»Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewißheit, was aus meiner Geliebten geworden sein möchte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von einer Sklavin der Pythia, welche ihre Freundin gewesen war, daß sie nicht mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen konnte; aber es war genug, mir den Aufenthalt von Delphi unerträglich zu machen. Nunmehr bedacht' ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte. Ich stahl mich in der nächsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so unbesonnenen Schrittes bekümmert zu sein; oder richtiger zu sagen, in einem Gemüts-Zustande, worin ich unfähig war, einige vernünftige Überlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; töricht genug mir einzubilden, daß sie mich, wo sie auch sein möchte, durch die magische Gewalt der Sympathie unsrer Seelen nach sich ziehen werde. Aber meine Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen Wanderschaft erfahren mußte, fühlte ich keinen andern Schmerz als die Trennung von meiner Geliebten und die Ungewißheit, was ihr Schicksal sei; ich würde die Versicherung, daß es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben bezahlt haben. Endlich führte mich der Zufall oder eine mitleidige Gottheit nach Corinth. Die Sonne war eben untergegangen, als ich von den Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Diät, deren ich nicht gewohnt war, äußerst abgemattet, vor dem Hofe eines von den prächtigen Landgütern ankam, welche die Küsten des Corinthischen Meeres verschönern. Ich warf mich unter eine hohe Zypresse nieder, und verlor mich in den Vorstellungen der natürlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft nicht vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine Situation fähig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt ausgestoßen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich ein Leben werde erhalten können, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt war - warf ich traurige Blicke um mich her - die ganze Natur schien mich verlassen zu haben - auf dem weiten Umfang der mütterlichen Erde sah ich nichts, worauf ich einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich die Last des Elends endlich aufgerieben haben würde; und selbst dieses konnte ich nur von der Frömmigkeit irgend eines mitleidigen Wanderers hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden durch die Erinnerung meiner vergangnen Glückseligkeit, und durch das Bewußtsein, daß ich mein Elend durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende Übeltat verdient hätte, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit tränenvollen Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem mein Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den wohltätigen Einfluß dieser glückseligen Schwärmerei, welche die Natur dem empfindlichsten Teil der Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die Übel, denen sie durch die Schwäche ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu haben scheint. Ich wandte mich an die Unsterblichen, mit denen meine Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer Gemeinschaft gestanden war. Der Gedanke daß sie die Zeugen meines Lebens, meiner Gedanken, meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, goß lindernden Trost in mein verwundetes Herz. Ich sahe meine geliebte Psyche unter ihre Flügel gesichert. Nein, rief ich aus, die Unschuld kann nicht unglücklich sein, noch das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem majestätischen All, worin Sphären und Atomen sich mit gleicher Unterwürfigkeit nach den Winken einer weisen und wohltätigen Macht bewegen, wär es Unsinn und Gottlosigkeit, sich einer entnervenden Kleinmut zu überlassen. - Mein Dasein ist der Beweis, daß ich eine Bestimmung habe. - Hab' ich nicht eine Seele welche denken kann, und Gliedmaßen, welche ihr als Sklaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben sind? - Bin ich nicht ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen will, bin ich nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir nicht die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche Stück der Glückseligkeit, sobald ich meine Kräfte anwende die Pflichten zu erfüllen, die mich mit der Welt verbinden? - Diese Gedanken beschämten meine Tränen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel zu überlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umstände zu setzen; als ich einen Mann von mittlerm Alter gegen mich herkommen sah, dessen Ansehen und Miene mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung einflößten. Ich raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschloß mit mir selbst, ihn anzureden, ihm meine Umstände zu entdecken, und mir seinen Rat auszubitten. Er kam mir zuvor. - Du scheinest vom Weg ermüdet zu sein, junger Fremdling, sagte er zu mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein Herz entgegen wallen machte; und da ich dich unter dem wirtschaftlichen Schatten meines Baumes gefunden habe, so hoffe ich, du werdest mir das Vergnügen nicht versagen, dich diese Nacht in meinem Hause zu beherbergen. Dieser Mann, den ich hieraus für den Herrn des Hauses, welches ich vor mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit, indem ich ihm für seine Leutseligkeit dankte, und mit einer Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte, bekannte; daß ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen, was er mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in diese Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weiß nicht, was ihn zu meinem Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es nicht sein; denn ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische Kleidung gegen eine schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft ziemlich abgenutzt worden war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei, daß mich der Zufall vielmehr ihm als einem seiner Nachbarn zugeführt habe; und so folgte ich ihm in sein Haus, dessen Weitläufigkeit, Bauart und Pracht einen Besitzer von großem Reichtum und vielem Geschmack ankündigte. Der Saal in dem wir