiegen wäre. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, für denjenigen erkannte, der mir öfters, um ihn desto gewisser vermeiden zu können, beschrieben worden war; so war würklich mein erster Gedanke, daß es die Göttin sei, welche, von der Jagd ermüdet, unter ihren Nymphen schlummre. Von einem heiligen Schauer erschüttert, wollte ich schon den Fuß zurückziehn; als ich beim Glanz des seitwärts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, daß es meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich mich nur erinnern darf, um zu glauben, daß ein Wesen, welches einer solchen Wonne fähig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Götter bestimmt sein könne. Itzt konnt' ich natürlicher Weise nicht mehr denken, mich unbemerkt zurückzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebenswürdige Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am allerwenigsten einen männlichen vermuten konnte, durch keine plötzliche Überraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, daß sie staunte; ich betrachtete sie eine geraume Weile, ohne daß sie mich gewahr wurde. Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu verändern, und eine solche zu nehmen, daß sie, so bald sie die Augen aufschlage, mich unfehlbar erkennen müßte. Diese Vorsicht hatte die verlangte Würkung. Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell, um mich für einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr Vergnügen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, würde irgend ein artig gedrehtes Kompliment in Bereitschaft gehabt haben, um seine Freude über eine so reizende Erscheinung auszudrücken; die Gelegenheit konnte nicht schöner sein, sie für eine Göttin, oder wenigstens für eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum gemäß zu begrüßen. Aber ich, von neuen, nie gefehlten, unbeschreiblichen Empfindungen gedrückt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren Füßen hätte ich mich werfen mögen; aber die Schüchternheit, welche (zumal in meinem damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist, hielt mich zurück; ich besorgte, daß sie sich einen nachteiligen Begriff von der tiefen Ehrerbietung, die ich für sie empfand, aus einer solchen Freiheit machen möchte. Meine Unbekannte war nicht so schüchtern; sie hub sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte, vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. ›Wie finde ich den Agathon hier?‹ sagte sie mit einer Stimme, die ich noch zu hören glaube; so lieblich, so rührend schien sie unmittelbar in meine Seele sich einzuschmeicheln. In der süßen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine bessere Antwort, als sie zu versichern, daß ich nicht so verwegen gewesen wäre, ihre Einsamkeit zu stören, wenn ich vermutet hätte, sie hier zu finden. Das Kompliment war nicht so artig, als es ein junger Athenienser bei einer solchen Gelegenheit gemacht hätte; aber Psyche (so erfuhr ich in der Folge, daß meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um Komplimente zu erwarten. ›Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu spät‹, versetzte sie: ›Was wird Agathon von mir denken, da er mich an diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch‹ (setzte sie errötend hinzu) ›ist es glücklich für mich, wenn ich ja einen Zeugen meiner Unbesonnenheit haben mußte, daß es Agathon war.‹ Ich versicherte sie, daß mir nichts natürlicher vorkomme, als der Geschmack, den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schönen Nacht, und in einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestätischen Pracht des sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der Sinne, und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Kräfte unsers unsterblichen Teils, hinzu - Dinge, welche bei den meisten Schönen, zumal in einem so anmutigen Myrten-Gebüsche, und in der einladenden Dämmerung einer so lauen Sommer-Nacht, sehr übel angebracht gewesen wären; aber bei der gefühlvollen Psyche rührten sie die empfindlichsten Saiten ihres Herzens. Das Gespräch, worin wir uns unvermerkt verwickelten, entdeckte eine Übereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern Neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches Verständnis zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele Jahre geliebet hätten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was ich sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte, ein bloßer Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und solcher Ideen zu sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur den erwärmenden Einfluß eines geübtern Geistes nötig hatten, um sich zu entfalten, und durch ihre naive Schönheit die erhabensten und