zuerst abtraten, war mit Gemälden von den berühmtesten Meistern, und mit einigen Bild-Säulen und Brust-Bildern vom Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt ist, die Werke der schönen Künste bis zur Schwärmerei, und mein langer Aufenthalt in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte einige Stücke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die Künstler, deren Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern Meisterstücken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte, daß mein Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah, als ob er betroffen wäre, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig versprechenden Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler Kenntnis von Künsten sprechen zu hören, von denen gemeiniglich nur Leute von Stand und Vermögen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer kleinen Weile wurde gemeldet, daß das Abend-Essen aufgetragen sei. Er führte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der besten Schüler des Parrhasius mit Wasser-Farben niedlich übermalt waren. Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Geräte, die Aufwärter, alles stimmte mit dem Begriff überein, den ich mir bereits von dem Geschmack und dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und rezitierte ein Stuck aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir, daß er bei Tische diese Art von Gemüts-Ergötzung den Tänzerinnen und Flötenspielerinnen vorzöge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu einem Gespräch über die beste Art zu rezitieren, und über die Griechischen Dichter Anlaß, wobei ich meinem Wirte abermal Gelegenheit gab, zu stutzen, und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von zärtlicher Gemüts-Bewegung anzusehen. Er sah daß ich es gewahr wurde, und sagte mir hierauf, daß mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu Zeit betrachtete, weniger befremden würde, wenn ich die außerordentliche Ähnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Miene mit einer Person, welche er ehmals gekannt habe, wißte; doch du sollst selbst hievon urteilen, setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis der Wein und die Früchte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf, und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer doppelten Reihe Corinthischer Säulen von buntem Marmor ruhte, und prächtig erleuchtet war, auf und abgegangen waren, führte er mich in ein Cabinet, worin ein Schreibtisch, ein Büchergestell, einige Polster, und ein Gemälde in Lebensgröße auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Möbeln und Zierraten ausmachten. Er hieß mich niedersetzen, und nachdem er das Bildnis, welches ihm gegenüber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung angesehen hatte, redete er mich also an: Deine Jugend, liebenswürdiger Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die Zuneigung die ich in meinem Herzen für dich finde, rechtfertigen mein Verlangen, von deinem Namen, und von den Umständen benachrichtiget zu sein, welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in diese fremde Gegenden geführt haben können. Es ist sonst meine Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick für jemand einzunehmen. Aber bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog nicht widerstehen können; und du hast in diesen wenigen Stunden meine voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, daß ich mir selbst Glück wünsche, ihr Gehör gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und sei versichert, daß die Hoffnung, dir vielleicht nützlich sein zu können, weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bewährten Umgangs entdecken darfst. Ich wurde durch diese Anrede so sehr gerührt, daß sich meine Augen mit Tränen füllten - ich glaube, daß er darin lesen konnte was ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden konnte. Endlich sagte ich ihm, daß ich von Delphi käme; daß ich daselbst erzogen worden; daß man mich Agathon genennt hätte; daß ich niemalen habe entdecken können, wem ich das Leben zu danken habe; und daß alles was ich davon wisse, dieses sei, daß ich in einem Alter von vier oder fünf Jahren in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren gekommen, von den Priestern mit einer vorzüglichen Achtung angesehen, und in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde, geübet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte während daß ich dieses sagte, Mühe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veränderte sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen hätte. So natürlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte ich doch dieses mal unmöglich über die Bedenklichkeiten hinaus kommen, welche mir über meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem Freunde von meinen Jahren, für den ich mein Herz eben so eingenommen gefunden hätte, als für den Stratonicus, würde ich das Innerste meines Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich hätte vermuten können, daß er meine Empfindungen zu verstehen fähig sei: Aber hier hielt mich etwas zurück, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angeben konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf die Pythia, indem ich ihm so ausführlich, als es meine jugendliche Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie meine Tugend geführt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner Aufführung zufrieden, und nachdem ich meine Erzählung bis auf den Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich für ihn empfunden, fortgeführt; stund er mit einer lebhaften Bewegung auf, warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit Tränen der Freude und Zärtlichkeit in seinen Augen: - Mein liebster Agathon, siehe deinen Vater - hier, setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das Gemälde wies, welchem ich bisher den Rücken zugekehrt hatte, - hier, in diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Züge mich beim ersten Anblick in deiner Gesichts-Bildung gerührt, und diese Bewegung erregt haben, die ich nun für die Stimme der Natur erkenne.