sinnreichsten Gedanken der Weisen zu beschämen. Die Zeit wurde uns bei dieser Unterhaltung so kurz, daß wir kaum eine Stunde bei einander gewesen zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenröte erinnerte, daß wir uns trennen mußten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, daß meine Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen; daß sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corinth bis ins sechste Jahr erzogen, hernach aber von Räubern entführt, und an die Priesterin zu Delphi verkauft worden, welche sie in allen weiblichen Künsten, und da sie eine besondere Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die Dichter recht zu lesen, habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu ihrer Leserin gemacht habe. Diese Umstände waren für meine Liebe zu der jungen Psyche nicht sehr schmeichelhaft; allein das Vergnügen der gegenwärtigen Augenblicke ließ mich gar nicht an das Künftige denken; unbekümmert, wohin die Empfindungen, von denen ich eingenommen war, in ihren Folgen endlich führen könnten, überließ ich mich ihnen mit aller Gutherzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen, zu lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schönen Munde zu hören, in ihren seelenvollen Augen zu sehen, daß ich wieder geliebt werde. - Das waren itzt alle Glückseligkeiten, die ich wünschte, und über welche hinaus ich keine andere kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindrücken gesagt, die ihr erster Anblick auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese Eröffnungen mit dem Geständnis der vorzüglichen Meinung, welche ihr das allgemeine Urteil zu Delphi von mir gegeben hätte, erwidert; aber meine zärtliche und ehrfurchtsvolle Schüchternheit erlaubte mir nicht, ihr alles zu sagen, was mein Herz für sie empfand. Meine Ausdrücke waren lebhaft und feuerig; aber sie hatten mit der gewöhnlichen Sprache der Liebe so wenig ähnliches, daß ich weniger zu sagen glaubte, indem ich in der Tat unendlich mal mehr sagte, als ein gewöhnlicher Liebhaber, der mehr von seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten gerührt ist. Allein da wir uns scheiden mußten, würde mich mein allzuvolles Herz verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt hätte, einiges Mißtrauen in Empfindungen zu setzen, welche sie nach der Unschuld ihrer eigenen beurteilte. Ich zerfloß in Tränen, und setzte ihr auf eine so zärtliche, so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in der folgenden Nacht wieder in dieser Gegend finden zu lassen, daß es ihr unmöglich war, mich ungetröstet wegzuschicken. Wir setzten also, da uns alle Gelegenheit, uns bei Tage zu sprechen, abgeschnitten war, diese nächtliche Zusammenkünfte fort; und unsere Liebe wuchs und verschönerte sich zusehends, ohne daß wir dachten, daß es Liebe sei. Wir nannten es Freundschaft; und genossen ihrer reinsten Süßigkeiten, ohne durch einige Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft, beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen Freund, gewünscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir wünschten. Unsere Denkungs-Art, und die Güte unserer Herzen, flößte uns ein vollkommenes und unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein. - Meine Augen, welche schon lange gewöhnt waren, anders zu sehen, als man sonst in meinen damaligen Jahren zu sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes Mädchen, sondern die schönste, die liebenswürdigste der Seelen, deren geistige Reizungen aus dem durchsichtigen Flor eines irdischen Gewandes hervorschimmerten; und die wissensbegierige Psyche, welche nie glücklicher war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse meiner dichterischen Philosophie entfaltete, glaubte den göttlichen Orpheus oder den Apollo selbst zu hören, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so zärtlich und unkörperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige nahm auch zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber sie blieb sich selbst doch immer ähnlich. Nachdem uns der Name der Freundschaft nicht mehr bedeutend genug schien, dasjenige, was wir für einander empfanden, auszudrücken, wurden wir eins, daß unter allen Zuneigungen, derer uns die Natur fähig mache, die Liebe eines Bruders und einer Schwester zugleich die stärkste und die reineste sei. Die Vorstellung, die wir uns davon machten, entzückte uns; und nachdem wir oft bedauert hatten, daß uns die Natur diese Glückseligkeit versagt habe, wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht bälder eingesehen hätten, daß es nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stücke zu ersetzen.


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